Die halbe Medienrepublik probt gerade wieder ihr Lieblingsstück, das grosse Empören. Ein Digitalminister lässt seine Reden vom Chatbot tippen, ein einstiger Herausgeber fliegt für KI-Kommentare, das ZDF verkauft ein computergeneriertes Video als echte Reportage – und plötzlich entdecken ausgerechnet jene Häuser die Heiligkeit der Echtheit, die sie selbst nie besessen haben. Der Skandal ist nicht die Maschine. Der Skandal ist, dass es bei diesen Leuten nie um Wahrheit ging und die künstliche Intelligenz lediglich das Licht angeknipst hat, in dem man die alte Kulisse endlich sieht.
Wer vertrauen will, soll vertrauen. Aber er soll nicht vorgeben, als hätte er je einen Grund dazu gehabt. Denn das angebliche Novum, dass Journalisten und Amtsträger ihre Texte nicht mehr selbst denken, ist keines. Es ist nur die erste Version dieser Lüge, die ein Wasserzeichen trägt.
Erst die Warnung, dann die Fälschung
Das schönste Lehrstück lieferte das öffentlich-rechtliche Vorzeigeformat selbst. Im «heute journal» vom 15. Februar 2026 eröffnete die Moderatorin einen Beitrag über die US-Behörde ICE mit der staatstragenden Mahnung, im Netz kursierten viele Videos und nicht alle davon seien echt. Wenige Sekunden später zeigte derselbe Beitrag eine weinende Mutter, die von Beamten weggezerrt wird, während ihre Kinder sich an sie klammern – ein Clip, der das Wasserzeichen des KI-Generators Sora von OpenAI offen im Bild trug. Eine zweite Sequenz, in der ein Kind abgeführt wird, war zwar real, stammte aber aus dem Jahr 2022 und einem vollkommen anderen Zusammenhang. Der Sender sprach zunächst von einem technischen Fehler bei der Überspielung, ehe die Chefredaktion einknickte, sich entschuldigte und die Korrespondentin abberief. Eine Anstalt, die das Publikum vor Fälschungen warnt und im selben Atemzug eine sendet, hat ihr Glaubwürdigkeitsproblem nicht erfunden, sie hat es nur in HD vorgeführt.
Wenn der KI-Minister die KI für sich denken lässt
Noch hübscher wird es eine Ebene höher. Karsten Wildberger, vor seinem politischen Aufstieg Vorstandschef der MediaMarktSaturn-Mutter Ceconomy und seit Mai 2025 erster Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, liess gleich reihenweise öffentliche Äusserungen von Sprachmodellen erledigen. Ein unter seinem Namen erschienener Gastbeitrag im «Handelsblatt» vom April 2026 stammte laut der Analysesoftware Pangram zu 99,3 Prozent von einer Maschine, ein Text in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» überwiegend, eine Rede vor dem Atlantic Council in Washington von 2024 komplett, mehrere Bundestagsreden zu grossen Teilen.
Den Redaktionen wurde der KI-Einsatz nicht offengelegt, weil das Ministerium den Chatbot für ein Arbeitsmittel hält, wie ein Textverarbeitungsprogramm. Der Mann, der dem Land den verantwortungsvollen Umgang mit künstlicher Intelligenz beibringen soll, hat als Erstes vorgeführt, wie man sie benutzt, ohne es jemandem zu sagen. Staatsmodernisierung, kann man da nur sagen, hat eben ihren Preis.
Sein Parteifreund machte es noch eine Stufe pietätloser. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt liess Reden und Gastbeiträge teils oder ganz von der Maschine schreiben, darunter ausgerechnet eine Ansprache zum Holocaust-Gedenktag, eine Trauerrede und die Neujahrsansprache. Das Gedenken an Millionen Ermordete per Mausklick an einen Textautomaten ausgelagert – und im Amt geblieben ist er trotzdem. Konsequenzen tragen in diesen Kreisen ohnehin stets die anderen.
Vogelfrei für ein paar Maschinensätze
In den Redaktionsstuben lief das Gleiche. Stephan-Andreas Casdorff, von 2004 bis 2018 Chefredakteur des Berliner «Tagesspiegel» und danach Herausgeber, zuletzt sogenannter Editor-at-Large, liess seine Meinungskommentare wiederholt von der KI verfassen, ohne das kenntlich zu machen. Aufgeflogen ist er, weil der österreichische Plagiatsjäger Stefan Weber den verdächtigen Sprachduktus erkannte und nachfragte. Das Blatt entband ihn von allen publizistischen Aufgaben, die «Jüdische Allgemeine» nahm gleich zwei seiner Texte vom Netz. Dass an der Spitze des Hauses jahrelang einer sass, der am Ende nicht einmal mehr die eigene Meinung selbst formulieren mochte, sagt mehr über den Zustand des Hauses als jede Sonntagsrede über Pressefreiheit.
Und damit niemand glaubt, das Werkzeug sei das Problem, liefert die Branche das Gegenbeispiel gleich mit. Der Springer-Chef publizierte in der «Welt» einen offenkundig KI-erstellten Kommentar und kennzeichnete ihn brav als solchen. Es geht also, wenn man will. Man will bloss meistens nicht.
Es ging nie um Handwerk, es ging um Haltung
Hier liegt der Punkt, den die Empörten so sorgsam umkurven. Der Vertrauensbruch hat nicht mit dem Chatbot begonnen. Wer wissen will, wie lange schon Nähe statt Distanz das Geschäft regiert, muss nur fragen, ob sich Regierungen ihre Berichterstattung nach Gusto kaufen – die Antwort war lange vor jeder generativen Maschine bekannt. Dieselben Apparate, die heute Sora-Clips für echt verkaufen, spielen sich seit Jahren als Wächter gegen «Desinformation» auf und feiern jedes neue Zensurwerkzeug aus Brüssel, etwa den als Inquisition getarnten Digital Services Act, als Sieg der Aufklärung. Die Maschine hat nichts kaputt gemacht, was nicht vorher schon morsch war. Sie hat nur den Lack abgekratzt.
Die künstliche Intelligenz liefert saubere Sätze, das ist ihr ganzer Trick. Einen eigenen Gedanken, eine Recherche, eine Haltung, die ein Risiko trägt, ersetzt sie nicht. Genau deshalb fliegt jetzt alles auf, was vorher als Souffleur im Hintergrund blieb und genau deshalb merkt man erst jetzt, wie wenig dahintersteckte.
Vertrauen in diese Journalisten war nie eine Tatsache, es war immer eine Behauptung. Wer heute empört ist, war vorher bloss leichtgläubig. Die Maschine lügt nicht besser als ihre Auftraggeber, sie lügt nur schneller. Und das Einzige, was die künstliche Intelligenz dem Staatsfunk wirklich gestohlen hat, ist die Ausrede, es nicht gewusst zu haben!









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