EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündete kürzlich mit sichtlicher Begeisterung in Brüssel: Die europäische Altersverifikations-App sei technisch fertig und werde den Bürgern «bald zur Verfügung stehen.» Und sie erläuterte auch gleich das Funktionsprinzip – nach demselben «bewährten Modell» der «erfolgreichen» Corona-App. Wer sich an die Jahre 2021 ff. erinnert, in denen EU-Bürger ohne exakt dieses «innovative Instrument» keinen Zugang zum öffentlichen Raum mehr hatten, darf an dieser Stelle kurz innehalten und die Assoziation sacken lassen. Es darf davon ausgegangen werden, dass von der Leyen sehr genau weiss, welche Assoziation sie hier erzeugt. Es ist keine versehentliche Wortwahl.
Philippe Séguin sagte es 1992, am Tag der Debatte über den Maastricht-Vertrag, mit einer Klarheit, die seither systematisch aus dem kollektiven Gedächtnis heraus redigiert wurde: «Es ist nicht Europa, das man uns vorschlägt, sondern das Ende der Demokratie.» Der damalige Präsident der französischen Nationalversammlung, späterer Sozialminister und Präsident des Rechnungshofes, irrte sich nur in einem Punkt: Er unterschätzte, wie lange der Prozess dauern würde. Über dreissig Jahre später ist das Projekt weit fortgeschritten – und das aktuelle Kapitel nennt sich, mit der für diese Klasse von Politikern typischen Chuzpe: Kinderschutz.
Wie die App funktioniert — und was das bedeutet
Die Einrichtung erfordert Reisepass oder Personalausweis. Die App ist, wie von der Leyen betont, «vollständig quelloffen — jeder kann den Code prüfen, auch die Partnerländer.» Sie spricht bereits von einem möglichen «globalen Standard.» Eingebettet ist das Ganze in den Rahmen des Digital Services Act, der künftig als rechtliche Grundlage für die umfassende Identifikationspflicht im digitalen Raum dient.
Von der Leyen versichert gleichzeitig: «Niemand wird Ihr genaues Alter kennen, niemand Ihre Identität und auch nicht, welche Inhalte Sie sich ansehen.» Eine Aussage, die man mit derselben Ernsthaftigkeit bewerten darf, mit der man seinerzeit «die Impfung bleibt freiwillig» bewertet hat. Wer heute noch solchen Zusicherungen aus Brüssel vertraut, hat die letzten fünf Jahre auf einem anderen Kontinent verbracht.
Parallel dazu hat Frankreichs Präsident Macron für soziale Medien ein Verbot für unter 15-Jährige bis September angekündigt und einen EU-weiten Videogipfel für einen «koordinierten Ansatz» einberufen. In Deutschland lässt Lars Klingbeil ein Positionspapier ähnlichen Inhalts und nahezu identischen Wortlauts durch Hinterzimmer zirkulieren – ein Papier, das die einst als «100% freiwillig» beworbene EU-Altersverifikation nun zur verpflichtenden Zugangsvoraussetzung für Online-Plattformen macht. Inklusive der Absicht, VPN-Umgehungen zu blockieren.
Das Ziel dieser Architektur ist nicht schwer zu entschlüsseln. Das Projekt der Altersverifikation im Internet verfolgt genau ein Ziel: Die erwachsene Nutzermehrheit dazu zu zwingen, sich mit digitaler ID oder Biometrie zu identifizieren. Erzwungene Online-Identifizierung ist nicht die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft – sie ist die Grundvoraussetzung von Narrativkontrolle und Datensammlung, die ihrerseits das Fundament autoritärer Staatssysteme und moderner Massenüberwachung bilden. Quelloffen einsehbar, länderübergreifend verfügbar, auf «globalen Standard» ausgelegt. Transparenz nennt man das, wenn man Euphemismen mag. Andere nennen es Infrastruktur.
Der Kinderschutz-Vorwand
«Aber es ist doch für die Kinder!» ist der koordinierte Schlachtruf, der diese Offensive zusammenhält – von Brüssel über Paris bis Berlin. Er funktioniert, weil er unangreifbar klingt. Wer gegen Kinderschutz ist, ist für Kindesmissbrauch – so die implizite Logik, die jede ernsthafte Debatte im Keim erstickt.
Dabei wäre ein ehrliches Interesse am Schutz junger Menschen an ganz anderen Stellen sichtbar: In einer brauchbaren Bildung statt Wehrkunde-Revival, in unabhängigem Informationszugang statt kuratierten Staatsnarrativen, in der Bekämpfung der seit Jahrzehnten konstant hohen Kinderarmut – 25 Prozent der Kinder in der EU sind von Armut bedroht, 20 Millionen konkret. Oder in der konsequenten Strafverfolgung mutmasslicher organisierter Pädophilie, die in Netzwerken mit illustren Namen operiert, während die zuständigen politischen Kreise lieber «Verschwörungstheorie» rufen als Staatsanwälte.
Dieselben, die standardmässig die Frühsexualisierung von Kindern in Lehrpläne integrieren. Dieselben, die uns wiederholt die Chatkontrolle anbieten. Dieselben, die junge Menschen in geopolitische Kriege schicken würden, für die sie zu jung sind, um auf TikTok zu sein. Diesen soll ernsthaft ein redliches Interesse am Wohlergehen von Minderjährigen abgenommen werden?
Was Kinder im Netz verstören könnte, ist im Übrigen eine interessante Frage. Sind die Massaker, die demokratische Vertreter auf der Welt anrichten, befeuern und absegnen, etwa nicht jugendfrei? Muss man bald auch beim Öffnen regulärer Nachrichtenportale seinen Ausweis zeigen, bevor man von Toten, Bomben und Kriegen erfährt – von einer Realität, an deren Gestaltung die Kinderschützer aus Brüssel aktiv mitwirken?
Was als Nächstes kommt
Das Internet, das in seinem gegenwärtigen Zustand bereits erheblich überwacht wird, steht vor seiner nächsten Domestizierungsstufe. Die technische Infrastruktur ist nach eigenen Angaben fertig. Die rechtliche Grundlage über den Digital Services Act ist gesetzt. Die politische Koordination zwischen EU-Kommission, Mitgliedstaaten und willigen Regierungsparteien läuft. Was fehlt, ist allein die schrittweise Normalisierung des Vorgangs – und für die ist das Kinderschutz-Framing hervorragend geeignet.
Niemand braucht eine digitale Gouvernante. Niemand braucht Bevormundung, Zensur, Narrativkontrolle und die damit verbundene Infrastruktur, verpackt in eine App, die mit demselben Modell operiert wie das Instrument, das vor wenigen Jahren den Zugang zum öffentlichen Leben reguliert hat. Und niemand hat Klingbeil oder von der Leyen gewählt, um die Anonymität im Internet unter dem Vorwand des Kinderschutzes zu liquidieren.
Philippe Séguin hatte 1992 recht. Er wusste nur noch nicht, wie das Ende der Demokratie im Jahr 2025 aussehen würde: Quelloffen, länderübergreifend, mit freundlichem Interface – und selbstverständlich für die Kinder!
UPDATE 16.4.2025: Vor kurzem erste voröffentlicht, wurde die App wie heute bekannt wurde, bereits hackt…


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