Am 24. September 2026 trat Benjamin Netanyahu vor die UNO-Vollversammlung, sah auf einen Saal voller leerer Stühle und nannte die Delegierten, die gerade hinausmarschiert waren, «moralische Feiglinge». Den Völkermordvorwurf erklärte er zur grössten Lüge des Jahrhunderts. Ein Jahr zuvor hatte eine UNO-Untersuchungskommission ihn namentlich als Aufwiegler zum Völkermord benannt, seit 2024 sucht ihn der Internationale Strafgerichtshof wegen Aushungerns als Kriegsmethode. Wer an diesem Donnerstag in New York den wahren Nazi suchte, musste nicht in die Reihen der Delegierten schauen. Er stand am Rednerpult und drohte der Stadt, die ihn beherbergte.

Netanyahu droht am UNO-Rednerpult leeren Rängen New York

Die Welt hat zugehört, zumindest der Teil, der sitzen geblieben ist. Das waren nicht viele.

Leere Stühle, volle Drohung

Laut Associated Press zogen Scharen von Delegierten aus, die Mehrheit der sichtbaren Plätze blieb leer. Palästinenserpräsident Abbas durfte gar nicht erst einreisen, weil Washington ihm zum zweiten Mal das Visum verweigerte. Netanyahu dagegen durfte trotz Haftbefehl einreisen. Er hielt einen Pager hoch, als Andenken an die Explosionen im Libanon, die zwölf Menschen töteten, darunter zwei Kinder. Er erklärte den Bürgermeister von New York, der ihn verhaften lassen will, zum Antisemiten. Dann rechnete er dem Saal vor, dass eine einzige Tonnenrakete den ganzen UNO-Komplex auslöschen würde, zwei gleich die ganze UNO. Und im selben Atemzug erinnerte er an 9/11, das «nicht weit von hier» geschah.

Man muss diese Sätze nicht zweimal lesen, um sie zu verstehen. Ein Mann, der seit drei Jahren beweist, dass er seine Drohungen wahr macht, steht mitten in Manhattan vor einer Versammlung, die ihm den Rücken kehrt und erklärt ihr, wie wenig es braucht, um sie in Trümmer zu legen. Gleich daneben legt er die Ruinen vom September 2001. Das ist keine Statistik. Das ist eine Drohung, sauber zwischen die Zeilen gelegt, damit sie jeder versteht und niemand sie zitieren kann. Ein 9/11 2.0 steht nicht im Redetext, es steht im Raum. Wer weiss, wie viele Geheimdienste beim ersten 9/11 im Hintergrund standen, hört genau hin und fragt sich, ob das Drehbuch dieses Mal vollständig durchgezogen wird.

Netanyahu droht am UNO-Rednerpult leeren Rängen New York

Wer Amalek ruft, meint alle

Am 28. Oktober 2023 schickte Netanyahu seine Truppen mit einem Bibelvers nach Gaza: «Erinnere dich, was Amalek dir angetan hat». Im ersten Buch Samuel folgt auf Amalek der Befehl, Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge zu töten. Sein Büro wies den Vorwurf der Aufstachelung als «absurd» zurück und lieferte die Begründung gleich mit: Der Vers hänge auch in Yad Vashem, als Mahnung an die Nazis. Man muss diesen Satz zweimal lesen. Der Regierungschef setzt seinen Gegner in Gaza mit den Nazis gleich und legt im Namen der Erinnerung an deren Opfer einen ganzen Küstenstreifen in Schutt. Das ist keine Verteidigung. Das ist das Geständnis mit Quellenangabe.

Die Diagnose stammt aus dem eigenen Haus

Wer den Nazivergleich für eine Erfindung von Israel-Hassern hält, sollte die Absender prüfen. Am 4. Dezember 1948 unterschrieben Albert Einstein und Hannah Arendt einen offenen Brief in der New York Times, der Menachem Begins Herut-Partei als «eng verwandt in Organisation, Methoden, politischer Philosophie und sozialer Anziehung mit den Nazi- und Faschistenparteien» beschrieb. Anlass war unter anderem das Massaker von Deir Yassin mit rund 240 Toten. Aus Herut wurde später der Likud, Netanyahus Partei. Die Partei, vor der Einstein warnte, spricht heute durch ihren Vorsitzenden vor der UNO.

Der Holocaustforscher Daniel Blatman von der Hebräischen Universität schrieb 2017 in Haaretz, Bezalel Smotrichs Bewunderung für den biblischen Völkermörder Josua führe ihn zu Werten, die jenen der deutschen SS ähneln. Der Faschismusforscher und Holocaust-Überlebende Zeev Sternhell sah 2018 in Israel einen Rassismus ähnlich dem frühen Nazismus. Smotrich ist heute Finanzminister unter Netanyahu. Ein Auschwitz-Überlebender sagte es längst ohne akademische Watte: Zionisten sind Nazi-Verbrecher. Antisemiten sind das alles nicht und wer das trotzdem behauptet, bestätigt nur, dass Netanyahu zu kritisieren Pflicht ist.

Netanyahu droht am UNO-Rednerpult leeren Rängen New York

Befunde statt Beschimpfungen

Am 16. September 2025 stellte die Untersuchungskommission unter Navi Pillay fest, Israel habe vier der fünf Tatbestände der Völkermordkonvention erfüllt und nannte Herzog, Netanyahu und Gallant als Aufwiegler. Der Strafgerichtshof in Den Haag hatte bereits am 21. November 2024 Haftbefehl wegen Aushungerns als Kriegsmethode, Mord und Verfolgung erlassen. Das Gesundheitsministerium in Gaza zählt inzwischen rund 73’900 Tote. Die Gewalt der Siedler im Westjordanland schrumpfte Netanyahu vor der Vollversammlung auf eine «Handvoll jugendlicher Delinquenten», die Olivenbäume fällen. Seine Regierung wird laut AP von Siedlern und ihren Verbündeten dominiert, Festnahmen von Siedlern gibt es kaum. Wer den Brandstifter zum Feuerwehrkommandanten macht, darf sich über die Löschbilanz nicht wundern. Wie die Armee, die Netanyahu die moralischste der Welt nennt, ihre Opferzahlen produziert, erzählen ihre eigenen Soldaten auf den Dächern von Tel Aviv.

Mutmassung: Der Herbst der Brandstifter

Netanyahu will Zustimmung und erntet Ablehnung, im Saal wie zu Hause, wo am 27. Oktober gewählt wird und die Umfragen dem Likud davonlaufen. Wie reagiert ein Mann, der seit drei Jahren Krieg auf sieben Fronten als Lebensversicherung führt, wenn ihm die Versicherung gekündigt wird? Nicht mit Einsicht, sondern mit dem nächsten Brand. Wer seinen Hass gegen ganze Völker richtet, steigert sich bei Ablehnung nicht in Demut, sondern in den Wahn.

Netanyahu droht am UNO-Rednerpult leeren Rängen New York

Die folgende Lesart ist Mutmassung, aber sie fügt sich verdächtig gut: Die kritische Phase läge zwischen dem 1. November und dem 31. Dezember. Mit den US-Zwischenwahlen am 3. November begänne das letzte Aufbäumen des Tiefen Staates und kurz nach den Wahlen erreichte das Chaos seinen Höhepunkt, so wie Trump es oft genug angedeutet habe. Ein Anschlag auf amerikanischem Boden und gleichzeitig schlüge Friedrich Merz mit der NATO los, nach einer Operation unter falscher Flagge durch NATO und Ukraine, mit Taurus-Marschflugkörpern gegen Russland. Offiziell hat Merz im März erklärt, der Ukraine seien keine Taurus mehr zu liefern. Geliefert werden müssen sie ja auch nicht, wenn man sie selbst abfeuert. Wie gut Krisen als Generalprobe taugen, zeigte schon Covid vor dem Iran-Krieg und mit Bibelvers und Sprengkopf ist das Personal längst ausgerüstet. Bleibt die Frage, wie weit die Lakaien um Netanyahu herum mitziehen, wenn der Befehl zum grossen Brand kommt.

Einsteins Brief kam 78 Jahre zu früh

Netanyahu wirft der Welt vor, Opfer und Täter zu vertauschen und macht seit drei Jahren nichts anderes. Feige nennt er jene, die aufstehen und gehen, er selbst reist mit Haftbefehl nur dorthin, wo ihn niemand vollstreckt. 1948 warnte Einstein New York vor der Partei, 2026 stand ihr Erbe in New York und rechnete vor, wie wenig es für die nächsten Ruinen braucht. Das Ende des Netanyahu wird dramatisch, die Frage ist nur, wie viele er mitnimmt. Am Ende bleibt der Satz, den er wie eine Beschwörung wiederholte, als Inschrift für seinen eigenen Grabstein: «Wir haben keine andere Wahl!»

Netanyahu droht New York am UNO-Rednerpult vor leeren Rängen
Netanyahu droht New York am UNO-Rednerpult vor leeren Rängen

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