Der Mensch kommt frei zur Welt und bekommt noch im Wochenbett die erste Rechnung präsentiert: Er soll werden. Er soll wachsen, sich finden, sich heilen, sich übertreffen, ein besseres Exemplar seiner selbst herauspressen, als hätte das nackte Dasein einen Konstruktionsfehler. Und während er ein ganzes Leben damit zubringt, dieses Soll abzustottern, vergisst er die eine Wahrheit, die ihm keine Behörde, keine Ahnenreihe und kein Heilsverkäufer je zugestehen wird: Ich muss gar nichts!
Der Fluch, der wie Freiheit klingt
Es gab eine Zeit, da kam der Zwang von aussen, sichtbar, mit Peitsche und Gebot. Du sollst. Heute trägt die Fessel ein freundlicheres Gesicht und flüstert: Du kannst. Der Philosoph Byung-Chul Han hat diesen Tausch in seiner Müdigkeitsgesellschaft seziert und seine Diagnose liest sich wie ein altes Beschwörungsprotokoll: Das Leistungssubjekt beutet sich selbst aus, freiwillig, ohne dass jemand mit dem Stock danebenstehen müsste. Der Aufseher ist nach innen gewandert. Das ist der eigentliche Zauber dieser Zeit, kein Tyrann hält dich gefangen, du tust es selbst und nennst es Selbstverwirklichung. Der älteste Trick jeder dunklen Magie besteht darin, dem Opfer einzureden, die Kette sei sein eigener Schmuck. Eine elegantere Form der Besessenheit hat die Geschichte selten hervorgebracht.
Der Weg führt nach unten, nicht nach vorn
Alle wollen weiter. Weiter wohin, fragt sich, wer einmal innehält. Die Antwort ist immer dieselbe Richtung: Nach aussen, nach oben, fort von sich. Niemand will zurück, hinab, dorthin, wo das Leiden begann und wo die Seele ihre erste Maske angelegt hat. Dabei kennen die alten Mysterien nur einen einzigen ernsthaften Weg und der zeigt nach unten. Die Mystiker nannten es den Abstieg, die Alchemisten die Schwärze vor dem Gold, die nordischen Sänger das Hängen am Baum, neun Nächte lang, bis das Wissen aus der Tiefe steigt.
Keiner dieser Wege fügt etwas hinzu. Sie nehmen weg. Wer das Selbst sucht, sucht keine Ware, die noch fehlt, sondern eine Gestalt, die längst da ist und nur unter Schichten liegt. Das wahre Selbst wird nicht erschaffen wie ein Möbelstück, es wird erinnert. Es liegt nicht am Ende einer Weiterbildung, es liegt unter ihr, verschüttet von lauter Hüllen, die man sich überstreift, um nicht erkannt zu werden, am wenigsten von sich selbst. Erleuchtung ist kein Aufstieg ins Licht, sondern das Ablegen dessen, was es verdeckt.
Das Heiligtum der Selbstverbesserung
Dass aus dieser Sehnsucht ein Geschäft wurde, ist keine Verschwörung, sondern Liturgie. Der weltweite Markt für Selbstverbesserung war 2024 rund 48 Milliarden Dollar schwer und wächst der Erlösung entgegen wie eine Kathedrale ihren Türmen. Es ist ein Tempel mit Ablasshandel: Dieselbe Hand, die dir einredet, du seist nicht genug, verkauft dir das Seminar, das dich vermeintlich genug macht. Du zahlst für die Wunde und gleich danach für den Verband. Es ist die perfekte geschlossene Schleife, eine Schlange, die sich am eigenen Schwanz nährt und das Wachstum nennt. Wer einmal begriffen hat, dass die Krankheit und das Heilmittel aus derselben Werkstatt stammen, sieht das ganze fromme Theater mit anderen Augen. Ich habe das andernorts schon nüchterner ausbuchstabiert, in Glücklichsein um jeden Preis, denn das Glück ist die teuerste Pflicht von allen.
Der Inquisitor wohnt jetzt innen
Han schreibt, das Leistungssubjekt befinde sich mit sich selbst im Krieg, der Depressive sei der Invalide dieses inneren Gemetzels. Man muss kein Mystiker sein, um den Blutzoll zu sehen. In der Schweiz fühlt sich nach den Zahlen des Job-Stress-Index fast ein Drittel der Erwerbstätigen emotional erschöpft, der Stress kostet die Wirtschaft rund 7,6 Milliarden Franken im Jahr und ausgerechnet die Jüngsten, die Generation des grenzenlosen Du-kannst-alles-werden, stehen mit über 40 Prozent am tiefsten im roten Bereich. So sieht es aus, wenn ein Volk seinen eigenen Aufseher verinnerlicht hat. Der Egregor des Müssens benötigt keine Gefängnisse mehr, er nährt sich am Feuer der Seele selbst und lässt sie glauben, sie verbrenne aus eigenem Antrieb. Diesen inneren Scharfrichter habe ich an anderer Stelle vermessen, im inneren Richter, der jeden Tag aufs Neue ein Urteil spricht, das niemand verlangt hat.
Der Tod stellt keine Bedingungen
Am Ende kommt ohnehin der grosse Entwirrer und er liest keinen Lebenslauf. Der Tod fragt nicht, ob du dich optimiert, deine Träume verwirklicht oder dein bestes Selbst freigelegt hast. Die letzte Stunde kommt, gleichgültig, wie viele Seminare du besucht hast, um sie hinauszuzögern. Er ist der einzige Lehrmeister, der nicht schmeichelt und nichts verkauft. Genau darin liegt das einzige echte Einweihungswissen, das diese Zeit noch zu vergeben hat: Dass das Sein keine Prüfung ist, die man besteht, sondern ein Zustand, den man zulässt. Der Tod ist hier kein Feind, sondern Wegbereiter, denn er stellt die Frage, vor der jedes Müssen zerfällt: Was von alldem nimmst du mit hinunter? Wer darauf ehrlich antwortet, hört auf, sich selbst zu bekriegen. Er legt die Hüllen ab, solange er noch atmet, statt zu warten, bis der Tod ihm diese Arbeit grob und endgültig abnimmt. Das ist kein Trost, das ist eine Drohung mit umgekehrtem Vorzeichen.
Am Ende löst der Tod jede Maske, die du dir mühsam angeschnallt hast, in einer einzigen Nacht auf, gratis, gründlich und ohne dein Zutun. Wer das Müssen erst am Grab ablegt, hat ein ganzes Leben an einer Schuld getragen, die nie die seine war…










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