Im März 2012 verteilte das Weltwirtschaftsforum seine Liste der neuen «Young Global Leaders». Unter «Switzerland» stehen drei Namen, der dritte lautet Natalie Rickli, Nationalrätin. Vierzehn Jahre später führt dieselbe Frau die Leserumfrage zur Nachfolge von Guy Parmelin mit 34 Prozent an, mehr als doppelt so viel wie Esther Friedli. Beworben habe sie sich nie, teilgenommen habe sie nie, in Davos sei sie nie gewesen. Genau so arbeitet die Talentabteilung von Klaus Schwab: Man bewirbt sich nicht beim Klub, der Klub merkt sich dich. Und wen er sich merkt, sitzt auffallend oft bald dort, wo regiert wird, ganz gleich, welches Parteibuch in der Tasche steckt.
Auserwählt, ohne je zu fragen
Das Dokument trägt den Stempel «as of 6 March 2012» und führt Rickli als Abgeordnete des Nationalrats, gleich neben einem Finanzmann und einem Nachhaltigkeitsberater. Das Forum hat die Datei später vom Server geräumt, in Archivkopien lebt sie weiter. Als die Fragen 2023 lauter wurden, eilte ausgerechnet die Weltwoche zur Entlastung: Ein WEF-Sprecher bestätigte schriftlich, Rickli habe an keinem Programm teilgenommen und sich nie beworben. Sie selbst liess ausrichten, sie kenne weder Schwab noch Bill Gates persönlich. Wunderbar. Ein Dementi, das nur die Teilnahme bestreitet, bestreitet die Liste nicht. Damit ist geklärt, dass sie den Kurs geschwänzt hat. Offen bleibt, wer eine Zürcher Nationalrätin ungefragt auf eine Ehrenliste setzt, deren Kriterien Abgeordnete, Minister und Parteichefs ausdrücklich als Zielgruppe nennen, rund hundert Auserwählte pro Jahrgang, rund um den Globus.
Was der Klub damit bezweckt, hat sein Gründer selbst ausgeplaudert. Im September 2017 sass Schwab an der Harvard Kennedy School, auf einem seither vielfach verbreiteten Mitschnitt rühmt er sich, man durchdringe die Kabinette. Eine Ehrenliste, auf die man ohne Bewerbung kommt, ist keine Auszeichnung. Sie ist ein Inventar.
Der Lehrplan sitzt auch ohne Lehrgang
Wer den Kurs nie belegt hat, beherrscht den Stoff erstaunlich gut. Seit Mai 2019 führt Rickli die Zürcher Gesundheitsdirektion und als die Pandemie kam, lieferte sie die Linie, die in jedem Forum Applaus geerntet hätte. Am 1. September 2021 erklärte sie, Impfgegner müssten konsequenterweise eine Patientenverfügung ausfüllen und auf die Intensivbehandlung verzichten. Eigenverantwortung nannte sie das. Ihre eigene Partei sah es anders: Die Zürcher SVP-Delegierten schickten das Covid-Gesetz im Frühling 2021 mit Zweidrittelmehrheit bachab, während ihre Regierungsrätin per Videoschaltung die eigene Politik verteidigte. Im Oktober wiederholte sich die Szene: Rickli warb für Gesetz und Impfung, die Basis beschloss erneut Nein.
Im März 2022, als der Krieg in der Ukraine das Virus längst aus den Schlagzeilen gefegt hatte, wollte sie die Maskenpflicht in Zügen und Gesundheitseinrichtungen bis Ende April verlängern, während ihr Impfsystem Spitalpersonal irrtümlich über das kantonale Impfwerkzeug Vacme per SMS zur vierten Dosis rief. Und im April 2026 fehlte in den Vernehmlassungsunterlagen ausgerechnet die Busse von bis zu 50’000 Franken für das Impfobligatorium, laut Direktion ein Fehler. Ein reichlich bequemer Fehler. Das Parteibuch sagt SVP, die Agenda sagt Genfersee.
Die Leiter stand schon, das Forum zählte die Sprossen
Damit kein Faktenchecker zu früh jubelt: Das WEF hat Rickli nicht erfunden. Sie sass seit 2007 im Nationalrat, arbeitete von 2005 bis 2017 beim Werbevermarkter Goldbach, acht Jahre davon als Partner Relation Manager und 2019 wählte sie das Zürcher Stimmvolk in die Regierung, die sie in der Amtsperiode 2024/25 sogar präsidierte. Die Liste von 2012 hat keinen Aufstieg ausgelöst, sie hat einen vorgemerkt. Das ist das Geschäftsmodell: Der Klub sammelt keine Talente, er sammelt Zukunft. Er schreibt sich die Namen auf, bevor die Türen aufgehen.
Und jetzt geht die grösste Tür auf, ausgerechnet die, an der das Volk nichts zu sagen hat. Am 20. November nominiert die SVP-Fraktion, am 9. Dezember wählt die Bundesversammlung, 246 Köpfe, kein einziger Stimmzettel aus der Bevölkerung. Genau dort entscheiden keine Wahlplakate, sondern Empfehlungen, Telefonate und Gefälligkeiten. Parmelin selbst hat Rickli neben Friedli und Céline Amaudruz als mögliche Nachfolgerin genannt. Dass ihre Partei sie erst im Juli für eine dritte Amtszeit im Regierungsrat nominiert hat, stört dabei nur die Zürcher Wähler. Ihre Treue zu Zürich hielt schon bisher nur bis zum nächsten freien Sessel.
Wenn der Klub die Kabinette bestückt
Die Konkurrenz räumt das Feld freundlicherweise selbst. Magdalena Martullo-Blocher hat in der «Arena» abgesagt, Friedli kommt aus dem Kanton, der mit Karin Keller-Sutter schon eine Bundesrätin stellt und die Waadtländer SVP pocht auf einen welschen Sitz, den ihr in Bern kaum jemand schenken will.
Belegt ist nicht, dass Rickli ihre Ämter dem WEF verdankt, die ersten hat sie vor der Liste geholt. Belegt ist etwas anderes: Ein Privatklub setzte eine Schweizer Volksvertreterin ungefragt auf seine Liste, sie fuhr in der Krise jahrelang gegen die eigene Basis und steht nun genau dort ganz vorne, wo Netzwerke mehr zählen als Wähler. Wie gut dieser Klub darin ist, Regierungen zu besetzen, ist kein Geheimnis. Wie gut er darin ist, seine Leute zu beurteilen, zeigt ein Blick auf jene Figur, die er einst «brillant» nannte. Über das Covid-Gesetz durfte das Volk abstimmen, über ihren Bundesratssitz darf es das nicht. Eine Zeile in einem WEF-Dokument von 2012, Startplatz eins im Bundeshaus 2026. Die Datei ist gelöscht, die Kandidatin steht. Wer nie dabei war, muss auch nie austreten. Davos muss niemanden mehr durchs Fenster schleusen, wenn ihm die Fraktion die Tür aufhält!










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