Sonntagmorgen. Tucker Carlson sitzt da, ruhig wie immer, das Gesicht einer Bühne, die sich Journalismus nennt. Gegenüber: Professor Jiang Xueqin. Kein Washingtoner Thinktank-Gesicht, kein NATO-zertifizierter Experte. Ein Chinese. Und ein Chinese, der plötzlich Begriffe in die Kamera spricht, die sonst zwischen Telegram-Kanälen, vergriffenen Büchern und gelöschten Foren zirkulieren: Sabbatianer. Frankisten. Chabad. Freimaurer. Jesuiten. Millionen schauen zu.
Was Jiang tatsächlich beschreibt
Fangen wir mit dem an, was historisch gesichert ist und nicht ins Esoterische flüchtet. Sabbatai Zvi, 17. Jahrhundert, osmanisches Reich: Ein Rabbiner aus Smyrna, der sich zum Messias erklärte, Hunderttausende jüdische Gläubige in ganz Europa und im Nahen Osten in einen kollektiven Ausnahmezustand versetzte – und 1666 unter osmanischem Druck zum Islam konvertierte. Was danach geschah, ist entscheidend: Seine Anhänger zerbrachen nicht. Sie radikalisierten sich. Die Sabbatianer entwickelten eine Theologie der bewussten Transgression – das Heilige liege im Bruch der religiösen Norm, nicht in ihrer Einhaltung. Die äussere Konversion sei bedeutungslos, solange die innere Überzeugung bestehe. Eine Doktrin der doppelten Identität, geboren aus dem Schock des gescheiterten Messias.
Jakob Frank, 18. Jahrhundert, Polen: Schüler und Radikalisierer dieser Bewegung. Die Frankisten trieben die sabbatianische Antinomie-Theologie auf die Spitze – Erlösung durch Sünde, Heiligkeit durch Umkehrung. Frank selbst konvertierte zum Katholizismus, wie Zvi zum Islam – als taktischen Schachzug, nicht als Glaubensbekenntnis. Die Frankisten infiltrierten polnischen Adel, europäische Freimaurerlogen und jesuitische Netzwerke. Nicht als organisierter Geheimdienst, sondern als ideologische Strömung, die sich wie ein Lösungsmittel durch bestehende Strukturen zog.
Die Überschneidung, die niemand leugnet
Dass Freimaurerlogen des 18. Jahrhunderts in Polen und Frankreich frankistische Einflüsse aufnahmen, ist keine Verschwörungstheorie – das ist dokumentierte Geistesgeschichte. Die Bewegungen des aufgeklärten Antiklerikalismus, der revolutionären Umsturzideologie und der okkulten Logen des 18. Jahrhunderts teilten Personal, Symbolik und das gemeinsame Projekt, bestehende religiöse und politische Ordnungen zu untergraben. Ob das koordiniert war oder konvergent – das ist die eigentlich interessante Frage, die Jiang leider nicht beantwortet.
Die Jesuiten sind das andere Bein dieses Netzes. 1540 gegründet als militärische Ordensstruktur der Gegenreformation – hierarchisch, weltweit vernetzt, auf Bildung und Elitendurchdringung spezialisiert. Georgetown, Boston College, Fordham, Loyola – jesuitische Universitäten haben über Jahrhunderte das politische und diplomatische Personal des Westens geformt. Kissinger, Schwab, Clinton studierten in jesuitisch geprägten Umfeldern. Die Struktur dieser Ausbildung ist nicht geheim: Loyalität zur Ordenshierarchie über nationale Zugehörigkeit, langfristige Machtprojektion durch Bildungskontrolle, Schweigepflicht als Organisationsprinzip.
Chabad Lubawitsch ist das jüngste und sichtbarste Glied dieser Kette. Die chassidische Bewegung, gegründet im 18. Jahrhundert in Weissrussland, hat sich unter dem sechsten und siebten Rebben zu einem globalen Netzwerk entwickelt, das heute in über 100 Ländern präsent ist – oft in unmittelbarer Nähe zu politischen Eliten, Botschaften und Finanzzentren. Jared Kushner ist Chabad-Mitglied. Der Zugang zum Trump-Weissen Haus lief teilweise über Chabad-Kanäle. Das ist keine Spekulation – das sind dokumentierte Personalüberschneidungen.
Das eigentliche Problem mit diesem Interview
Jiang verbindet diese Bewegungen zu einem Netz. Was er nicht liefert – und was Tucker Carlson ihn nicht zu liefern zwingt – ist die Trennlinie zwischen struktureller Analyse und Zuschreibung von Handlungsfähigkeit. Gibt es Verbindungen zwischen diesen Bewegungen? Ja, historisch belegbar. Gibt es Personalüberschneidungen in Elite-Netzwerken heute? Ja, dokumentiert. Sind diese Bewegungen Teil einer koordinierten Weltregierung? Das ist eine andere Behauptung – und für diese liefert das Interview keinen Beweis.
Das ist das handwerkliche Problem: Jiang beschreibt Muster, ohne Kausalität nachzuweisen. Das fühlt sich nach Tiefe an, ist aber methodisch Oberfläche. Wer Sabbatai Zvi, Jakob Frank, Ignatius von Loyola und die Chabad-Rebben in dieselbe Erzählung einbaut, ohne die fundamentalen theologischen und ideologischen Widersprüche zwischen diesen Bewegungen zu erklären, betreibt Mosaik-Journalismus: Man legt Steine nebeneinander und nennt es ein Bild.
Warum taucht das jetzt auf – und warum bei Tucker? Tucker Carlson wurde 2023 von Fox News entlassen, baut seitdem auf X eine eigene Plattform auf, finanziert durch Klicks und Abonnements. Sein Geschäftsmodell ist das Tabubruch-Interview – je mehr etwas «nicht gesagt werden darf», desto wertvoller ist es als Content. Ob Jiang recht hat, ist für dieses Modell zweitrangig. Ob das Interview Resonanz erzeugt, ist die einzige Metrik.
Dass ein chinesischer Professor ausgerechnet sabbatianische und frankistische Netzwerke als Erklärung für westliche Machteliten anbietet, ist auch geopolitisch nicht neutral. China hat strategisches Interesse daran, westliche Institutionen als von kryptorelgiösen Eliten unterwandert darzustellen – das destabilisiert Vertrauen in westliche Demokratien wirksamer als jede offene Propaganda.
Vielleicht hat Jiang recht. Vielleicht beschreibt er reale Strukturen. Aber wer ihm zuhört, sollte sich eine Frage stellen, die das Interview selbst nicht stellt: Wessen Interessen bedient diese Erzählung – und wer hat Jiang auf Tuckers Sofa gesetzt? Das Muster erkennen heisst auch: Das Muster des Interviews erkennen.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








