Es gibt Fragen, die stellen sich nur Menschen, die weit genug vom Geschehen entfernt sitzen. Am besten mit Kaffee, Leitartikel und dem beruhigenden Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hat so eine Frage gefunden. Sie lautet sinngemäss: War es sinnvoll, die Epstein-Files zu veröffentlichen?
Man muss diese Frage langsam lesen, um ihre ganze Eleganz zu erfassen. Sinnvoll. Nicht notwendig. Nicht überfällig. Sinnvoll. Als ginge es um eine Kosten-Nutzen-Analyse eines Infrastrukturprojekts und nicht um die Aufarbeitung eines globalen Netzwerks aus Machtmissbrauch, Menschenhandel und sexuellem Missbrauch Minderjähriger rund um Jeffrey Epstein.
Allein das Wording ist ein Lehrstück intellektueller Selbstverteidigung. Wer fragt, ob etwas «sinnvoll» war, hat sich innerlich bereits vom Inhalt verabschiedet. Es ist die rhetorische Notbremse einer Elite, die Wahrheit nicht leugnen will, aber bitte auch nicht zu genau hinschauen möchte.
Denn diese Frage ist nicht neutral. Sie tut nur so. In Wirklichkeit ist sie der elegante Versuch, Schuld zu relativieren, Täter zu entlasten und den Fokus von den Verbrechen wegzuschieben hin zu den vermeintlichen Nebenwirkungen ihrer Aufdeckung. Plötzlich geht es nicht mehr um Opfer, sondern um Diskursklima. Nicht mehr um Taten, sondern um Befindlichkeiten.
Das Muster ist bekannt. Man problematisiert nicht das Verbrechen, sondern die Konsequenzen seiner Benennung. Man sorgt sich nicht um die zerstörten Leben, sondern darum, dass «die falschen Kreise» sich bestätigt fühlen könnten. Wahrheit wird zur Gefahr erklärt. Aufklärung zum Risiko.
So entsteht diese degenerierte Debattenkultur, in der Harmonie höher gewichtet wird als Realität. Man fragt nicht, wie tief der Abgrund ist, sondern ob es nicht unpraktisch sei, hineinzuschauen. Vielleicht stolpert ja jemand. Vielleicht wird es unangenehm. Vielleicht verliert man die moralische Deutungshoheit.
Was die NZZ hier zeigt, ist kein kluger Zweifel, sondern narzisstische Abwehr. Ein psychologischer Reflex: Wir schauen nur hin, wenn es unsere Selbstwahrnehmung nicht beschädigt. Alles andere nennen wir «nicht zielführend».
Das ist kein Journalismus. Das ist Verdrängung mit Feuilleton-Rand. Und genau dieser Reflex ist der Nährboden, auf dem Netzwerke wie das von Epstein jahrzehntelang gedeihen und wuchern konnten. Im Schutz derer, die lieber fragen, ob es sinnvoll ist, das Licht einzuschalten, als endlich hinzusehen.
War es sinnvoll?
Shame on you, NZZ – für eure moralische Kapitulation im Angesicht der Wahrheit.







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