Die Berufslügner der Berliner Politik haben ein neues Hobby entdeckt: Einander. Jahrelang wurde im Kollektiv gelogen – über Koalitionstreue, über nebenwirkungsfreie Spritzen, über Haushaltslöcher – und die Reihen blieben dabei diszipliniert geschlossen. Doch kaum werden Posten, Pfründe und Sendeplätze knapp, zerfleischen die einstigen Komplizen einander vor laufender Kamera und servieren der Öffentlichkeit exakt jene Lügen als Anklage, die sie gemeinsam erfunden, gedeckt und vergoldet haben.

Politik-Kannibalismus: Wenn Berufslügner die Wahrheit entdecken

Spontan wie ein Staatsbegräbnis
Ende Mai auf dem Parteitag der inzwischen ausserparlamentarischen FDP: Eigentlich war nur noch Wolfgang Kubicki für den Vorsitz übrig, da meldete sich Marie-Agnes Strack-Zimmermann «spontan» zur Kampfkandidatur – mit einer Bewerbungsrede, so geschliffen und durchchoreografiert, dass nicht einmal wohlmeinende Beobachter an einen Einfall vom Freitagmorgen glauben mochten. 24 Stunden würden für eine solche Rede vollkommen reichen, beteuert sie seither tapfer. Wer das glaubt, glaubt auch an ehrliche Wahlversprechen. Genützt hat es nichts: Rund 39 zu 59 Prozent verlor sie gegen Kubicki, der sich anschliessend per Boulevardblatt bei der Unterlegenen revanchierte und ihr öffentlich ausrichtete, wo der Hammer hängt. Liberale Familienaufstellung im Jahr 2026.

Der Spritzen-Apostel als Wahrheitswächter
Richtig absurd wurde es, als sich Karl Lauterbach in die Debatte grätschte und der FDP einen durchweg unseriösen Charakter attestierte. Das Theater um die angeblich ungeplante Kandidatur erinnere ihn an Christian Lindner und dessen Koalitions-Märchen, liess der Ex-Gesundheitsminister wissen. Der Vergleich sitzt sogar: Lindner spielte monatelang Koalitionstreue vor, während der Ausstieg aus der Ampel intern längst als Drehbuch samt «D-Day»-Papier vorlag. Nur: Ausgerechnet der Mann, der den Deutschen eine angeblich nebenwirkungsfreie Gentherapie als Impfung verkaufte und sein eigenes Verfallsdatum als Minister bis zur letzten Kabinettssitzung leugnete, wirft sich nun zum Gutachter für politische Ehrlichkeit auf. Wenn dieser Mann anderen das Lügen vorwirft, ist das keine Anklage. Das ist ein Fachgutachten unter Kollegen.

Die Retourkutsche fährt pünktlich
Strack-Zimmermann konterte umgehend und erinnerte den Ex-Minister daran, dass ihn am Ende schlicht niemand mehr im Amt ertragen habe – sie käme selbstverständlich nie auf die Idee, ihm das unter die Nase zu reiben. Tat sie natürlich trotzdem, genüsslich. Das Tragikomische an diesem Schlagabtausch: Beide haben recht. Jeder Treffer sitzt, weil jeder Schütze aus dem Innenleben desselben Apparats feuert. Die Ampel-Komplizen von gestern führen heute öffentlich Beweis gegeneinander und bestätigen damit frei Haus, was man diesem Betrieb seit Jahren vorwirft: Nicht Überzeugung steuert ihn, sondern Versorgung.

Kannibalismus als letzte Regierungskunst
Solange die Macht floss, deckten die Lügner einander. Jetzt, wo die FDP um die Existenz und die SPD um Restrelevanz kämpft, wird die Wahrheit plötzlich als Wurfgeschoss entdeckt. Integrität war in dieser Kaste nie das Betriebssystem, nur die Tarnfarbe – und wenn die Pfründe schwinden, blättert sie ab. Rom fiel nicht an seine Feinde, Rom fiel an seine Senatoren. Berlin arbeitet im Schnellverfahren an der Neuauflage. Wenn Aasfresser einander anfallen, liegt das nie an erwachter Moral, sondern daran, dass das Aas knapp wird. Wer von dieser Kaste je Aufklärung erwartete, bekommt sie nun tatsächlich – als Abfallprodukt ihrer Verteilungskämpfe. Die Politiker, die dem Volk jahrelang Anstand und Folgsamkeit predigten, zerlegen inzwischen einander vor laufender Kamera – und nennen dies «demokratische Streitkultur»!

Politik-Kannibalismus: Wenn Berufslügner die Wahrheit entdecken
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