Heute ist Zahltag für alle, die Abstimmungskämpfe für Lärmbelästigung und Gratisessen für ein Menschenrecht halten: An 82 Standorten quer durch die Schweiz brutzelt die Bauernlobby ihre Propaganda direkt in Wurstform – und du darfst sie essen, ohne auch nur ein einziges Argument mitzukauen.
Der «Tag des letzten Cervelats», ausgerufen von der Allianz gegen die Ernährungsinitiative unter Führung des Schweizer Bauernverbands, ist Abstimmungswerbung in ihrer ehrlichsten Form: Statt dir ein Plakat ins Gesicht zu halten, hält man dir eine Wurst hin. Grilliert oder roh, ganz nach Gusto. Die Botschaft dahinter ist so subtil wie ein Traktor im Wohnzimmer – stimmst du am 27. September falsch, war das hier deine Henkersmahlzeit.
Demokratie am Spiess
Man muss der Nein-Allianz eines lassen: Sie hat verstanden, wie dieses Land funktioniert. Über Verfassungsartikel diskutieren mag hierzulande kaum jemand, aber für eine Gratis-Wurst stellt sich der Schweizer auch bei Hagel in die Schlange. Also wird die Volksabstimmung kurzerhand zur Fressmeile umgebaut: In Lausanne adelt man die Aktion gleich zur «Journée du Saucisson vaudois IGP», in Liestal und Sissach läuft sie unter dem Kampftitel «Der letzte Klöpfer vor dem Vegan-Zwang» und im Wallis machen gleich reihenweise Dorfmetzgereien den ganzen Tag lang mit, inklusive Medienkonferenz in Agarn. Den Vogel schiesst das thurgauische Ellighausen ab: 14 Stunden Wurstausgabe von morgens 9 bis nachts 23 Uhr – so viel Durchhaltewillen bringt nicht einmal das Bundeshaus auf. Gesponsert wird die Munition übrigens von Bigler Fleischwaren – die Wurst, die dich vor der Wurstlosigkeit warnen soll, ist also selbst ein Werbegeschenk der Fleischindustrie. Das Schöne daran: Niemand prüft an der Grillstelle deine Gesinnung. Du kannst die Wurst nehmen, «Danke» sagen und mit vollem Mund weiterziehen, während hinter dir der nächste Flyer verhungert. Beim Essen schweigt man bekanntlich – ein Umstand, den die Standbetreuer noch bitter unterschätzen werden.
Was da eigentlich auf dem Rost liegt
Zur Abstimmung steht die Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung – durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser», lanciert aus derselben Küche wie seinerzeit die Trinkwasserinitiative. Es ist bereits der dritte Anlauf aus dieser Ecke und die ersten beiden endeten 2021 im Doppel-Debakel: Trinkwasser- und Pestizidinitiative wurden wuchtig versenkt, Letztere mit über 60 Prozent Nein. Sie verlangt, dass die Schweiz mindestens 70 Prozent ihrer Lebensmittel selbst produziert – aktuell dümpelt der Netto-Selbstversorgungsgrad laut Bund bei rund 42 Prozent. Netto heisst dabei: Das importierte Futter für die hiesigen Tiere ist bereits abgezogen, denn die Schweizer Kuh frisst deutlich globaler, als ihre Werbeplakate zugeben. Erreicht werden soll das über eine Landwirtschaft, die auf Pflanzen statt Tiere setzt, weniger düngt, weniger spritzt und das alles innert zehn Jahren – je nach Abstimmungsfahrplan wäre das Kunststück also zwischen 2036 und 2038 zu vollbringen. Ein sportlicher Fahrplan, gemessen daran, dass dieses Land für einen Autobahnanschluss länger benötigt. Entsprechend allein steht die Initiantin da: Bundesrat, Parlament und selbst grosse Umweltverbände winken ab.
Zwang oder Förderung – die Nebelwurst
Und hier wird es unappetitlich, auf beiden Seiten des Grills. Die Nein-Kampagne plakatiert «Vegan-Zwang», doch im Initiativtext steht kein Wurstverbot, kein Fleischkontingent, keine Tofu-Pflicht – dort steht, der Bund «strebe» die 70 Prozent an und treffe «Massnahmen zur Förderung» pflanzlicher Ernährung. Wer den Zwang zitiert, zitiert das eigene Kampagnenplakat, nicht die Verfassung. Nur bevor sich das Ja-Lager jetzt selbstgerecht zurücklehnt: Der Bundesrat – der die Vorlage ablehnt und lieber gemütlich bis 2050 auf 50 Prozent hinarbeiten will – hält schriftlich fest, dass ohne starke staatliche Eingriffe und einen deutlichen Rückgang beim Konsum von Fleisch, Milch und Eiern gar nichts erreichbar wäre. Auf gut Deutsch: Der Zwang steht nicht im Text, aber er wäre die Rechnung. Es ist derselbe Kulturkampf ums Essen, der schon aus einer Tomate einen Kreuzzug gemacht hat – nur dass diesmal beide Lager mit vollem Munitionsgurt am Buffet stehen.
Die Wurst, die Rechnung und der Grenzübertritt
Die Gegner warnen zudem vor teureren Lebensmitteln und blühendem Einkaufstourismus – ein Argument mit Beigeschmack, denn wer den Fleischhunger künftig jenseits der Grenze stillt, landet schnell bei genau jener Importware, über deren Qualität man sich sonst so herzhaft empört. Die Befürworter wiederum versprechen Krisenfestigkeit und sauberes Wasser, verschweigen aber gern, dass man Versorgungssicherheit nicht per Verfassungsdatum herbeizaubert. Beide Seiten verkaufen dir ihre Version der Zukunft und beide tun so, als wäre sie gratis. Gratis ist heute aber nachweislich nur eines: Der Cervelat. Deshalb hier der eigentliche Serviceteil dieses Artikels – die vollständige Liste aller 82 Verteilstationen mit ihren Zeitfenstern, sauber von der offiziellen Standortkarte gepflückt, damit du deine Route planen kannst wie ein Profi.
Der Nachgeschmack
Bleibt die Erkenntnis, dass eine Demokratie, die ihre Stimmbürger mit Wurstwaren ködert, exakt die Debattenkultur bekommt, die sie verdient. Am 27. September wird abgerechnet und bis dahin gilt: Iss die Wurst, aber kau die Parolen nicht ungeprüft mit. Die Bauernlobby verteilt Würste und nennt es Aufklärung. Die Initianten beabsichtigen, dir den Menüplan umzubauen und nennen es Sicherheit. Der Bundesrat rechnet beiden vor, dass es ohne Verzicht nicht geht – und hofft, dass du es bis zur Urne wieder vergessen hast. Und du stehst mit einem Gratis-Cervelat in der Hand zwischen den Fronten und bist das Einzige an diesem Tag, das tatsächlich satt wird!
Alle 82 Standorte mit Zeitfenster
- Aarau, Kasinogarten – 11:00 bis 14:00 Uhr
- Affoltern am Albis, Kronenplatz, Untere Bahnhofstrasse 17 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Agarn, Dorfstrasse 12 – 09:00 bis 12:30 Uhr
- Altdorf, Bahnhofplatz – ab 16:00 Uhr
- Altnau, Güttingerstrasse 9 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Amriswil, Bahnhofstrasse 45 – 17:00 bis 20:00 Uhr
- Amriswil, Egelmoosstrasse 19 – 18:30 bis 20:30 Uhr
- Baden, Badstrasse – 11:00 bis 14:00 Uhr
- Belprahon, Dos les Terras 3 – 16:00 bis 19:00 Uhr
- Bern, Belpstrasse 26 (Schweizer Bauernverband) – 11:45 bis 13:15 Uhr
- Bern, Gurtengasse 4 – 16:00 bis 19:00 Uhr
- Beromünster, Scholbrunnen (Fläcke) – 17:00 bis 20:00 Uhr
- Birmensdorf, Würiplatz, Zürcherstrasse 9 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Breitenbach, Laufenstrasse 2 – 17:00 bis 19:00 Uhr
- Brig, Alte Simplonstrasse 4 (Molinari Sepione) – 08:00 bis 18:30 Uhr
- Brig, Bahnhofstrasse 8 (Berger Metzg) – 07:30 bis 18:30 Uhr
- Bülach, Rathaus, Marktgasse 28 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Büren an der Aare, Kreuzgasse – 17:00 bis 20:30 Uhr
- Burgdorf, «Alte Post» an der Bahnhofstrasse – 11:00 bis 14:00 Uhr
- Bützberg, LANDI, Zürichstrasse 32 – 16:30 bis 18:30 Uhr
- Corgémont, Grand Rue 15 – 18:30 bis 20:30 Uhr
- Cresciano, In Pièza 12 (Unione Contadini Ticinesi) – 10:00 bis 17:00 Uhr
- Dübendorf, Hochbordstrasse 15 (Beerstecher) – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Ellighausen, Schöntalstich 1 – 09:00 bis 23:00 Uhr
- Emmen, Sonnenplatz – 17:00 bis 20:00 Uhr
- Ennetmoos, Bielihof – ab 19:00 Uhr
- Entlebuch, Marktplatz – 17:00 bis 22:00 Uhr
- Frauenfeld, Rathausplatz 1 – 13:30 bis 18:30 Uhr
- Fribourg, Place Georges-Python – 17:00 bis 19:30 Uhr
- Gampel-Bratsch, Neue Strasse 1 (Metzgerei Stocker) – 08:00 bis 18:00 Uhr
- Gempen, Haglenweg 31 – 17:00 bis 20:00 Uhr
- Glarus, Rathausplatz – 17:00 bis 20:30 Uhr
- Glis, Dorfplatz 4 (Dini Mini Metzg) – 08:00 bis 12:00 Uhr
- Herrliberg, Schlattgut, Schlattstrasse 67 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Interlaken, Höhenweg – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Ins, Dorfplatz – 17:00 bis 20:30 Uhr
- Kappel, Gunzgertal 5 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Kirchberg SG, Hüsligs 1254 – 19:30 bis 21:00 Uhr
- Kreuzlingen, Hauptstrasse 54 – 17:00 bis 19:00 Uhr
- Kreuzlingen, Tägerwilerstrasse 6 – 16:00 bis 19:30 Uhr
- Kriens, Gabeldingen – 17:00 bis 22:00 Uhr
- Langnau im Emmental, Viehmarkt 2 – 17:00 bis 19:00 Uhr
- Lausanne, Place de la Navigation – 16:00 bis 20:00 Uhr
- Liestal, Wasserturmplatz 1 – 11:00 bis 13:00 Uhr
- Lyss, Wallislochweg 6 – 17:00 bis 20:30 Uhr
- Marthalen, Güeterstrass 3 (LANDI) – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Mörel, Furkastrasse 23 (Metzgerei Aletsch) – 08:00 bis 12:00 Uhr
- Münchwilen, Im Zentrum 4 – 17:00 bis 19:00 Uhr
- Münster VS, Furkastrasse 592 (Metzgerei Nessier) – 07:30 bis 18:00 Uhr
- Naters, Belalpstrasse 7 (Fleischatelier Bammatter) – 08:00 bis 18:00 Uhr
- Neuchâtel, Rue de l’Hôpital – 17:00 bis 20:00 Uhr
- Nods, Les Combes 120 (Plateau de Diesse) – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Pfäffikon ZH, Seequai, Stogelenweg 2 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Rapperswil, Engelplatz – 11:30 bis 14:00 Uhr
- Raron, Bahnhofstrasse 60 (Metzgerei Pfammatter) – 07:00 bis 12:00 Uhr
- Reconvilier, Bahnhof – 17:00 bis 20:00 Uhr
- Regensdorf, Zentrumsplatz, Zentrum 1 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Reiden, Dörflimatte (LANDI Luzern-West) – 17:00 bis 22:00 Uhr
- Renan, Place Ami Girard 2 (Restaurant Cheval Blanc) – 17:00 bis 21:00 Uhr
- Rüti ZH, Kiesplatz Bandwies, Bandwiesstrasse 11 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Saas-Fee, Dorfplatz 1 (Dorf-Metzg) – 08:30 bis 18:30 Uhr
- Sachseln, Chalchofen – ab 17:00 Uhr
- Salgesch, Unterdorfstrasse 12 (Metzgerei Müller) – 08:00 bis 18:00 Uhr
- Schaffhausen, Fronwagplatz – 17:00 bis 20:00 Uhr
- Schlierbach, Wetzwil 1 – 17:00 bis 20:30 Uhr
- Schüpfen, Dorfstrasse 17 – 17:00 bis 20:30 Uhr
- Sissach, Hauptstrasse 42 – 11:00 bis 13:00 Uhr
- Sornetan, Saipran 39 (Petit Val) – 19:00 bis 21:00 Uhr
- St. Gallen, Marktplatz – 11:30 bis 14:00 Uhr
- Subingen, Gewerbestrasse 1 – 16:00 bis 20:00 Uhr
- Sulgen, Kreuzlingenstrasse 1 – 16:30 bis 19:00 Uhr
- Sulgen, Romanshornstrasse 25 – 19:30 bis 22:00 Uhr
- Sursee, Martignyplatz – 17:00 bis 21:00 Uhr
- Turtmann, Dorfstrasse 19 (Metzgerei Meyer) – 08:00 bis 18:30 Uhr
- Unterägeri, Wijermatt 2 – 17:00 bis 20:00 Uhr
- Uster, Gerichtsstrasse 2 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Weinfelden, Marktplatz – 16:00 bis 19:00 Uhr
- Wiesendangen, Herrenackerstrasse 20 – 18:00 bis 20:00 Uhr
- Wil SG, Bahnhofplatz – 16:30 bis 18:30 Uhr
- Wil SG, Obere Bahnhofstrasse – 16:30 bis 18:30 Uhr
- Windisch, Bahnhofstrasse 6 – 11:00 bis 14:00 Uhr
- Zug, Bundesplatz – 17:00 bis 20:00 Uhr










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







