Es gibt Wörter, bei denen sich das kollektive Nervensystem des Establishments sofort zusammenzieht. «Anarchie» ist eines davon. Der Reflex ist verlässlich wie ein Knietest beim Arzt: Chaos. Gewalt. Zusammenbruch. Ende der Zivilisation. Vermutlich auch Schimmel im Kühlschrank. Wer das Wort in den Mund nimmt, ohne sofort zurückzurudern und klarzustellen, dass man das natürlich nicht so gemeint hat, gilt als gefährlich. Oder wenigstens als naiv.
Sylvie-Sophie Schindler, Philosophin, Journalistin, Autorin und Pädagogin, nimmt das Wort in den Mund. Sie rudert nicht zurück. Und ihr Buch «Anarchie jetzt oder nie» stellt die bequeme Horrorvorstellung der herrschsüchtigen Mehrheit fundamental infrage. Nicht durch Revolution. Nicht durch Barrikaden. Sondern durch eine Idee, die so simpel und gleichzeitig so radikal ist, dass sie das gesamte politische Establishment in seiner Existenzberechtigung trifft: Der Mensch ist gross genug, sich selbst zu organisieren.
Das ist die eigentliche Provokation. Nicht Chaos. Nicht Gewalt. Sondern Vertrauen. Das System, das uns regiert, basiert auf dem Hobbesschen Axiom: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Ohne Staat, ohne Kontrolle, ohne Gewaltmonopol würden wir uns gegenseitig zerfleischen. Dieses Axiom ist die Geschäftsgrundlage jeder Regierung, jeder Bürokratie, jedes Kontrollsystems. Es ist auch und das ist das Bemerkenswerte, empirisch kaum belegt – aber es wird mit dem Nachdruck des Selbstverständlichen vorgetragen, weil wer es infrage stellt, den Laden gefährdet.
Schindler stellt es infrage. Anarchie, in ihrer Definition, ist keine Blaupause für den Zusammenbruch – sie ist die konsequenteste Liebeserklärung an den Menschen, die eine politische Theorie formulieren kann. Sie sagt: Du bist mündig. Du benötigst keinen Vormund. Du kannst mit anderen Menschen, denen du in die Augen schauen kannst, Dinge organisieren – ohne dass jemand, den du nie getroffen hast, darüber entscheidet. Kein Wunder, dass das kein Mainstream-Thema ist.
Was Schindler beschreibt, ist kein Rezept für übermorgen. Sie ist ehrlich genug, Zeitrahmen zu nennen: Achtzig Jahre, hundertundzwanzig, dreihundert. Nicht in fünf Jahren. Nicht nach der nächsten Wahl. Das ist die Art von Ehrlichkeit, die man im politischen Diskurs so selten findet, dass man kurz verblüfft innehalten muss. Keine Partei, kein Politiker, keine Bewegung würde sich mit einem Versprechen anfreunden, das erst in dreihundert Jahren einlösbar ist. Der Wahlzyklus beträgt vier Jahre. Das Denken passt sich dem an.
Anarchie als Prozess – nicht als Ereignis — das ist der Kern. Nicht die Erstürmung des Reichstags, sondern die solidarische Landwirtschaft im nächsten Dorf. Nicht die grosse Revolution, sondern die Floristin, die ihren Dieb persönlich aufsucht und fragt, ob er die gestohlenen Blumen heute oder morgen bezahlen möchte – ohne Polizei, ohne Anwalt, ohne den Apparat, den die Gesellschaft reflexartig für jede menschliche Spannung herbeiruft. Die Polizei hatte übrigens nicht geholfen. Der direkte Kontakt schon. Das erzählt viel.
Der Zorn, den Schindler als positive Kraft beschreibt, ist dabei kein Detail am Rande. Es ist das Herzstück. Nicht blinde Wut – jene destruktive Energie, die Systeme nachahmt, indem sie zerstört statt aufbaut. Sondern der heilige Zorn des Menschen, der genug gesehen hat, genug begriffen hat, genug erlebt hat – und der daraus nicht Resignation macht, sondern Impetus. Aggression in ihrem Ursprung: Agredere, vorwärtsgehen. Der Moment, in dem das Dämmern aufhört und das Tun beginnt.
Jesus im Tempel. Das Bild stimmt. Wer immer diesen Mann gelesen hat, ohne ihn durch zwei Jahrtausende institutioneller Übermalung zu lesen, erkennt: Das war kein sanftmütiger Spiritualitätscoach. Das war jemand, dem die Machtstrukturen seiner Zeit auf die Nerven gingen. Der daraus keine Theorie machte, sondern Taten. Und der die Konsequenzen trug, ohne zurückzurudern.
Was die repräsentative Demokratie angeht, ist Schindlers Diagnose klar und deckungsgleich mit dem, was Reiner Mausfeld schon länger beschreibt: Es ist eine Simulation. Eine Kulisse, die die Form der Mitbestimmung erzeugt, ohne deren Substanz zuzulassen. Wahlen alle vier Jahre, zwischen Alternativen, die von denselben Strukturen vorselektiert wurden, die anschliessend regieren. Das nennt sich Demokratie. Es ist die Verwaltung des Einverständnisses.
«Wir ignorieren sie doch am besten – und zwar mit Eleganz.» Dieser Satz von Schindler ist der vielleicht subversivste des ganzen Gesprächs. Nicht bekämpfen. Nicht reformieren. Nicht wählen und wählen und wählen in der Hoffnung, dass diesmal jemand anderes oben steht und es diesmal anders macht. Sondern das Interesse entziehen. Den Aufmerksamkeitsstrom umlenken. Auf das richten, was wirklich interessant ist: den Nachbarn. Den Menschen, dem man in die Augen schauen kann. Das, was hier und jetzt gestaltbar ist.
Kein Bundestag kann arbeiten ohne unser Geld. Kein Politiker hat Macht ohne unseren Applaus. Das Bild des einsam im Spotlight stehenden Kandidaten, vor dem niemand sitzt, ist keine Utopie – es ist die präzise Beschreibung des Mechanismus, der bereits gilt und den wir täglich verschleiern, indem wir uns mit der Maschinerie beschäftigen, als wäre sie wichtig. Sie ist nicht wichtig. Sie ist laut. Das ist nicht dasselbe.
Der Rest – die kleinen täglichen Akte der Selbstermächtigung, das Hinterfragen der Arztautorität, das Überdenken von Gehorsam in jeder Form, der abgerissene EU-Flaschendeckel als Mini-Rebellion gegen Regulierungswahn – das klingt banal. Und darum geht es. Weil wenn das Grosse überfordert, fängt man mit dem Kleinen an. Und das Kleine akkumuliert. Langsam, über Jahrzehnte, über Generationen. Bis das alte System nicht gestürzt, sondern überflüssig geworden ist. Bis der Laden leersteht, weil nebenan etwas Besseres entstanden ist.
Anarchie als Entwicklungsprozess. Nicht als Zustand, den man herbeibombt – sondern als Richtung, die man einschlägt. Jeden Tag ein bisschen mehr. Einen Abhängigkeitsmechanismus weniger. Eine Selbstverantwortung mehr. Das Establishment nennt das naiv. Es nennt alles naiv, was seine Existenzberechtigung infrage stellt.
Wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch, sagte Hölderlin. Er hat nicht gesagt, wann. Er hat nur gesagt: Auch…








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