Jeder Minister, der eine Rede über Digitalisierung hält, verkauft dasselbe Wunder: Die Maschine fräst sich durch den Aktenberg, der Antrag ist in Minuten erledigt, der Sachbearbeiter wird überflüssig. Siebzig Jahre Erfahrung erzählen eine andere Geschichte. Jede Rechenmaschine, die je gegen eine Verwaltung antrat, endete als neues Möbelstück im Amt, samt zusätzlichem Personal, das es bedient.
Wer glaubt, künstliche Intelligenz schaffe die Bürokratie ab, hat nicht begriffen, wozu Bürokratie da ist. Sie verarbeitet keine Akten. Sie verwaltet Macht und die gibt kein Amt freiwillig ab, schon gar nicht an einen Algorithmus.
Parkinson grinst seit 1955
Der britische Marinehistoriker C. Northcote Parkinson hat das Drama vor über siebzig Jahren in einem satirischen Aufsatz im «Economist» zu Ende erzählt. Die britische Admiralität beschäftigte 1914 rund 2000 Beamte, 1928 waren es 3569. Im selben Zeitraum schrumpfte die Flotte um ein Drittel an Mannschaft und um zwei Drittel an Schiffen. Mehr Schreibtische für weniger Kriegsschiffe, eine Marine auf dem Trockenen. Zwischen 1935 und 1954 schwoll der Stab sogar von rund 8100 auf knapp 33’800 Köpfe an. Fürs Kolonialamt errechnete Parkinson ein Wachstum von knapp sechs Prozent pro Jahr, ganz egal, wie viele Kolonien das schrumpfende Empire gerade noch besass. Parkinson destillierte daraus zwei Gesetze: Ein Beamter will Untergebene, keine Rivalen. Und Beamte erzeugen einander Arbeit. Die Zahl der Staatsdiener und die Menge der Arbeit, so sein trockener Befund, haben schlicht nichts miteinander zu tun.
Jetzt drück diesem Apparat ein Sprachmodell in die Hand. Die Maschine nimmt ihm Arbeit ab und der Apparat erfindet sofort neue Arbeit für die Maschine: Eine Richtlinie für den KI-Einsatz, eine Folgenabschätzung, einen Beauftragten, ein Ethikgremium, ein Prüfprotokoll für das Prüfprotokoll. Wie willig der Staatsdiener als Werkzeug funktioniert, hat das Marionettentheater im Finanzamt bereits vorgeführt. Neu ist nur, dass die Fäden jetzt digital gezogen werden.
Kiew 1970: Der Computer verliert gegen den Finanzminister
Die Hoffnung auf den Rechner als Amtsersatz hat schon einmal ein Imperium beschäftigt. Viktor Gluschkow leitete ab 1962 zwanzig Jahre lang das Institut für Kybernetik in Kiew und entwarf mit OGAS ein Netz, das die gesamte Planwirtschaft steuern sollte: Ein Zentralrechner in Moskau, bis zu 200 Knoten in den Städten, bis zu 20’000 Terminals in den Betrieben. So beschreibt es der Medienhistoriker Benjamin Peters in seiner Aufarbeitung. Am 1. Oktober 1970 trat Gluschkow vor das Politbüro. Breschnew und Kossygin blieben fern. Finanzminister Wassili Garbusow wollte das Geld für sein eigenes Ministerium und schlug stattdessen Computer vor, die in Hühnerställen blinken und Musik spielen, damit die Hennen mehr Eier legen. Das Projekt verschwand in der Schublade. Laut Peters haben Minister, Funktionäre und Fabrikdirektoren es versenkt, weil es ihrem institutionellen Eigeninteresse widersprach. Übrig blieben Hunderte inkompatible Insellösungen.
Chile versuchte es unter Salvador Allende mit Stafford Beers Projekt Cybersyn, wie die Historikerin Eden Medina dokumentiert: Ein einziger Grossrechner, 400 eingelagerte Fernschreiber, ein futuristischer Kontrollraum. Im Lastwagenstreik vom Oktober 1972 jagte das Fernschreibernetz laut Beer rund 2000 Meldungen pro Tag durchs Land und half der Regierung über die Krise. Die Technik funktionierte, die Machtfrage entschied sie nicht. Der Putsch vom 11. September 1973 beendete das Experiment, bevor der Raum je den Präsidentenpalast erreichte.
Am Wissen hat es nie gefehlt
Der Berliner Flughafen BER sollte 2011 öffnen, ging am 31. Oktober 2020 in Betrieb und verteuerte sich laut Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup von rund 2,7 auf knapp sechs Milliarden Euro. Sein Fazit gegenüber Reuters: «Wir deutschen Ingenieure haben uns geschämt.» An Daten mangelte es nie. Es mangelte an jemandem, der unterschreibt und dafür geradesteht. Ein Sprachmodell fasst die Brandschutzakte in drei Sekunden zusammen. Wer haftet, wenn die Entrauchung nicht zieht, beantwortet es nie. Die KI verkürzt den Weg zur Akte, nicht den Weg zur Entscheidung, denn die Entscheidung ist genau das, was im Amt niemand treffen will.
Ludwig von Mises hat das 1944 in «Bureaucracy» auf den Punkt gebracht: Einem Amt fehlt der Massstab von Gewinn und Verlust, also misst es seinen Erfolg an der Einhaltung von Vorschriften. Friedrich August von Hayek ergänzte 1945 in «The Use of Knowledge in Society», dass das entscheidende Wissen verstreut bei unzähligen Menschen liegt und nur der Preis es bündelt. Eine KI sammelt Daten schneller, aber sie erzeugt weder Preise noch Verluste. Den Wortberg der EUdSSR mit seinen 20 Millionen Wörtern Regulierung hat Brüssel ohne jedes Sprachmodell aufgetürmt. Mit einem wächst er bloss schneller.
Schulhaus, Siedlung, Stillstand
Dasselbe Muster zieht sich bis ins Dorf. Die Sanierung des Schulhauses verteuert sich, während die Baukommission zum dritten Mal tagt und die geplante Siedlung verstaubt jahrelang in der Einsprachenschlaufe. Keines der beiden Projekte leidet an zu wenig Textverarbeitung. Sie scheitern an Submissionsregeln, Budgetdeckeln, Unterschriftenkaskaden und an der ewigen Frage, wer am Ende den Kopf hinhält. Daran ändert kein Chatbot etwas.
Wer den Apparat wirklich schrumpfen wollte, bräuchte keine Rechenzentren, sondern vier unbequeme Regeln. Erstens: Das Amt, das ein Dossier führt, entscheidet auch und reicht es nicht bloss weiter. Zweitens: Wer eine Frist reisst, trägt die Folgen, nicht der Antragsteller. Drittens: Schweigen gilt als Ja. Deutschland kennt diese Genehmigungsfiktion bereits, nach drei Monaten gilt ein Antrag als bewilligt, allerdings nur dort, wo ein Gesetz das ausdrücklich anordnet und das Amt darf die Frist einmal verlängern. Viertens: Jede neue Vorschrift bekommt ein Verfallsdatum und stirbt, sobald niemand ihre Verlängerung begründet. Keine dieser Regeln benötigt eine einzige Zeile Code. Genau deshalb wird keine davon umgesetzt, denn sie kosten den Apparat Macht statt Budget.
Bern spart mit KI und stellt ein
Die Schweiz liefert den Laborbeweis gleich selbst. Der Personalbestand des Bundes wuchs von 2020 bis 2025 um 22 Prozent auf rund 39’200 Vollzeitstellen, berichtet die «Netzwoche». Am stärksten legte ausgerechnet das Bundesamt für Informatik zu, mit 45,8 Prozent, rund zwei Drittel davon allerdings aus der umgehängten Armeeinformatik. Dasselbe Amt baut Koby, den KI-Dienst der Bundesverwaltung. Der Nationalrat will eine Obergrenze fürs Personal, weil KI ja Effizienz bringe. Der Bundesrat lehnt ab.
Automatisierung funktioniert nur dort, wo niemand Macht verliert. Am 3. Dezember 1959 ersetzte die PTT die letzte Handvermittlung der Schweiz, die Telefonistinnen wurden entlassen oder versetzt. Sie hatten keine Lobby. Heute trifft die Digitalisierung lieber jene, die kein Smartphone besitzen und deshalb aus dem Amt ausgesperrt werden, während das Amt selbst seine Überwachungssysteme ausbaut. Die Telefonistin verlor 1959 ihren Stuhl, der Amtsvorsteher bekommt 2026 einen zweiten für den KI-Beauftragten. Parkinson schrieb das Gesetz, Bern liefert die Zahlen. Die Maschine ersetzt jeden, der keine Unterschrift leisten muss. Und wer Verantwortung tragen müsste, lässt sie sich jetzt vom Algorithmus wegformulieren!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







