Es ist eine dieser Szenen, die man nicht vergisst. Markus Lanz, Novemberabend 2021, Studio, Scheinwerfer, die übliche Talkshow-Besatzung: Virologin, Journalist, Ministerpräsident. Ein Gast bringt ein Schaubild mit. Die Zahlen darin beweisen eindeutig, dass die Impfung wirkt. Der Gast liest sie falsch. Die Virologin liest sie falsch. Der Journalist liest sie falsch. Millionen Zuschauer schauen zu. Und am nächsten Morgen wissen Millionen Deutsche: Die Impfung wirkt nicht. Herzlich willkommen in einer Gesellschaft, die kollektiv zahlenblind ist – und von Leuten regiert wird, die das nicht nur wissen, sondern aktiv nutzen.
Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, nennt das den Kern des Problems: Ärzte, Richter, Journalisten und Politiker verstehen Risiken nicht. Sie können relative und absolute Risikoreduktion nicht auseinanderhalten, sie verwechseln Grundraten und sie lösen damit – ob bewusst oder nicht – genau das aus, was das Innenministerium im Frühjahr 2020 schriftlich als Ziel formulierte: Schockwirkung.
Das Strategiepapier aus dem Bundesinnenministerium, intern längst bekannt als «Panikpapier», enthält einen Satz, der in jede Lehrveranstaltung über Krisenmanagement gehört – als Negativbeispiel. Dort steht: «Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden.» Ende des Zitats. Keine Virologen haben das geschrieben. Keine Epidemiologen. Mitarbeiter eines Ministeriums. Und Gigerenzer wusste davon nichts. Der führende Experte für Risikokommunkation in Deutschland, der Mann, der den Begriff Risikokompetenz geprägt hat, wurde nicht gefragt.
Schockangst als Staatsräson
Gigerenzers Konzept der Schockangst erklärt, was danach geschah. Nach dem 11. September 2001 mieden Millionen Amerikaner das Fliegen und fuhren stattdessen Auto. Die Folge: In den zwölf Monaten danach kamen auf den Highways etwa 1600 Menschen mehr ums Leben als im Jahresdurchschnitt – mehr als in allen vier entführten Maschinen zusammen. Gigerenzer nennt das den «Zweitschlag der Terroristen». Der geht mithilfe der Angst der Betroffenen. Kein Sprengstoff nötig.
Das Innenministerium 2020 hatte das verstanden. Wer Menschen in Schockangst versetzt, verhindert rationale Entscheidungsfindung. Wer keine rationale Entscheidungsfindung mehr betreibt, folgt Anweisungen. Wer Anweisungen folgt, fragt nicht nach Zahlen. Das System funktioniert – solange die Schockwirkung anhält.
Dass genau dieselben Mechanismen, die Panik erzeugen, langfristig das Vertrauen in Institutionen zerstören, interessierte die Verfasser des Papiers offenbar nicht. Gigerenzer kennt das Muster: Als BSE-Krise, als Rinderwahnsinn. Der deutsche Landwirtschaftsminister und die Gesundheitsministerin verkündeten damals, Deutschland sei sicher, unsere Kühe seien in Ordnung. Dann wurde die erste infizierte Kuh gefunden. Beide Minister gingen. Die Gesundheitsministerin sagte später, man habe ihr gesagt, sie solle Sicherheit vermitteln. Als hätte das je funktioniert.
Nichts ist sicher. Die einzige Ausnahme ist der Tod – und die Steuern, wobei letztere für die Reichsten der Welt inzwischen auch nicht mehr zwingend gelten, wie Gigerenzer trocken anmerkt.
Die 728-mal gefährlichere Wahrheit
Wer die Verheerungen gezielter Risikomanipulation verstehen will, braucht nur das Wurstbeispiel. Die Weltgesundheitsorganisation meldete, dass 50 Gramm verarbeitetes Fleisch täglich das Darmkrebsrisiko um 18 Prozent erhöhe. Klingt drastisch. Tatsächlich steigt das absolute Risiko von 5 auf 5,9 Prozent. Wer 0,9 als relatives Risiko kommuniziert, klingt zahm. Wer es als 18 Prozent verkauft, erzeugt Schlagzeilen. Das Vertrauen in die WHO, das dabei langfristig verspielt wird, steht in keiner Pressemitteilung.
Dieselbe Methode wurde bei der Impfkommunikation angewendet. 95 Prozent Wirksamkeit – ohne die Grundraten zu nennen, ohne die absoluten Zahlen, ohne den Hinweis, dass diese Zahl aus einer einzigen Studie des Herstellers stammte. Und dann, als Geimpfte sich trotzdem infizierten und ins Krankenhaus mussten, war das Vertrauen weg. Nicht weil die Impfung versagt hatte, sondern weil man Gewissheit versprochen hatte, wo keine war.
«Impfung ist sicher. Nebenwirkungsfrei.» Gigerenzer nennt das eine Lüge. Nicht aus Hysterie, sondern aus Präzision. Nichts ist sicher. Der Beipackzettel von Aspirin listet Hirnblutungsrisiken von bis zu eins in 10’000 auf – höher als die damalige AstraZeneca-Thrombose-Rate. Diesen Vergleich hätte man der Bevölkerung anbieten können. Man tat es nicht.
Das Nudging-Paradox
Gigerenzer hat eine schlichte These: Menschen sind nicht dumm. Sie spüren, wenn sie manipuliert werden. Nudging – das staatlich verordnete Schubsen in die «richtige» Richtung, entwickelt von Verhaltensarchitekten, die den Bürger als zu lenkendes Schaf begreifen – erzeugt kurzfristig Compliance und langfristig Widerstand. In Krankenhäusern, die Augenbilder über Waschbecken hängten, um Hygieneverhalten zu fördern, stieg die Compliance kurz an – dann sank sie unter den Ausgangswert. Ärzte fühlten sich nicht ernst genommen. Der Effekt kehrte sich um.
Keine Evidenz für die Wirksamkeit von Nudging nach Korrektur für Publication Bias – so lautet der Titel einer Studie, die in den einschlägigen Behörden kaum jemand gelesen hat. Oder lesen wollte. Risikokompetenz kann gelernt werden. Gigerenzer hat es mit Viertklässlern gezeigt, mit Bundesrichtern, mit 1000 Ärzten in der Fortbildung. Es braucht keine Hochmathematik. Es braucht den Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko, Grundraten und den Willen, Ungewissheit auszuhalten, statt wegzudelegieren.
Was Deutschland stattdessen bekam: Täglich neue Inzidenz-Zahlen ohne Testquoten, kumulierte Todeszahlen ohne Altersstruktur, Politikerauftritte mit dem Gestus von Gewissheit in einer Situation, in der niemand Gewissheit haben konnte. Das Vertrauen in Institutionen hat sich nicht erholt. Das war vorhersehbar. Gigerenzer hatte es vorher gesagt…






«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








