Deutschland hat sein Mitgefühl mit einer Rücklaufsperre ausgestattet: Es fliesst zuverlässig in eine Richtung und keinen Millimeter zurück. Rund 74’400 Tote zählt die Gesundheitsbehörde in Gaza bis Mitte Oktober 2026, fast 1500 davon seit der sogenannten Waffenruhe und Berlin genehmigt Rüstungsgüter, als handle es sich um Gartenmöbel. Das Einweg-Leid-Paradoxon sitzt in der deutschen Psyche von der Regierungsbank bis zum Stammtisch: Die Elite hat es zum Betriebssystem gemacht, das Volk hat es monatelang klaglos laufen lassen.

Einweg-Leid: Auschwitz beweinen, Völkermord beliefern

Im November 2023, als Gaza bereits unter Bomben lag, befürworteten laut Forsa 62 Prozent der Deutschen Israels Militäreinsatz. Heute halten laut GIGA-Institut nur noch zehn Prozent die Staatsräson für den richtigen Kompass, 69 Prozent wollen das Völkerrecht. Das Mitgefühl des Volks lief der Leichenzahl hinterher. Die Regierung läuft ihr bis heute davon.

Opa war kein Nazi, Opa war Schindler

Am Anfang steht eine Familienlegende im Massenformat. In der MEMO-Studie von 2020 verneinten 77 Prozent der Befragten, dass unter ihren Vorfahren Täter gewesen seien, 32 Prozent wollen sogar einen Helfer im Stammbaum haben. Der reale Anteil der Helfer lag unter einem Prozent. Ein Volk von Judenrettern also, das sechs Millionen Ermordete irgendwie aus Versehen hinterlassen hat. Wer die eigene Familiengeschichte derart wegretuschiert, braucht einen Ersatzaltar und den liefert der Staat: Bekenntnis statt Erinnerung, Gelöbnis statt Prüfung. Die Rechnung kommt pünktlich. Laut Bertelsmann-Erhebung von 2025 sprechen sich nur noch 32 Prozent gegen einen Schlussstrich unter die Vergangenheit aus, in Israel sind es 62 Prozent. Der selbsternannte Weltmeister der Aufarbeitung will mehrheitlich nichts mehr davon hören. Dem Psychoanalytiker Zvi Rex wird der Satz zugeschrieben, die Deutschen würden den Juden Auschwitz nie verzeihen. Ob er wirklich von ihm stammt, ist nicht gesichert. Er beschreibt trotzdem, was unverdaute Schuld anrichtet: Sie sucht sich einen Abfluss.

Einweg-Leid: Auschwitz beweinen, Völkermord beliefern

Mitgefühl mit Rücklaufsperre

Am 18. März 2008 erklärte Angela Merkel vor der Knesset die Sicherheit Israels zum «Teil der Staatsräson meines Landes». Ein juristisch leerer Begriff mit sakraler Wirkung: Wer ihn anzweifelt, begeht Gotteslästerung im Bundestagsformat. Der Historiker A. Dirk Moses nannte das 2021 den «Katechismus der Deutschen», mit einer Hierarchie des Leidens und einem heiligen Trauma an der Spitze. Saul Friedländer, Dan Diner und Yehuda Bauer haben ihn dafür scharf angegriffen, entschieden ist die Debatte nicht. Die Psychologie liefert den unappetitlichen Unterbau: Mina Cikara, Emile Bruneau und Rebecca Saxe zeigten 2011, dass Menschen mit der eigenen Gruppe mitleiden und beim Unglück der Gegengruppe kaum etwas empfinden. Das Einweg-Leid-Paradoxon ist also keine deutsche Erfindung, sondern menschliche Grundausstattung. Deutsch ist die Verbeamtung: Hier wird das Empathiegefälle zum Regierungsprogramm. Die Bevölkerung hat brav mitgespielt. Noch im März 2024 fand laut ARD-DeutschlandTrend ein Drittel Israels Vorgehen angemessen oder sogar zu zaghaft. Erst danach kippte die Stimmung: Heute verlangen laut GIGA 78 Prozent, dass keine Doppelmoral gelten dürfe, 68 Prozent sehen Kriegsverbrechen der Hamas, 65 Prozent solche Israels. Wer so spät zum Augenmass findet, hat vorher mit geschlossenen Augen genickt.

Einweg-Leid: Auschwitz beweinen, Völkermord beliefern

Drecksarbeit mit Exportgenehmigung

Am 17. Juni 2025 sprach Friedrich Merz aus, was Staatsräson im Alltag bedeutet: «Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle». Am 8. August verhängte Berlin einen Teilstopp für Rüstungsexporte. Im September kam die UNO-Untersuchungskommission zum Schluss, Israel habe in Gaza Völkermord begangen, vier von fünf Tatbestandshandlungen der Konvention seien erfüllt, Staaten sollten Waffentransfers stoppen. Berlin hob den Teilstopp am 24. November 2025 auf und genehmigte danach in gut vier Monaten Rüstungsgüter für knapp 167 Millionen Euro, während des Teilembargos waren es rund zehn Millionen. Selbst als ab dem 28. Februar 2026 der Krieg gegen Iran lief, gingen bis Ende März Genehmigungen für 6,6 Millionen Euro durch. Zwei Drittel der Deutschen hätten laut GIGA einen Exportstopp befürwortet. Das ist das Einweg-Leid-Paradoxon in Zahlen: Das Leid der einen ist Staatsräson, das Leid der anderen ein Posten in der Exportstatistik. Wer das ausspricht, steht schnell unter Generalverdacht, obwohl Netanyahu zu kritisieren keine Judenfeindschaft ist, sondern Pflicht. Die Bundesregierung sieht das anders. Sie liefert lieber, als zu zählen.

Wer Mitgefühl zeigt, wird aufgelöst

Im April 2024 löste die Berliner Polizei den Palästina-Kongress nach kurzer Zeit auf. Das Verwaltungsgericht Berlin stellte am 26. November 2025 fest, dass die Auflösung rechtswidrig war, strafbare Äusserungen waren nicht belegt. Gestört hatte kein Verbrechen, sondern die Richtung des Mitgefühls. Am 14. Oktober 2026 berief die Bundesregierung Katharina von Schnurbein zur Antisemitismusbeauftragten, eine Frau, die Spenden für Gaza als möglichen Antisemitismus thematisierte.

Einweg-Leid: Auschwitz beweinen, Völkermord beliefern

Die israelische Zeitung Haaretz nannte sie einst «inoffizielle Botschafterin Israels». 29 Organisationen protestierten, über 80 stellten sich hinter sie. Damit ist die Rücklaufsperre amtlich bestellt. Wer jede Kritik zur Judenfeindschaft erklärt, schützt keine Juden, sondern verheizt den Begriff, bis er auch Juden trifft, die bloss die Wahrheit sagen. Israel selbst führt vor, wohin das führt, wenn es Abweichler aus den eigenen Reihen mundtot machen will.

Der Rückstau läuft über

Verdrängte Schuld verschwindet nicht, sie sucht sich ein neues Ziel. Laut Bertelsmann sehen nur noch 36 Prozent Israel positiv (2021 waren es 46 Prozent), 29 Prozent finden Juden wegen der israelischen Politik inzwischen unsympathischer. Dabei haben die Deutschen die nötige Unterscheidung längst begriffen: 56 Prozent sehen ihre Verantwortung laut GIGA gegenüber Juden, nicht gegenüber dem Staat Israel. Die Elite verweigert genau diese Trennung, schraubt die Gleichung von Regierung und Religion jeden Tag tiefer in die Köpfe und das Volk lässt sie gewähren. Mitgefühl nach Pass. Waffen nach Genozidbefund. Gedenken nach Dienstplan. Wer Leid nur in eine Richtung fliessen lässt, erntet Hass aus beiden!

Einweg-Leid: Auschwitz beweinen, Völkermord beliefern

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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