Ein Holzkopf sitzt im Finanzamt, Fäden am Schädel, Stempel in der Hand und drückt «ANGEORDNET» auf ein Formular. Neunzig Sekunden KI-Marionettentheater erklären dem Netz, warum der Staatsdiener kein Mensch mehr ist, sondern Werkzeug. Der Clip hat recht und ist trotzdem viel zu nett, weil er das Wort Marionette höflich in der Amtsstube parkt, wo es niemandem wehtut. Fremdgesteuert ist nämlich nicht der Sachbearbeiter am Schalter. Fremdgesteuert ist die Mehrheit, die ihn hasst, ihn wählt, seine Formulare ausfüllt und abends dasselbe Video teilt, in dem er als Puppe vorgeführt wird. Die interessante Frage lautet nicht, wer die Fäden hält. Sie lautet, warum so viele sie nicht loslassen wollen.
Was der Clip zeigt und was er verschweigt
Das Video arbeitet sauber. Dieselbe glatzköpfige Puppe sitzt im Gesundheitsamt, verwaltet Steuern, kontrolliert am Strassenrand, nimmt einem Wirt den Betrieb ab und über allem hängen Schnüre. Der Sprecher liefert die These trocken: Er unterscheide nicht, ob es moralisch richtig sei, er erfülle seine Aufgabe. Am Schluss kippt die Bildsprache ins Monumentale, ein Riesenbeamter zieht die Fäden über einer Stadt, an deren Fassaden «Freiheit ist Gehorsam» und «Gehorche und du bist frei» prangt, Orwell für Fortgeschrittene, dazu Kameras, Kontrollposten und ein Schild «Zutritt nur mit Erlaubnis».
Nur: Auch der Riese hängt an Schnüren. Das Bild ist ehrlicher als der Text, den es illustriert. Es gibt keinen Puppenspieler am Ende der Kette, es gibt nur die nächste Marionette mit besserem Büro. Genau hier hört der Clip auf zu denken und genau hier fängt die unangenehme Arbeit an, die niemand gerne macht.
Der Apparat produziert nicht nur willenlose Werkzeuge, er produziert Überzeugte, die hinterher behaupten, sie seien Werkzeuge gewesen. «Ich musste ja» ist kein Geständnis, sondern ein Alibi und es funktioniert bis heute, weil es so bescheiden klingt.
Die Puppe zieht selbst an den Fäden
Dasselbe Muster liegt im berühmtesten Gehorsamsexperiment der Psychologie. Stanley Milgrams Erklärung lautete, der Mensch falle in der Gegenwart einer Autorität in einen Zustand der Fremdsteuerung. Nur hält diese Deutung der Nachprüfung nicht stand. Alex Haslam und Stephen Reicher haben das Yale-Archiv durchgearbeitet, samt der Rückmeldebögen, die Milgram den Teilnehmern nachschickte und das auffälligste Merkmal der Antworten war nicht Belastung, sondern Zufriedenheit über die Teilnahme. Die Leute waren froh, der Wissenschaft gedient zu haben.
Die Fachleute nennen das engagierte Gefolgschaft statt blindem Gehorsam: Man quält nicht, weil man muss, sondern weil man sich mit der Sache identifiziert, die das Quälen angeblich nötig macht. Übersetzt in die Bildsprache des Videos heisst das, die Marionette hält ihre Schnüre selbst und hätte gerne ein Lob dafür. Niemand kontrolliert deinen Geist, ausser du erlaubst es und die Erlaubnis wird meistens freiwillig erteilt, gegen Quittung.
Angst als Dienstleistung, schriftlich bestellt
Wer das für Philosophie hält, bekommt es amtlich. Vom 19. bis 22. März 2020 schrieb eine vom damaligen Staatssekretär Markus Kerber zusammengeholte Runde in vier Tagen ein Papier für das deutsche Innenministerium, das am 1. April 2020 über FragDenStaat an die Öffentlichkeit gelangte. Darin steht nicht bloss ein Worst-Case-Szenario mit einer Million Toten. Darin steht, wie die Bevölkerung gezielt geschockt werden soll: Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müsse man die Urangst vor dem Ersticken bedienen und Kinder sollten begreifen, dass sie schuld sein könnten, wenn ein Elternteil qualvoll zu Hause stirbt.
Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist ein herunterladbares Dokument auf einem Ministeriumsserver. Fremdsteuerung ist dort kein Nebenprodukt der Bürokratie, sondern deren erklärtes Ziel, formuliert in der Sprache von Projektmanagement. Der Holzkopf im Video ist demnach gar nicht das Problem. Das Problem ist die Etage darüber, wo jemand die Angst als Massnahme plant und die Etage darunter, wo sie dankbar angenommen wird.
Der Applaus ist Teil des Apparats
Und jetzt der Teil, den der Clip naturgemäss nicht liefert: Er selbst ist KI-generiert, läuft auf TikTok und wird von einem Algorithmus ausgespielt, der genau weiss, welche Empörung dich zwölf Sekunden länger am Bildschirm hält. Wer ihn schaut, nickt, teilt und weiterwischt, hat keine Schnur gekappt, sondern bloss den Puppenspieler gewechselt, dieses Mal einen mit besserem Marketing. Die Erkenntnis, dass die anderen Marionetten sind, ist selbst ein Produkt. Sie kostet nichts, verpflichtet zu nichts und fühlt sich grossartig an, was sie zum bequemsten Artikel im Sortiment macht. Würde ist unbezahlbar, aber Empörung gibt es im Abonnement und die Mehrheit hat gebucht.
Der Satz am Schluss des Videos stimmt trotzdem: Jeder Mensch hat das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Nur ist ein Recht kein Rückgrat. Die Fäden reissen nicht, wenn du ein Video teilst, sie reissen, wenn du an einem Dienstagmorgen Nein sagst und die Kosten selbst trägst. Kein Mensch wurde als Untertan geboren, aber verdammt viele arbeiten hart daran, als einer zu sterben. Der Apparat braucht keine Überzeugungstäter, er braucht bloss genug Leute, die lieber zuständig sind als verantwortlich. Und das Widerlichste an der ganzen Nummer ist nicht der Beamte mit dem Stempel, sondern der Zuschauer, der ihn verachtet, während er selbst am Faden hängt – und das «Aufwachen» nennt!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







