Es gibt Momente, in denen die politische Philosophie nicht im Hörsaal stattfindet, sondern auf dem Gehsteig. Andreas Thiel hatte so einen Moment. Zwei Polizisten. Ein Hund. Und eine Begegnung, die mehr über das Wesen des Staates aussagt als jedes Staatsrechtslehrbuch, das je gedruckt wurde.
Der Hund lief ohne Leine. Das geht natürlich nicht. Vorschrift ist Vorschrift. Die beiden Ordnungshüter stellten sich quer und verlangten – man höre und staune – mehr Respekt vor dem Steuerzahler. Thiel, offensichtlich nicht der Typ, der Unsinn unkommentiert stehen lässt, wies höflich darauf hin: Der Hund zahlt keine Steuern. Der Hund ist, im Gegensatz zu gewissen Anwesenden in Uniform, ein reiner Nettozahler. Nein, Moment – umgekehrt. Der Hund ist der einzige in der Runde, der dem System nichts entnimmt. Und damit war man mittendrin in einer der ältesten und ungeliebtesten Fragen der Staatswissenschaft: Warum zahlen Beamte Steuern?
Thiel formuliert es so klar wie schmerzhaft: Wenn der Staat Gehälter aus Steuergeldern zahlt und diese Gehälter dann wieder als Steuern einzieht – was genau hat man damit gewonnen? Man bräuchte dann nämlich Beamte, die Steuern verwalten, die aus Beamtengehältern stammen, die wiederum aus Steuern finanziert werden. Ein Kreislauf, der primär dazu dient, sich selbst zu rechtfertigen. Den beiden Polizisten hat diese Überlegung erkennbar keinen Eindruck gemacht. Bürokraten sind im Allgemeinen immun gegen Logik – das ist Berufsvoraussetzung.
Dann wurde es grundsätzlich. Thiel erklärte, sein Hund verfüge über zwei Qualitäten, die beim Menschen selten geworden seien: Guten Charakter und gute Erziehung. Weshalb er keine Leinenpflicht brauche. Die Polizisten, unbeeindruckt von diesem Argument, bestanden auf der Leinenpflicht. Weil Leinenpflicht. Fertig. So funktioniert der Staat: Nicht durch Argumente, sondern durch Verordnungen, die keiner Argumente bedürfen, weil sie bereits Verordnungen sind.
Thiel zog den historischen Vergleich zu Wilhelm Tell und Gessler – jenem Landvogt, der bekanntlich darauf bestand, dass man seinem Hut Respekt zolle. Nicht dem Menschen. Dem Hut. Die Parallele ist so offensichtlich, dass man fast schon Mitleid bekommt – fast. Die Leinenpflicht ist der Hut. Die Behörde ist Gessler. Und Tell schoss bekanntlich nicht auf den Hut.
Am Ende: Bussgeld angedroht. Privat, räumte einer der Polizisten ein, wäre er eigentlich gegen Leinenpflicht. Aber im Dienst – da ist man halt dafür. Das ist sie, die vollendete Staatsphilosophie in einem Satz. Privatmeinung links, Dienstvorschrift rechts, Rückgrat irgendwo in der Garderobe. Der Hund hat das alles kommentarlos zur Kenntnis genommen. Er ist klüger als wir. Und er zahlt keine Steuern. Zu Recht.






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