Es gibt eine Göttin, die blind sein soll. Justitia. Die Augenbinde symbolisiert Unparteilichkeit: Sie sieht nicht, wen sie vor sich hat. Sie urteilt ohne Ansehen der Person. Das ist die Theorie. Die Praxis der Schweiz im Jahr 2026 sieht anders aus – und die Bevölkerung weiss es. Das Gerechtigkeitsbarometer 2026 enthüllt: 81 Prozent der Schweizer empfinden es als unfair, dass Geld den Erfolg vor Gericht beeinflusst. Gegenüber 2024 ist der Prozentsatz derjenigen, die sich «eher» oder «sehr» gerecht behandelt fühlen, von 68 auf 56 Prozent gesunken. Ein Drittel der Befragten hält das System für «eher nicht gerecht», 18 Prozent sagen sogar, es sei «überhaupt nicht gerecht».

Justitia trägt eine Augenbinde – aber nur, damit sie den Kontostand nicht sieht

Die Unzufriedenheit hat nicht stagniert – sie hat in zwei Jahren einen Sprung gemacht, der in seiner Geschwindigkeit beunruhigend ist. Eine überwältigende Mehrheit sieht den Zugang zum Recht nur noch für Wohlhabende gesichert. Ein alarmierendes Signal.

Zwei Länder, eine Flagge
81 Prozent. Das ist keine knappe Mehrheit. Während zwei Drittel der Wohlhabenden zufrieden auf das Geschehen blicken, sehen drei Viertel der Geringverdienenden die Dinge anders. Die konkreten Zahlen sind noch schärfer: Bei Haushalten mit einem monatlichen Einkommen über 13’000 Franken sind 65 Prozent zufrieden. Bei Haushalten unter 3’000 Franken ist es gerade noch ein gutes Viertel – 27 Prozent.

Zwischen diesen beiden Gruppen liegt nicht nur ein statistischer Graben. Es liegt eine vollständig andere Gesellschaft. Das ist kein diffuses Ungerechtigkeitsgefühl. Das ist ein Klassenunterschied. Und der Graben verläuft nicht nur zwischen Arm und Reich. Er zieht sich durch Generationen und Geschlechter gleichermassen. Junge fühlen sich in Umweltfragen betrogen. Ältere sorgen sich um Recht und Ordnung. Frauen kritisieren fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und die unfaire Verteilung von Care-Arbeit. Viele Männer reagieren auf Gleichstellungsfragen mit Achselzucken. Quer durch alle Themen tun sich Risse auf – und sie werden tiefer.

Das Leistungsversprechen bröckelt
Wer Geld hat, findet das System in Ordnung – weil es für ihn funktioniert. Wer keines hat, findet es ungerecht – weil es für ihn nicht funktioniert. Politikwissenschafterin Cloé Jans von GFS Bern fasst es so zusammen: «Ob Miete, Krankenkassenprämien oder AHV – die Kostenfrage überlagert derzeit fast alles. Während auf individueller Ebene das eigene Portemonnaie unter Druck steht, wird politisch über Milliardenprojekte gestritten.»

Die Kosten des Alltags fressen den Glauben an die Fairness des Systems. Und gleichzeitig schwindet die Überzeugung, dass Leistung automatisch zu Wohlstand führt – jener Grundpfeiler des helvetischen Selbstbilds, auf dem das ganze Narrativ vom gerechten, leistungsorientierten Kleinstaat ruht. Und der Konsens wächst. Während 2024 noch 54 Prozent der Befragten das System als «sehr gerecht» oder «eher gerecht» bezeichneten, bilden die Unzufriedenen heute mit 51 Prozent erstmals eine Mehrheit.

Die Stimmung ist nicht nur gesunken — sie hat gekippt.

Acht von zehn Menschen in der Schweiz – dem Land, das sich auf seinen Rechtsstaat so viel einbildet wie andere auf ihre Küche oder ihr Klima – glauben, dass Gerechtigkeit vom Kontostand abhängt. Und das Interessante ist: Selbst Reiche finden, dass Gerechtigkeit käuflich ist. Wenn sogar jene, die profitieren, das System als ungerecht beurteilen, ist das kein Reformsignal mehr. Das ist ein Systemurteil.

Justitia trägt eine Augenbinde – aber nur, damit sie den Kontostand nicht sieht

Recht kostet – und das ist kein Zufall
Prozesskosten als Zugangshürde zum Recht: In der Schweiz kann ein erstinstanzliches Zivilverfahren schnell fünfstellige Beträge kosten – noch bevor ein Urteil gefallen ist. Wer falsch liegt, zahlt zusätzlich die Gegenpartei. Das Risiko ist für einen Mittelständler existenziell. Für einen Grosskonzern ist es eine Kostenposition unter vielen. Das ist keine Benachteiligung am Rand des Systems. Das ist sein Kern.

Strategie in Kontinuität – das Wort, das alles sagt
Währenddessen produziert die Schweiz fleissig Strategiepapiere. Der Bundesrat hat am 28. Januar 2026 die Strategie gegen die Korruption 2026–2029 verabschiedet – in Kontinuität zur bisherigen Strategie 2021–2024. Kontinuität. Das Wort der Wahl für ein System, das sich selbst reformieren soll, aber kein Interesse daran hat.

Die alte Strategie wurde durch eine neue ersetzt, die laut Selbstbeschreibung «neue Prioritäten» setzt. Was die alte Strategie gebracht hat, bleibt offen. Transparency International hat es nüchtern formuliert: In Korruption und Geldwäscherei verwickelte Unternehmen werden in der Schweiz bloss ganz vereinzelt strafrechtlich verurteilt. Dies liegt massgeblich auch an Nachlässigkeiten der Staatsanwaltschaften.

Vereinzelt. Das ist die Bilanz von Jahrzehnten Antikorruptionsstrategie. Nicht: Selten. Nicht: Verbesserungswürdig. Vereinzelt. Und wer ist schuld? Laut Transparency die Staatsanwaltschaften selbst – die zu weiten Teilen auf die aktive Mithilfe der fehlbaren Unternehmen angewiesen sind, wenn es gelingen soll, diese strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Die Behörde, die den Täter verfolgen soll, ist auf die Kooperation des Täters angewiesen. Das ist nicht rechtsstaatlich. Das ist Verhandlungssache.

Der Europarat mahnt – die Schweiz nickt
Der Europarat sah das ähnlich. Die Staatengruppe gegen Korruption GRECO stellte fest, dass die Strategie des Bundesrates gegen Korruption ehrgeiziger und konkreter sein könnte. Der interdepartementalen Arbeitsgruppe zur Korruptionsbekämpfung mangelt es an Unabhängigkeit und Ressourcen. Eine externe Kontrollinstanz erklärt dem Land, seine Antikorruptionsbehörde sei nicht unabhängig genug. Die Reaktion: Eine neue Strategie in Kontinuität zur alten.

Bellinzona: Das Ausmass in einem Prozess
Und während der Bundesrat seine Strategie verfasste, begann in Bellinzona ein Prozess, der das ganze Ausmass illustriert. Gulnara Karimowa, Tochter des ehemaligen usbekischen Präsidenten, soll milliardenschwere Schmiergeld- und Geldwäschegelder über ein komplexes Netz in der Schweiz verborgen haben. Privatbank Lombard Odier und ein ehemaliger Mitarbeiter sind mitangeklagt. Der Fall gilt als einer der grössten Geldwäscheprozesse der Schweiz.

Einer der grössten. In der Schweiz. Die seit Jahrzehnten erklärt, sie bekämpfe Geldwäscherei. Die Milliarden illegal erworbener Gelder aus Diktaturen verwaltete und heute stolz darauf hinweist, dass sie über zwei Milliarden Dollar in dreissig Jahren restituiert hat – bei Tausenden von Milliarden, die in dieser Zeit durch Schweizer Banken geflossen sind.

Das Fundament trägt noch – aber
Fragt man die Schweizer Bevölkerung nach dem Ausmass der Korruption im Land, so wird der öffentlichen Verwaltung keine weisse Weste bescheinigt. Politisch führt wachsende Korruption zu einem tiefgreifenden Vertrauensverlust in staatliche Institutionen, untergräbt den Rechtsstaat und schwächt seine Akteure.

Es gibt einen Lichtblick – und er ist bezeichnend für das, was noch hält. Trotz aller Kritik bleibt das Vertrauen in den Kern des Staates krisenfest: Demokratie, Bildung, Freiheit. Die Schweiz streitet heftig, aber noch auf einem gemeinsamen Fundament. Das ist kein Freispruch für das System. Es ist eine Warnung: Das Fundament trägt noch – aber die Last auf ihm wird schwerer.

Das ist der eigentliche Befund. Nicht ein Einzelfall, nicht ein Skandal, nicht ein Fehler im System. Sondern ein struktureller Vertrauensverlust, der sich in Umfragezahlen, Gerichtsurteilen, GRECO-Berichten und Strafverfolgungsstatistiken gleichermassen zeigt.

Eine Gesellschaft, in der 81 Prozent der Menschen glauben, dass Recht und Geld gekoppelt sind, hat aufgehört zu glauben, dass Justitia wirklich blind ist. Sie glauben, dass die Augenbinde nur verhindert, den Kontostand zu sehen – damit man glaubhaft bestreiten kann, dass man ihn gesehen hat.

Die Strategie 2026–2029 liegt bereit. In Kontinuität zur vorherigen. Das ist die Schweiz im Jahr 2026. Justitia schaut weg. Absichtlich…

Justitia trägt eine Augenbinde – aber nur, damit sie den Kontostand nicht sieht


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