Dreieinhalb Wochen nach dem Rekordsieg in Sachsen-Anhalt hat die AfD die D-Mark beerdigt und den Dexit gleich mit ins Grab gelegt. Ein am 29. September beratenes Strategiepapier will den Euro nicht mehr abschaffen, sondern «auf ein tragfähiges Fundament aus Eigenverantwortung und Haftung» stellen. Die EUdSSR soll bloss zum «Bund souveräner Nationen» umgetauft werden und René Aust, AfD-Delegationschef in Brüssel, jubelt: «Wir zeigen mit dem Positionspapier, dass wir eine europafreundliche Partei sind.»
Gegründet wurde die AfD 2013 mit dem Slogan «Der Euro spaltet Europa!» und das Grundsatzprogramm sicherte sich sogar doppelt ab: Zieht der Bundestag nicht mit, soll das Volk über den Verbleib im Währungsverbund abstimmen. Dreizehn Jahre und ein Rekordergebnis später spaltet der Euro nur noch die eigene Wählerschaft. Wer geglaubt hat, ausgerechnet die Blauen würden das Drehbuch zerreissen, hat es nie gelesen.
Vor der Wahl ist nicht nach der Wahl
Dabei stand alles schwarz auf weiss. «Wir fordern, das Experiment Euro geordnet zu beenden», heisst es im Grundsatzprogramm von 2016, das Wahlprogramm 2025 legte nach: «Deutschland muss aus dem Euro-System austreten.» Im Februar 2025 erklärte Alice Weidel bei Miosga, für den Austritt sei es «viel zu spät». Im August 2026 schimpfte sie den Euro im Sommerinterview eine «weiche Währung» und blieb ein klares Ja oder Nein schuldig, wie das ZDF protokolliert. Drei Positionen in achtzehn Monaten, jede passend zum Publikum. Am 13. März 2025 donnerte Weidel im Bundestag gegen Friedrich Merz: «Noch kein Bewerber um das Kanzleramt hat in so kurzer Zeit so viele Wahlversprechen gebrochen wie Sie.» Der Wortbruch-Kanzler hatte die Schuldenbremse binnen Wochen für ein 500-Milliarden-Sondervermögen geschleift. Die AfD sitzt nicht einmal im Kanzleramt und hat ihr Gründungsversprechen schon entsorgt. Das ist kein Sieg über Merz, das ist Überholen auf der Standspur. Und weil die Partei der Volksabstimmungen laut demselben Papier nun auch die Direktwahl des Europaparlaments abschaffen und Abgeordnete von nationalen Parlamenten «entsenden» lassen will, weiss der Wähler endlich, was seine Stimme wert ist: So viel wie ein Wahlplakat am Montag nach der Wahl.
Bodensee, Magdeburg, Brüssel: Dieselbe Kasse
Am 6. September holte die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent bei einer Beteiligung von 77,8 Prozent, dem höchsten Wert seit der Wiedervereinigung. Nie zuvor haben dort so viele ihr Kreuzerl gemacht und damit genau das System beglaubigt, das sie abwählen wollten. Der Osten gilt als die ehrlichere AfD, der Westen als die feinere. Ein Blick in die Akten erspart die Folklore. Vor der Bundestagswahl 2017 gingen auf dem Konto von Weidels Kreisverband Bodensee 17 Zahlungen über rund 132’000 Euro aus der Schweiz ein, Verwendungszweck «Wahlkampfspende Alice Weidel Social Media». Der wahre Spender blieb im Dunkeln, das Verwaltungsgericht Berlin bestätigte rund 396’000 Euro Sanktion. Im Brüsseler Büro des sächsischen Vorzeige-Patrioten Maximilian Krah sass derweil ein Mitarbeiter, der laut Oberlandesgericht Dresden seit 2007 für einen chinesischen Geheimdienst arbeitete, Informationen über die AfD und das Europaparlament sammelte und dafür vier Jahre und neun Monate kassierte. Anonyme Gönner, fremde Dienste, gebrochene Schwüre: Das Inventar kennt man von den Altparteien, nur das Logo ist blauer. Wer das alten Wein in neuen Schläuchen nennt, bleibt noch höflich.
Wer nicht spurt, wird verboten
Ob Abweichler verschwinden oder gar umgebracht werden, lässt sich nicht belegen. Belegen lässt sich etwas Eleganteres: Man muss niemanden umbringen. Am 1. Oktober erklärte der Würzburger Staatsrechtler Kyrill-Alexander Schwarz im Thüringer Justizausschuss, die Forderung nach dem EU-Austritt gefährde den «Bestand der Bundesrepublik Deutschland», weil sie dem «verfassungsrechtlichen Bekenntnis zur Europäischen Union» widerspreche. Für ein Verbot reiche es, wenn nur einer von drei Grundsätzen verletzt sei, Menschenwürde, Rechtsstaat oder Demokratie, berichtet Apollo News. Übersetzt: Wer das Programm vertritt, für das ihn Millionen gewählt haben, steht mit einem Bein im Verbotsverfahren, ganz ohne Kugel und ohne Leiche. Zwei Tage zuvor hatten die AfD-Abgeordneten ihr Papier bereits beraten, in dem der Dexit nur noch als letzte Option nach gescheiterten Reformen auftaucht. Vorauseilender Gehorsam in Reinkultur: Der Schüler hat die Lektion gelernt, bevor der Lehrer sie diktiert. Dem Wähler bleibt dieselbe Wahl wie immer. Entweder wird die Partei verboten oder sie verbietet sich selbst, was sie versprochen hat. Beides heisst «unsere Demokratie».
Souverän auf dem Papier, Garnison in Wirklichkeit
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag schenkte Deutschland 1991 die «volle Souveränität», einen Abzug der Amerikaner, Briten und Franzosen sah er nicht vor. Anfang 2026 standen laut Bundeszentrale für politische Bildung noch rund 36’000 US-Soldaten im Land. Dass die europäische Einigung keine reine Herzensangelegenheit der Europäer war, belegt der Historiker Richard Aldrich: Zwischen 1949 und 1960 schleuste das von Allen Dulles und William Donovan geführte American Committee on United Europe über drei Millionen Dollar, grösstenteils aus US-Regierungsquellen, in die Europäische Bewegung, nie weniger als die Hälfte ihres Budgets. Dass AfD-Mann Markus Frohnmaier in New York einen nach Allen Dulles benannten Orden abholte, schliesst den Kreis. Und die Rechtmässigkeit der Wahlen? Am 3. Juli 2008 erklärte das Bundesverfassungsgericht Teile des Wahlrechts für verfassungswidrig, die Bundestagswahl 2009 lief trotzdem danach. Die «sicheren Grenzen» schliesslich zerschellen am Schengener Grenzkodex: Laut Europäischem Gerichtshof dürfen Binnengrenzkontrollen höchstens sechs Monate dauern. Die AfD ist keinen Deut besser als die Altparteien, sie ist dieselbe Ware mit späterem Verfallsdatum. Der Euro bleibt, Brüssel bleibt, die Grenzen bleiben offen und nur die Hoffnung der Wähler ist ausgetreten. 43,8 Prozent Kreuzerl, null Prozent Austritt. Sachsen-Anhalt hat blau gewählt und Brüssel bekommen. Behalte dein Kreuzerl, es ist das Einzige, was sie dir nicht abnehmen können, solange du es nicht freiwillig abgibst!





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