Ein Professor für Kriegsforschung am King’s College London hat aufgeschrieben, dass Westeuropa auf einen Bürgerkrieg zuläuft. Die Wahrscheinlichkeit beziffert er auf über fünfzig Prozent. Er nennt das eine konservative Schätzung. Die Reaktion des Kontinents besteht aus einem Verordnungsvorschlag, einer Einsortierung des Autors ins rechte Lager und einem Waffenbestand, den niemand zählen kann. Man muss die These nicht teilen. Man sollte nur wissen, dass sie existiert, wer sie vertritt und wo sie veröffentlicht wurde.
Der Professor, den man lieber nicht zitiert
David Betz ist Professor of War in the Modern World am Department of War Studies des King’s College London und Senior Fellow des Foreign Policy Research Institute. Sein Aufsatz «The Future of War Is Civil War» erschien 2023 begutachtet in der Zeitschrift Social Sciences. Dazu kommen zwei Essays im Military Strategy Magazine, 2023 und 2025, sowie eine gemeinsame Arbeit mit dem Strategietheoretiker M.L.R. Smith über die strategische Anatomie kommender Bürgerkriege. Das ist kein Telegram-Kanal. Das ist die Institution, die Britanniens Offiziere ausbildet.
Seine Faktoren klingen unangenehm vertraut: Zusammenbruch des Sozialkapitals, asymmetrischer Multikulturalismus, wahrgenommene Statusumkehr der Mehrheitsbevölkerung, Konfliktlinie entlang Stadt gegen Land, verwundbare Infrastruktur als Auslöser. Als Zündfunken nennt er eine schwere Messerattacke, eine Amokfahrt oder ein besonders ungerechtes Gerichtsurteil. Gerichtsurteil. Merk dir das Wort für später.
Die Arithmetik, die niemand nachrechnen mag
Betz rechnet nicht aus dem Bauch, sondern mit den Modellen von Barbara F. Walter, deren Buch über die Entstehung von Bürgerkriegen die Grundlage liefert. Wo die Symptome vorliegen, veranschlagt die Forschung vier Prozent Konfliktwahrscheinlichkeit pro Jahr, also rund achtzehn Prozent über fünf Jahre. Betz zählt mindestens zehn westliche Staaten in dieser Risikoklasse und rechnet die Ansteckungsgefahr dazu. Dass solche Wahrscheinlichkeitsrechnungen zum Bürgerkrieg nicht neu sind, macht sie nicht harmloser.
Sein eigentlicher Vorwurf richtet sich nicht an die Politik, sondern an seine eigene Zunft. Die strategische Forschung schliesse Bürgerkrieg im Westen schlicht aus, weil reiche Staaten mit stabilen Regierungen als immun gelten. Das war eine bequeme Annahme, solange sie stimmte. Betz‘ Antwort auf die Frage, was Generäle jetzt tun sollten, ist von einer Nüchternheit, die einem den Nachmittag verdirbt: Sie sollen sich eine politische Weisung besorgen, die ihnen erlaubt, den Fall überhaupt zu planen. Sie dürfen es derzeit nämlich nicht.
35 Millionen Argumente ohne Registriernummer
Die zweite Zahl kommt nicht von einem Professor, sondern von der Europäischen Kommission selbst. In der EU befinden sich rund 35 Millionen illegale Feuerwaffen in zivilen Händen. Im Schengener Informationssystem sind gerade einmal etwa 630’000 als gestohlen oder verloren erfasst. Das ist keine Dunkelziffer mehr, das ist ein Verhältnis von eins zu fünfundfünfzig.
Europol warnt seit Mai 2022, dass die Verbreitung von Schusswaffen und Sprengstoff in der Ukraine den Handel in die EU über etablierte Schmuggelrouten und Online-Plattformen anheizen kann. Ausdrücklich hält die Behörde fest, dass die Bedrohung nach Kriegsende noch grösser sein dürfte. In einem internen Schreiben an den Rat berichtete sie von kriminellen Netzwerken, die den Schmuggel erheblicher Mengen an Schusswaffen und Munition einschliesslich militärischer Waffen betreiben oder planen. Ein internes Papier des Auswärtigen Amtes von Februar 2024 zitiert Europol mit dem Satz, dass beim Datenaustausch innerhalb der EU keine systematischen Abgleiche möglich seien.
Vier Jahre nach der ersten Warnung, im Februar 2026, hat die Kommission dann einen Vorschlag für neue EU-weite Vorschriften vorgelegt. Begründung: Das geltende Recht regelt nur legalen Besitz und legale Verbringung. Der Kontinent hat also drei Jahrzehnte lang Regeln für Sportschützen verfeinert und dabei übersehen, dass die anderen fünfunddreissig Millionen Waffen nicht am Schiessstand liegen.
Die Gegenrede, die man ernst nehmen muss
Betz hat Kritiker. Ihr bestes Argument ist nicht der Vorwurf, er bediene das rechte Lager. Es ist historisch. Der New Statesman legt seine Statusumkehr-Diagnose neben Enoch Powells Rede von 1968 und die Reihe der britischen Bürgerkriegsprophezeiungen davor und danach: Die Ulster-Krise 1912, das gefälschte Sinowjew-Schreiben 1924, den Bergarbeiterstreik 1984. Keine davon führte zum Bürgerkrieg. Die Angst kehrt zurück, sobald sich eine dominante Schicht bedroht fühlt. Der Bürgerkrieg bleibt trotzdem aus.
Nur zieht diese Kritik einen Schluss, der Betz‘ Gegnern selbst nicht schmecken dürfte. Wenn die Bürgerkriegsrhetorik ein wiederkehrendes politisches Drehbuch ist, dann lautet dessen dritter Akt immer gleich: Existenzielle Bedrohung ausrufen, den Apparat dagegen aufbauen, die Bedrohung gerade weit genug weghalten, damit der Apparat bleibt. Die Gefahr sei nicht der Bürgerkrieg, sondern das autoritäre Land, das man zu seiner Verhinderung errichtet. Wer sehen will, wie das in der Praxis aussieht, muss nicht spekulieren, sondern nur nach Schweden schauen.
Damit steht der Bürger zwischen zwei Prognosen, die beide gegen ihn ausgehen. Behält der Professor recht, kommt der Konflikt. Behalten seine Kritiker recht, kommt der Apparat, der ihn verhindern soll – und bleibt.
Die Zugbrücke ist schon bestellt
Am aufschlussreichsten ist Betz‘ anderes Buch, das kaum jemand zitiert. Es heisst «The Guarded Age» und handelt von Befestigungsanlagen im 21. Jahrhundert, von Mauern, Sperren, gesicherten Zonen. Wer die Prognose des Kriegsforschers verstehen will, muss nicht seine Wahrscheinlichkeitsrechnung lesen, sondern seine Bestandsaufnahme: Es wird bereits gebaut. Nur nicht an den Aussengrenzen.
Europa hat eine begutachtete Bürgerkriegsprognose und beantwortet sie mit einer Zuständigkeitsprüfung. Es hat fünfunddreissig Millionen Waffen im Umlauf und sechshundertdreissigtausend davon in der Kartei. Es gibt eine Behörde, die seit vier Jahren warnt. Es hat ein Aussenministerium, das seit zwei Jahren weiss, dass niemand die Daten abgleichen kann. Und wenn es irgendwann knallt, wird man erklären, niemand habe das kommen sehen können – obwohl es sauber zitierfähig in einer begutachteten Fachzeitschrift steht, seit drei Jahren!











«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







