Ein Mann mit der Nummer 179679 auf dem Unterarm sitzt am 29. Juli 2014 in seinem Wohnzimmer in Heiloo und sagt seiner Besucherin: «Wenn wir wirklich Menschen bleiben wollen, müssen wir aufstehen und die Zionisten als das bezeichnen, was sie sind: Nazi-Verbrecher.» Der Mann heisst Hajo Meyer, er hat Auschwitz überlebt, er ist Physiker, Geigenbauer und Jude. Drei Wochen später ist er tot, das Gespräch erscheint zwei Tage nach seinem Tod als sein Vermächtnis. Zwölf Jahre danach stellt eine UN-Kommission Völkermord fest und Israels Armee räumt 70’000 Tote ein. Der Satz eines Sterbenden hat sich nicht abgenutzt, er ist zur Aktenlage geworden.
Der Mann, der wusste, wovon er sprach
Hajo Meyer wurde 1924 in Bielefeld geboren. Mit 14 schickten ihn die Eltern allein nach Holland, weil ein jüdischer Junge in Deutschland nicht mehr zur Schule durfte. 1940 marschierte die Wehrmacht auch dort ein, Meyer tauchte unter, die Gestapo fand ihn im März 1944 und verfrachtete ihn nach Auschwitz. Er kam zurück, wurde Physiker, baute im Ruhestand Geigen und schrieb Bücher mit Titeln, bei denen deutsche Feuilletonisten reflexartig nach dem Riechsalz greifen. Wer ihm später Antisemitismus vorwarf, musste zuerst erklären, warum ausgerechnet die Tätowierung im Vernichtungslager nicht als Qualifikation für das Thema zählt.
Meyer hat den Unterschied, den seine Gegner so gern verwischen, ein Leben lang durchgehalten: Er sprach von Zionisten, nie von Juden. Im letzten Gespräch antwortete er auf Netanyahus Vorwurf, die weltweiten Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg von 2014 seien Ausdruck von Israel-Hass, mit dem Satz von den Nazi-Verbrechern und schob nach, der Hass der Deutschen auf die Juden sei weniger tief verwurzelt gewesen als der Hass der israelischen Juden auf die Palästinenser. Sechzig Jahre Gehirnwäsche, so Meyer, hätten dafür gesorgt, dass man in Israel einen Palästinenser nicht mehr als Menschen sehen könne. Er forderte einen umfassenden Boykott Israels und riet den Palästinensern, ihren Kampf nicht aufzugeben, notfalls mit Steinen und mit Waffen, weil sie sonst ihre Selbstachtung verlören.
Wie man einen Auschwitz-Überlebenden zum Antisemiten erklärt
Die Antwort des Apparats auf einen Zeugen, den man nicht widerlegen kann, ist seit Jahrzehnten dieselbe: Man erklärt ihn zum Antisemiten. Henryk M. Broder nannte Meyer und seinen Verleger 2005 «koschere Antisemiten» und titelte über eine Lesung in Leipzig «Holo mit Hajo – Wie zwei Juden für die Leipziger den Hitler machen». Das Amtsgericht Tiergarten sprach Broder 2006 frei, das Oberlandesgericht Frankfurt segnete 2007 letztinstanzlich ab, dass ein Auschwitz-Überlebender Antisemit genannt werden darf, weil es auch einen von Juden ausgehenden Antisemitismus geben könne. Ein deutsches Gericht erklärt es für zulässig, einem Mann mit KZ-Nummer Judenhass zu unterstellen. Wer das Muster kennt, weiss, wie Juden behandelt werden, die das Falsche sagen.
2010 sprach Meyer am Holocaust-Gedenktag im britischen Parlament, eingeladen von einem damals unbekannten Hinterbänkler namens Jeremy Corbyn. Acht Jahre später, als Corbyn Labour führte, musste er sich öffentlich dafür entschuldigen, einem Auschwitz-Überlebenden ein Podium gegeben zu haben. Der Auftritt eines Zeugen des Holocaust am Holocaust-Gedenktag war zum Skandal geworden, weil der Zeuge das Falsche bezeugt hatte. Die Gegenseite hat ihre Position inzwischen institutionalisiert: Die IHRA-Arbeitsdefinition von 2016 führt den Vergleich israelischer Politik mit den Nazis ausdrücklich als Beispiel für Antisemitismus. Meyer wäre nach dieser Definition ein Antisemit. Broder hat also nur vorweggenommen, was heute Dutzende Regierungen unterschrieben haben. Bleibt die Frage, was eine Definition wert ist, die ihr eigener Autor als umgebaute Waffe bezeichnet.
Zwölf Jahre später liefert Gaza den Beleg
Meyer sprach 2014 während der Bombardierung von Gaza. Am 16. September 2025 stellte die UN-Untersuchungskommission unter Navi Pillay fest, Israel habe im Gazastreifen vier der fünf Tatbestände der Völkermordkonvention erfüllt: Töten, schwere körperliche und seelische Schäden, Lebensbedingungen zur Zerstörung der Gruppe, Verhinderung von Geburten. Die Absicht sei aus den Aussagen der israelischen Führung selbst ablesbar. Israels Aussenministerium nannte den Bericht verzerrt und falsch. Dieselbe Regierung hatte zwei Jahre lang die Totenzahlen aus Gaza als Hamas-Propaganda abgetan, bis Ende Januar 2026 hochrangige Militärvertreter einräumten, rund 70’000 Bewohner des Gazastreifens seien getötet worden, Vermisste nicht mitgezählt. Man arbeite nun daran, zwischen Terroristen und Unbeteiligten zu unterscheiden. Erst töten, dann sortieren. Wer in dieser Reihenfolge einen Unterschied zu den Verwaltungsakten der Männer erkennt, die Meyers Nummer eintätowierten, möge ihn benennen.
Die Reaktion des Westens läuft nach Muster: Wer das Verbrechen benennt, wird zum Täter des Wortes erklärt, während der Täter der Tat Waffen geliefert bekommt. Dass der Zionismus und das Dritte Reich keine Fremden waren, belegen die Archive seit 1933.
Ein Zeuge, den man nicht mehr entschuldigen kann
Man kann Meyers Vergleich für masslos halten. Man kann mit Broder und der IHRA argumentieren, der Nazi-Vergleich sei per Definition Judenhass, egal wer ihn zieht. Nur muss man dann erklären, warum eine Definition, die einen Auschwitz-Häftling zum Antisemiten macht, irgendetwas anderes schützt als die, die sie geschrieben haben. Meyer wollte nie Juden treffen, er wollte eine Ideologie treffen, die seinen Namen und seine Nummer als Freibrief benutzt. Genau darum war er so gefährlich für sie: Der Holocaust ist ihr Kapital und Meyer hat es ihnen in seinem letzten Interview abgesprochen.
Ein Sterbender nennt Zionisten Nazi-Verbrecher und die Zivilisation antwortet mit einer Arbeitsdefinition. Zwölf Jahre später zählt der Täter seine Toten selbst und kommt auf 70’000, ohne die unter dem Schutt. Und der Westen belegt die einzigen, die es aussprechen, mit Definitionen und Entschuldigungen – und nennt dies «Kampf gegen Antisemitismus»!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







