Ein deutscher Regisseur, den die Branche seit zwanzig Jahren als «schlechtesten Filmemacher der Welt» handelt, dreht ausgerechnet jetzt einen Film über Migrantenkriminalität, kassiert von der FSK zweimal das «Kein Kennzeichen», brüllt «Zensur» und stellt den Streifen prompt gratis auf Elon Musks X. Wer hier ein mutiges Tabubruch-Werk vermutet, hat die Rechnung ohne Uwe Boll gemacht. Boll war nie ein Künstler mit einer Botschaft. Boll ist ein Buchhalter mit Kamera und er riecht einen Markt schneller, als ein FSK-Ausschuss «ab 18» stempeln kann.
Das alte Spiel mit dem Verlust als Geschäftsmodell
Wer wissen will, worum es Boll geht, muss den neuen Film gar nicht erst anschauen, ein Blick in sein Geschäftsmodell genügt. Ab dem Jahr 2000 finanzierte er seine Produktionen über selbst aufgelegte Medienfonds und ein deutsches Steuerschlupfloch, das wohlhabenden Investoren erlaubte, die kompletten Produktionskosten von der Steuer abzuschreiben. Übersetzt: Je teurer und je grandioser der Film floppte, desto schöner die Rendite. Boll plauderte es im DVD-Kommentar zu «Alone in the Dark» selbst aus, wer in Deutschland in einen Film investiere, bekomme «im Grunde fünfzig Prozent vom Staat zurück». Ein Modell, bei dem Qualität nicht nur überflüssig, sondern geradezu hinderlich war.
Dazu kaufte er reihenweise bekannte Videospielnamen auf, «House of the Dead», «Alone in the Dark», «BloodRayne», billige Lizenzen, an denen die Publisher kein Herzblut hingen, garniert mit klangvollen Schauspielernamen wie Ben Kingsley oder Jason Statham. Die Marke zog das Publikum, der Medienfonds zog das Geld und ob am Ende ein Film oder ein Trümmerhaufen dabei herauskam, war betriebswirtschaftlich zweitrangig. Boll hat das System nicht überlistet, weil er das Kino liebte. Er hat es überlistet, weil er rechnen kann.
Neue Lizenz, gleicher Reflex
2006 stopfte der Gesetzgeber das Schlupfloch, die DVD starb, das Streaming zahlt Almosen und der Geschäftsmann Boll suchte sich eine neue Lizenz. Dieses Mal kauft er keinen Videospielnamen mehr, dieses Mal greift er nach etwas weit Wertvollerem: Einem Publikum, das sich seit Jahren übergangen, belehrt und nicht beschützt fühlt.
Dieses Gefühl ist nicht aus der Luft gegriffen. Wenn ein Gericht neun Männer wegen einer Gruppenvergewaltigung verurteilt und acht davon mit Bewährung nach Hause schickt, dann sitzt die Wut echt und tief. Das ist kein «gieriges Publikum», wie Boll seine eigenen Zuschauer von oben herab tauft, sondern es sind Menschen mit dem berechtigten Eindruck, der Staat erkläre ihnen lieber, warum milde Urteile richtig seien, statt sie zu schützen. Wer dieses Misstrauen für blosse Pöbelei hält, hat in den vergangenen Jahren nicht hingesehen.
Genau diese Lücke hat Boll gewittert. Wo früher der Schriftzug «BloodRayne» das Genre-Publikum in den Saal lockte, lockt heute das Versprechen, endlich auszusprechen, was angeblich niemand mehr sagen darf. Es ist bereits sein dritter Streich dieser Machart, der Schlussstein einer Trilogie, die er vollmundig «Deutschland im Winter» getauft hat. Selbst die Besetzung folgt dieser Logik: In der Hauptrolle steht ein Armie Hammer, der seit Jahren weniger für seine Filme als für seine privaten Skandale durch die Presse gereicht wird, ein Name, der Schlagzeilen garantiert, bevor die erste Kritik überhaupt getippt ist. Der Stoff hat gewechselt, der Reflex ist derselbe geblieben: Nimm das, wonach eine grosse, frustrierte Menge dürstet und mach Kasse, bevor es jemand merkt.
Der Blitzableiter, den niemand bestellt hat
Hier wird es bitter. Denn ein ernstes Anliegen, Jugendstrafrecht, Bewährungspraxis, das ramponierte Sicherheitsgefühl, hätte einen Fürsprecher verdient, der es nicht ausgerechnet in einem Boll-Film ersäuft. Wer will, dass über milde Urteile geredet wird, sollte das Thema nicht jemandem in die Hand drücken, dessen handwerkliches Können bis heute legendär unterirdisch ist und dessen halbe Filmografie auf der Liste der schlechtesten Filme aller Zeiten Stammgast spielt.
Denn was geschieht? Die Debatte schrumpft auf den Film, der Film schrumpft auf seinen schäbigsten Effekt und schon ist aus einem realen Problem ein Boll-Skandal geworden, den man bequem in die rechte Ecke schieben und dort entsorgen kann. Boll liefert den Gegnern des Anliegens die Steilvorlage frei Haus: Seht her, so sehen die aus, die «über Migrantenkriminalität reden wollen». Danke für nichts.
Und dann das Zensur-Geschrei. Natürlich ist die FSK-Mechanik diskussionswürdig, natürlich ist es grotesk, wenn eine Handvoll Ausschussmitglieder faktisch bestimmt, was Millionen Erwachsene sehen dürfen. Über echte Meinungs- und Kunstfreiheit lohnt sich jeder Streit. Nur ist Boll der denkbar schlechteste Kronzeuge, weil er ganz genau weiss, dass die Sperre der beste Werbespot ist, den Geld nicht kaufen kann. Er nennt die fehlende Freigabe selbst den Wegfall eines «Refinanzierungsbausteins» und holt sich die verlorene Kinokasse über den Aufmerksamkeits-Tsunami der Gratis-Premiere auf X zurück. Zensur als Marketingabteilung. Man muss es ihm lassen, der Mann verschwendet keine einzige Krise.
Uwe Boll geht es nicht um Hamburg, nicht um Bewährungsstrafen, nicht um die Frau, die in der ersten Szene sterben muss, damit das Publikum die richtige Wut mitbringt. Es geht ihm um das, worum es ihm immer ging, ums Geschäft.
Er hat kein Drama über Justizversagen gedreht, sondern eine Zielgruppe verfilmt. Er verkauft den Verängstigten ihre eigene Ohnmacht als Katharsis zurück und nennt die Quittung Mut. Am Ende steht keine gewonnene Debatte, sondern ein Machwerk, das ein berechtigtes Anliegen so restlos diskreditiert, dass dessen Gegner ihm dafür Blumen schicken müssten. Uwe Boll schadet der Sache mehr als jeder FSK-Ausschuss es je könnte und lässt sich dafür auch noch als Märtyrer der Meinungsfreiheit feiern!









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