Zehn Sekunden benötigt Ignazio Cassis, um dem Volk die Rechnung vorzulesen: Höhere Energiepreise, Angst, Unsicherheit, Inflation – «das ist der Preis des Krieges». Welcher Krieg, verrät der Schnipsel nicht, die Auswahl ist ja gross genug. Wer die Zeche zahlt, muss er nicht verraten, das weisst du ohnehin. Nur eines steht fest: Schuld ist der Krieg, die Weltlage, das Schicksal. Der Mann, der seit 2017 das Aussendepartement führt, sitzt wie immer als unbeteiligter Zuschauer im eigenen Theater.

Die Krise heisst Cassis – und die sechs Vasallen, die mitnicken

Dabei fällt diese Krise nicht vom Himmel. Sie hat eine Postadresse im EDA, ein FDP-Parteibuch, einen Gutachter aus dem Freundeskreis und sechs Kollegen am Bundesratstisch, die jeden Beschluss brav mittragen. Der Arzt aus dem Tessin erklärt dir die Krankheit, deren Erreger er selbst im Labor pflegt.

Der Preis des Krieges, fällig an der Zapfsäule

Der Bundesrat wirkt im Clip (siehe am Ende dieses Artikels) wie ein Chefarzt bei der Visite: Ernster Blick, besorgte Stirn, gnädige Diagnose. Dass der Patient die Therapie selbst berappt, bleibt Nebensache. Laut Bundesamt für Statistik lag die Jahresteuerung im August 2026 bei 0,8 Prozent, teurer wurden Benzin, Diesel und Heizöl. Amtlich also ein Klacks. Wer im Herbst den Öltank füllt, sieht das naturgemäss anders als ein Index.

Die Pointe liefert Cassis gleich selbst. Im Abstimmungskampf verteidigte er die Wirtschaftssanktionen gegen Russland mit dem Satz, «ganz ohne Nebenwirkungen für die Bevölkerung eines Krieg führenden Staates geht es aber leider nicht». Gemeint war die russische Bevölkerung. Die Schweizer Bevölkerung darf sich mitgemeint fühlen, sie steht nämlich auf derselben Packungsbeilage. Nur hat sie das Medikament nie bestellt.

Die Krise heisst Cassis – und die sechs Vasallen, die mitnicken

Neutralität auf Bestellung

Den Sanktionsentscheid von 2022 habe der Bundesrat innert vier Tagen gefällt, so schnell wie noch nie, erzählt Cassis stolz. Vier Tage für die Preisgabe einer über zweihundert Jahre alten Staatsmaxime, das schafft sonst nur ein Liquidator. Als die USA den Iran angriffen, fielen dagegen keine Sanktionen – das Gesetz erlaube nur die Übernahme von Massnahmen der UNO oder wichtiger Handelspartner wie der EU, so der Aussenminister. Übersetzt: Die Schweizer Neutralität ist genau so neutral, wie Brüssel es gerade beschliesst. Als die EU-Aussenminister jüngst in Irland neue Russland-Sanktionen berieten, schickte Cassis seinen Staatssekretär und bedauerte, wegen der Bundesratssitzung nicht selbst hingehen zu können.

Immerhin stoppte der Bundesrat im März die Kriegsmaterialexporte in die USA – laut Blick habe sich Cassis dabei gegen Parmelin durchgesetzt, der Washington im Zollstreit nicht verärgern wolle. Die Rechnung dafür schickte Swissmem prompt mit der Ansage von Kurzarbeit und Entlassungen. Der Ukraine durfte die Schweiz nicht einmal Helme liefern. Konsequenz sieht anders aus, das hier ist Neutralität nach Tageslaune.

Die Krise heisst Cassis – und die sechs Vasallen, die mitnicken

Dazu passt das Etikett, das Cassis 2022 am WEF «relativ spontan» als «kooperative Neutralität» erfand. Seit fast neun Jahren sitzt er im Bundesrat, am 27. September führt er mit der Neutralitätsinitiative seinen ersten Abstimmungskampf überhaupt. Ausgerechnet gegen eine Initiative, die jene Neutralität in die Verfassung schreiben will, die er zuvor zur Verhandlungsmasse erklärt hat.

Kahlschlag mit Freundschaftsrabatt

Wie Cassis Krisen produziert, zeigt sein eigenes Departement. Gemeinsam mit Bundespräsident Guy Parmelin kürzt er die Entwicklungszusammenarbeit um fast ein Viertel und stockt die humanitäre Hilfe um 60 Prozent auf. Weniger Brandschutz, mehr Feuerwehr – damit man beim nächsten Brand wenigstens gut aussieht. Die Schweiz zieht sich komplett aus Ghana, Südafrika, Aserbaidschan und ganz Lateinamerika zurück. Die aussenpolitischen Kommissionen seien laut Republik nur summarisch am Sitzungsende informiert worden, den angeblichen Sparauftrag des Parlaments in dieser Höhe gebe es gar nicht – das Departement bestreitet es nicht einmal. Die 300 Millionen Franken, die umgeschichtet werden, sind laut Finanzverwaltung viermal so hoch wie die Zusatzkredite, mit denen Cassis den Umbau begründet.

Die Krise heisst Cassis – und die sechs Vasallen, die mitnicken

Das Gutachten für den Umbau schrieb Daniel Schmutz, früherer Helsana-Direktor ohne jede Erfahrung in internationaler Zusammenarbeit. Cassis kennt ihn aus seiner Zeit beim Krankenkassenverband Curafutura, sein Generalsekretär hat mit ihm in St. Gallen studiert. Zur Erinnerung: Als Curafutura-Präsident strich der damalige Nationalrat für ein Teilzeitmandat 180’000 Franken pro Jahr ein, im Tessin hiess er dafür «Kranken-Cassis». Lobbywatch fand seine Mandate damals nicht einmal die anrüchigsten, er lege sie wenigstens offen – ein Freispruch, der mehr über Bern verrät als über Cassis. Wer das Vetternwirtschaft nennt, gilt in Bern als gehässig. Wer es Zufall nennt, wird Bundesrat. Damit die Fachleute im EDA nicht stören, gilt seit Cassis‘ Amtsantritt ein Informationsverbot gegenüber Parlamentariern.

Sechs Vasallen und ein Kollegialitätsprinzip

Ein einzelner Tessiner kann so viel Schaden nicht allein anrichten. Dafür benötigt es ein Kollegium, das nickt. Parmelin trieb den Kahlschlag mit an, VBS-Chef Martin Pfister lieferte das kriegsvölkerrechtliche Fundament für Cassis‘ Iran-Papier, das Gremium verabschiedete am 13. März 2026 die Botschaft zu den Bilateralen III – ein Paket mit 94 EU-Rechtsakten, für das 36 Bundesgesetze umgebaut werden. Wie tief sich andere Mitglieder vor Brüssel verneigen, führte Justizminister Beat Jans bereits beim Stiefelpolieren für von der Leyen vor. Nach aussen spricht der Bundesrat mit einer Stimme, nach innen hat keiner eine eigene. Ob Cassis 2027 nochmals antritt, lässt er offen – zuerst wolle er sehen, wie es mit den EU-Verträgen weitergeht. Der Kapitän verlässt das Schiff erst, wenn der Kurs auf Brüssel festgeschweisst ist.

Diagnose: Der Arzt ist die Seuche

Cassis ist nicht der Überbringer der Krise, er ist ihr Lieferant und seine sechs Vasallen quittieren jede Lieferung. Er erklärt dir den Preis des Krieges, als hätte er die Neutralität nicht selbst in vier Tagen verramscht. Er kürzt die Prävention, damit er beim nächsten Brand mit dem Löschschlauch posieren kann. Er stützt den Umbau auf das Gutachten des Studienkollegen seines Generalsekretärs. Und sieben Bundesräte zücken den Kugelschreiber, unterschreiben das eigene Versagen – und nennen dies «Kollegialität»!

Die Krise heisst Cassis – und die sechs Vasallen, die mitnicken
Die Krise heisst Cassis – und die sechs Vasallen, die mitnicken

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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