Ein 79-jähriger Milliardär hat einen Film gedreht, in dem die Wahrheit über eine ausserirdische Vertuschung dadurch ans Licht kommt, dass jemand ein Video im Abendfernsehen ausstrahlt. Im Jahr 2026. In einer Welt, die seit zwanzig Jahren weiss, dass Fernsehen das ist, was die Eltern im Hintergrund laufen lassen, während sie auf dem Handy ihre Symptome googeln.
«Disclosure Day» von Steven Spielberg läuft seit dem 12. Juni in den Kinos und die halbe Welt hat beschlossen, das Ding entweder als psychologische Kriegsführung oder als Offenbarung zu behandeln. Beides geht am Kern vorbei. Es ist schlicht das Endprodukt der Wahnvorstellungen eines Mannes, der reich und mächtig genug ist, sie der gesamten Spezies in den Rachen zu stopfen. Willkommen in der Boomer-Hölle.
Der teuerste Heimatfilm einer untergehenden Mediengeneration
Spielberg ist der umsatzstärkste Regisseur der Filmgeschichte, rund 115 Millionen Dollar hat dieser Film gekostet und etwa 300 muss er weltweit einspielen, um nicht als Verlust in die Bilanz zu wandern. Mit dieser Feuerkraft hätte er ein Drehbuch schreiben lassen können, das einen vor Sehnsucht nach der Invasion auf die Knie zwingt. Stattdessen bekommt man eine Meteorologin, einen Whistleblower und ein 78-jähriges Archiv geheimer Akten, das per Liveübertragung an die Menschheit geleakt werden soll, während ein Konzernschurke das verhindern will. Die Frage, warum niemand das Material einfach hochlädt, kommt dem Film nicht in den Sinn. In Spielbergs Universum kontrolliert man eine Wahrheit, indem man eine Fernsehsendung verhindert. Das ist kein Plot. Das ist eine Generation, die den Tod ihres eigenen Mediums noch immer nicht bemerkt hat.
Und das Beste: Vier von fünf Kritikern und drei von vier Zuschauern finden das grossartig. Rund 44 Millionen Dollar am ersten US-Wochenende, der beste Start, den je ein Spielberg-Originalfilm hingelegt hat. Die Boomer-Hölle hat eben hervorragende Kritiken.
Die Verschwörung, die sich keiner verdient hat
Pünktlich zur Premiere meldete sich die übliche Erweckungsbewegung. David Icke warnte, die mitfühlende Darstellung der Ausserirdischen solle uns auf die Begrüssung unserer neuen galaktischen Oberherren konditionieren. Andere wittern eine inszenierte Alien-Invasion, mit der ein KI-Überwachungsstaat legitimiert werden soll — und tatsächlich hat die US-Regierung in den vergangenen Wochen gleich zwei neue Ladungen UFO-Akten freigegeben, was das Timing der Marketingmaschine reichlich verdächtig aussehen lässt.
Hier liegt der Denkfehler, der das ganze Lager so rührend macht: Es setzt voraus, dass unsere Eliten klug sind. Dass irgendwo im Hintergrund jemand einen brillanten, mehrstufigen Plan ausheckt. Wer einen Überwachungsstaat errichten will, benötigt keinen Spielberg-Film über sprechende Meteorologinnen. Den echten KI-Techno-Faschismus baut man gerade ganz offen, mit Pressemitteilung und Manifest. Niemand muss dafür erst zur Begrüssung von Graumännchen erzogen werden. Die unbequeme Wahrheit ist banaler und deshalb schlimmer: Es gibt keinen Masterplan. Es gibt einen alten Mann mit zu viel Geld und einer fixen Idee.
Der erschütterte Glaube, der nie erschüttert wurde
Damit auch die Frommen ihren Empörungsmoment bekommen, liess Spielberg im CBS-Interview fallen, sein Film nehme die «Position der Kirche» ein und frage, ob Gott nur auf diesem Planeten Gott sei. Eine ehemalige Nonne als Schlüsselfigur, «ontologischer Schock», «soziale Verwerfung» — die Werbeabteilung konnte ihr Glück kaum fassen. Der Clip ging viral, gerahmt als Frontalangriff auf den christlichen Glauben.
Dumm nur: Wer den Film tatsächlich gesehen hat, berichtet das genaue Gegenteil. Eine sympathische christliche Figur beantwortet die Frage, ob Ausserirdische Gott widerlegen würden, mit einem schlichten Nein, die Kirche kommt durchweg gut weg. Die «Provokation» war ein Werbetrick, der «erschütterte Glaube» eine Schlagzeile, die niemand belegen kann. Auch das ist Boomer-Hölle: Ein Mann, der so lange im Mittelpunkt des Universums sass, dass er ernsthaft glaubt, seine privaten Glaubensfragen müssten zwei Milliarden Gläubige aus dem Tritt bringen.
Der teuerste Tagebucheintrag der Filmgeschichte
Am Ende steht ein Werk, das gleichzeitig zu harmlos für eine Verschwörung und zu teuer für einen Privatscherz ist. Die Tragödie ist nicht, dass uns ein finsterer Plan überzieht, sondern dass eine Generation noch immer den Takt vorgibt, deren Realität bei der Tagesschau aufhört. Sie haben das Fernsehen gerettet, die Schallplatte, die Zeitung und das Privileg, sich selbst für den Mittelpunkt zu halten. Sie verfilmen ihre eigenen Ängste mit neunstelligem Budget und nennen das Mut. Und wenn die Wahrheit eines Tages wirklich ausgestrahlt wird, schaltet längst niemand mehr ein — denn vergessen hat man ihnen nur zu sagen, dass der Sender abgeschaltet wurde!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








