Frankreich eröffnet die Fussball-Weltmeisterschaft mit einer Premiere, auf die kein Sportverband gekommen wäre: Während die Spiele ab dem 11. Juni in den USA, Kanada und Mexiko angepfiffen werden, pfeift Clermont-Ferrand seine eigenen Kinder von der Strasse. Wer unter 16 ist und ohne Erwachsenen unterwegs, hat im Stadtzentrum zwischen 23 und 7 Uhr nichts mehr verloren – während der gesamten Turnierdauer bis zum 19. Juli. Die grösste Sorge der Behörden gilt nicht dem Terror, nicht Hooligans aus dem Ausland, sondern den eigenen Zwölf- bis Fünfzehnjährigen. Ein Land, das vor seinen Kindern kapituliert, nennt das dann «Schutzmassnahme».
Verkündet wurde das Ganze am 8. Juni in trauter Zweisamkeit von Bürgermeister Julien Bony und der Präfektin des Départements Puy-de-Dôme, Anne Frackowiak-Jacobs – drei Tage vor dem Eröffnungsspiel, wie es sich für Panik-Verwaltung gehört. Wer gegen die Sperrstunde verstösst, zahlt 150 Euro. Genauer: Die Eltern zahlen, denn Bony verkauft die Ausgangssperre laut Europe 1 als «Schutz der Minderjährigen» und als Erinnerung an die elterliche Pflicht. Man sperrt also Kinder weg, um sie vor sich selbst zu schützen. Mit derselben Logik liesse sich jede Massnahme der Weltgeschichte als Fürsorge etikettieren.
Eine Stadt verriegelt die Festtage
Die Sperrstunde ist dabei nur das Kronjuwel eines ganzen Verbotskatalogs. Fanzonen wird es laut franceinfo keine geben, entsprechende Anträge der Bars werden abgelehnt – ausdrücklich auch dann, wenn Frankreich das Finale erreicht. Übertragungen dürfen nur im Innern der Lokale laufen, die Bildschirme nach innen gedreht, damit ja kein Passant auf der Place de Jaude in Versuchung gerät, kollektiv zu jubeln. Dazu kommen eine Anti-Versammlungs-Verfügung von 14 Uhr bis 5 Uhr morgens, ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum sowie präfektorale Erlasse gegen Feuerwerksmörser und Lachgas. Eine Grossstadt mit Agglomeration von fast einer halben Million Menschen organisiert die grösste Sportveranstaltung des Planeten wie den Hofgang einer Strafanstalt. Public Viewing? Nur hinter Glas. Feiern? Nur sitzend, nüchtern und drinnen. Kinder? Ab 23 Uhr im Zimmer, sonst Kasse.
Der Anlass: Ein Land, das sich vor seinen eigenen Siegen fürchtet
Auslöser der Verbotsorgie sind die Verwüstungen nach dem zweiten Champions-League-Titel von Paris Saint-Germain am 30. Mai: Geplünderte Läden, Wurfgeschosse gegen Polizisten, brennendes Mobiliar – nicht als Pariser Spezialität, sondern landesweit, mit laut Innenministerium knapp 800 Festnahmen in einer einzigen Nacht. Eine Woche später, in der Nacht auf den 6. Juni, wiederholte sich das Spektakel in Clermont-Ferrands Einkaufsstrassen gleich nochmals – unter den Festgenommenen ein 13-Jähriger. Das ist die Bilanz eines Landes, das nicht einmal mehr den eigenen Triumph feiern kann, ohne dass die Innenstädte brennen. Nur: Wer aus dieser Bilanz den Schluss zieht, sämtliche Unter-16-Jährigen einer Stadt unter nächtlichen Hausarrest zu stellen, bekämpft kein Problem. Er bekämpft eine Altersgruppe.
Kollektivhaft als Verwaltungsakt
Denn genau das geschieht hier: Eine ganze Generation wird in Sippenhaft genommen, weil die Behörden ausserstande sind, die tatsächlichen Randalierer zu benennen, zu fassen und zur Verantwortung zu ziehen. Der Teenager, der nach dem Training nach Hause radelt, die Fünfzehnjährige auf dem Heimweg vom Babysitten – alle pauschal zum Sicherheitsrisiko erklärt, alle unter Generalverdacht. Die Ursachen der wiederkehrenden Gewaltexzesse – gescheiterte Integration, verwahrloste Viertel, Eltern ohne Autorität und ein Staat ohne Durchsetzungswillen – fasst niemand an, denn das wäre unbequem, teuer und politisch heikel. Eine Sperrstunde dagegen kostet ein Stück Papier und liefert der Lokalpolitik das wohlige Gefühl, durchgegriffen zu haben. Härte gegen die Schwächsten ist die billigste Härte, die der Staat im Angebot hat.
Das Drehbuch kennen wir schon
Wem das Muster bekannt vorkommt, der hat die Jahre 2020 bis 2022 nicht vergessen: Ausgangssperren, Versammlungsverbote, pauschale Verdächtigung ganzer Bevölkerungsgruppen – alles im Namen der Sicherheit, alles «zum Schutz», alles selbstverständlich befristet. Damals war das Virus der Anlass, heute ist es ein Fussballturnier, morgen findet sich etwas Neues. Die Werkzeugkiste bleibt dieselbe und sie wird mit jedem Einsatz selbstverständlicher. Was in der Pandemie als beispielloser Ausnahmezustand verkauft wurde, ist sechs Jahre später Routineverwaltung einer mittelgrossen Provinzstadt – ohne Epidemie, ohne Notstand, einfach so, per Erlass, drei Tage vor dem Anpfiff. Der Ausnahmezustand benötigt keinen Notstand mehr, er braucht nur noch einen Anlass.
Bilanz: Anpfiff für den Hausarrest
Europa hat einmal die Aufklärung erfunden, die Bürgerrechte, die Idee, dass Strafe der Tat folgt und nicht dem Geburtsjahrgang – und verriegelt sich nun Stadt für Stadt selbst, aus blanker Angst vor der eigenen Jugend. Clermont-Ferrand ist dabei kein Ausreisser, sondern ein Testlauf, denn was dort funktioniert, wird kopiert werden, beim nächsten Turnier, beim nächsten Anlass, in der nächsten Stadt. Ein Kontinent, der seine Kinder einsperrt, weil er seine Probleme nicht lösen will, hat beide schon aufgegeben. Die Freiheit stirbt dieses Mal nicht im Dunkeln. Sie stirbt bei Flutlicht, zur besten Sendezeit, zwischen Anpfiff und Abpfiff! Frankreich sperrt seine Kinder ein und nennt dies «Schutz»! Und wer glaubt, die Sperrstunde ende mit dem Finale am 19. Juli, der glaubt auch, die Corona-Massnahmen seien restlos zurückgenommen worden – Präzedenzfälle kennen keinen Schlusspfiff!









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