Ein Bundeskanzler kündigt den grössten Umbau der Altersvorsorge seit Jahrzehnten an – und tut das nicht im Bundestag vor den gewählten Abgeordneten, sondern im Festsaal der Deutschen Börse vor rund 850 Bankern und Fondsverwaltern. Ausgerechnet dort, wo sein alter Arbeitgeber der grösste Einzelaktionär ist.
Friedrich Merz war von 2016 bis 2020 Aufsichtsratschef von BlackRock Deutschland, danach der wohl teuerste Türöffner der Republik und seit Mai 2025 ist er Bundeskanzler. Wer geglaubt hat, der Mann würde seine Interessenlage beim Amtseid ablegen wie einen alten Mantel, hat den Kapitalismus nicht verstanden. Er legt gar nichts ab. Er liefert.
Die Rede am passenden Ort
Am 2. Februar 2026, beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse in Eschborn, verkündete Merz einen «Paradigmenwechsel in der deutschen Altersversorgungspolitik». Die gesetzliche Rente werde «nur ein Baustein» eines neuen Versorgungsniveaus, kapitalgedeckte private und betriebliche Vorsorge sollten eine «wesentlich grössere Rolle spielen als bisher». Und dann der Satz, der den Saal abholte: Das werde für den Kapitalmarkt einen «erheblichen Wachstumsschub» auslösen. Ein Kanzler verspricht 850 Finanzleuten Wachstum für ihre Branche und nennt es Rentenreform. Der Ort war kein Zufall: BlackRock, der weltweit grösste Vermögensverwalter mit rund 14 Billionen Dollar unter Verwaltung, ist grösster Einzelaktionär genau dieser Deutschen Börse.
Wohin dein Rentengeld wandert
«Kapitalgedeckt» heisst im Klartext: Dein Geld fliesst nicht mehr an die heutigen Rentner, sondern in Aktien, Fonds und ETFs. Und wer beim Kürzel ETF nicht sofort an iShares denkt, hat den Marktführer übersehen – BlackRocks Hausmarke hält gut ein Drittel des europäischen ETF-Markts. Die geplante Frühstart-Rente, bei der der Staat für jedes Kind zehn Euro im Monat ins private Depot legt, wurde von einer Brancheneingabe flankiert, die unter anderem BlackRock und Vanguard unterzeichnet haben. Das Generationenkapital wiederum nimmt der Bund auf Kredit auf, um damit an internationalen Börsen zu spekulieren, während der Bundeshaushalt am Ende den Kapitalbedarf der DAX-Konzerne bedient, an denen BlackRock bei 32 von 40 beteiligt ist.
Was hier als Vorsorge verkauft wird, ist in Wahrheit eine Umleitung: Jeder Euro, der aus dem Umlagesystem in ein Aktiendepot abwandert, fehlt dem heutigen Rentner sofort und taucht als Gebühr, Provision und Kursfantasie bei den Fondsverwaltern wieder auf. Die Mechanik dahinter ist simpel: Presst man Millionen Sparer per Frühstart- und Aktienrente in dieselben Indizes, steigt die Nachfrage nach genau den Papieren, welche die grossen Fonds längst halten, die Kurse klettern und die Bestandsverwalter kassieren doppelt. Die gesetzliche Rente ist unspektakulär, aber sie speist sich aus der laufenden Wirtschaftsleistung und nicht aus der Tageslaune der Märkte. Genau deshalb soll sie weg. Für seine vier Jahre auf der Aufsichtsratsbank kassierte Merz nach eigener Aussage «nicht unter einer Million» brutto. Jetzt sorgt er dafür, dass ganz Deutschland dort einzahlt, wo er selbst schon abkassiert hat und du zahlst, wie schon beim Gas, am Ende die Rechnung.
Die zweite Kasse
Die Rente ist nur eine Front. Die andere heisst Aufrüstung. Merz, der im Wahlkampf 2025 die Schuldenbremse beschwor, brachte kaum im Amt ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und praktisch offene Kredite für die Rüstung durch den alten Bundestag. Die Rheinmetall-Aktie hat sich seit Kriegsbeginn versiebzehnfacht und grösster Aktionär von Rheinmetall ist seit Mai 2025 mit 5,25 Prozent ausgerechnet BlackRock. Damit die Waffenpapiere auch in die «nachhaltigen» Fonds dürfen, wird Rüstung in Brüssel gerade zur ESG-tauglichen Anlage umdefiniert.
Und der Konzern verdient nicht nur am Zerstören, sondern auch am Wiederaufbau: BlackRock hat mit der Regierung in Kiew ein Abkommen geschlossen, um den milliardenschweren Wiederaufbau der Ukraine zu koordinieren. Erst die Waffen, dann die Trümmer, dann der Fonds, der an beiden Enden mitschneidet. Die Schulden macht der Staat, die Zinsen zahlst du, die Dividende kassiert das Depot. Das ist keine Verschwörung, das ist eine Bilanz.
Was die Verteidiger sagen
Natürlich gibt es die andere Lesart und sie ist nicht ganz falsch. BlackRock Deutschland war zu Merz‘ Zeiten ein Zwerg mit rund 150 Mitarbeitern, ein Anhängsel der Londoner Zentrale und Merz dort kein Fondsmanager, sondern ein gut bezahlter Repräsentant. Der Konzern besitzt die Konzernanteile nicht, er verwaltet sie treuhänderisch für Millionen Kunden — mächtig durch Position, nicht durch Eigentum. Und die Demografie ist real, das Umlageverfahren ächzt, andere Länder fahren teilkapitalgedeckte Systeme seit Jahren. Alles wahr. Nur ändert es nichts an der einen Frage, wer die Weichen stellt und wer davon lebt. Ein Aufsichtsrat des Deutschland-Ablegers verdient trotzdem an jedem Klienten, den er der Zentrale zuführt. Und ein Regierungschef entscheidet über Gesetze, die genau diese Klienten reicher machen. Wenn der frühere Cheflobbyist des grössten Profiteurs exakt jene Umschichtung betreibt, bei der dein Vermögen in fremde Depots umgebucht wird, dann ist der Interessenkonflikt kein Gerücht, sondern eine Amtsbeschreibung.
Von der Aufsichtsratsbank ins Kanzleramt
Merz hat nie das Lager gewechselt, er hat bloss den Schreibtisch getauscht und die Interessen gleich mitgenommen. Sie nennen es Paradigmenwechsel, wenn dein Umlagegeld in die ETFs des weltweit grössten Vermögensverwalters wandert. Sie nennen es Verantwortung, wenn du dich für Rüstungsdividenden verschuldest, die du nie zu sehen bekommst. Sie nennen es Altersvorsorge, wenn deine Rente künftig davon abhängt, ob die Börse gute Laune hat an dem Tag, an dem du alt wirst. Und wenn der Crash kommt, gehört das Depot noch immer dem Fonds – dir gehört bloss das Risiko!









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