Es gibt eine bestimmte Sorte Mensch, die felsenfest überzeugt ist, sich ihre Meinung ganz alleine gebildet zu haben – während sie dabei Wort für Wort das nachbetet, was ihr ein Bildschirm in dreissig Sekunden Sendezeit zwischen Wetterbericht und Werbeblock eingetrichtert hat. Dieser Mensch hält sich für wach. Das ist die eleganteste Form der Bewusstlosigkeit, die je erfunden wurde.

Denn die wirksamste Lenkung ist die, die sich nicht wie Lenkung anfühlt. Niemand legt dir Handschellen an, wenn er dich stattdessen davon überzeugen kann, dass das Gefängnis dein Zuhause ist und der Wärter dein Freund. Wer kontrolliert werden will, merkt es nicht – das ist keine Schwäche des Systems, das ist seine ganze Genialität. Man muss niemanden zwingen, in einer Welt zu leben, die er für die einzig mögliche hält.

Bitte recht ängstlich: Warum man dir das Sehen abgewöhnt hat

Angst, das Abonnement, das niemand kündigt
Die Grundzutat ist immer dieselbe, und sie heisst Furcht. Nicht die echte, akute Angst vor der Klinge an der Kehle – die wäre zu kurzlebig, zu ehrlich, zu schnell vorbei. Gefragt ist die andere Sorte: Das chronische, niedrigschwellige Grummeln im Bauch, das nie ganz verschwindet und nie ganz ausbricht. Diese Angst ist das perfekte Produkt, weil sie nie verbraucht wird. Du zahlst dafür mit deiner Aufmerksamkeit, deiner Zustimmung, deiner Bereitschaft, das nächste Notpaket gegen das nächste Schreckgespenst abzunicken – und morgen stehst du wieder am Kiosk und kaufst die Fortsetzung.

Wer das Geschäftsmodell durchschaut, sieht überall denselben Mechanismus am Werk. Wie geschmeidig sich aus einem mulmigen Gefühl ein Markt und ein politisches Druckmittel zugleich formen lassen, habe ich an anderer Stelle bereits seziert. Das Muster wiederholt sich mit der Verlässlichkeit eines Uhrwerks: Erst wird das Gespenst gezeichnet, dann der Retter präsentiert und wer nach dem Preis für die Rettung fragt, gilt als Komplize des Gespensts.

Bitte recht ängstlich: Warum man dir das Sehen abgewöhnt hat

Die Wirklichkeit kommt frei Haus, fertig montiert
Das eigentliche Kunststück ist nicht die Lüge. Lügen sind plump, Lügen fliegen auf. Das Kunststück ist der Rahmen – die unsichtbare Grenze, innerhalb derer du denken darfst, was du willst, solange du nie auf die Idee kommst, dass es ein Aussen gibt. Der Bildschirm zeigt dir nicht die Welt. Er zeigt dir eine Auswahl, getroffen von Leuten, die du nie triffst, mit Interessen, die nie auf dem Sendeplan stehen. Und weil alle denselben Ausschnitt sehen, hält jeder den Ausschnitt für das Ganze.

Das ist der Trick mit dem Konsens: Wiederhole eine Behauptung oft genug aus genug Mündern, und sie wird zur Tapete, vor der sich jedes Gespräch abspielt. Man diskutiert dann leidenschaftlich über die Farbe der Vorhänge und merkt nie, dass die Wände selbst gestellt wurden. Wer den Mut hat, vom Sofa aufzustehen und hinter den Vorhang zu schauen, ist in dieser sorgfältig dekorierten Inszenierung schon fast ein Störenfried – ein Spielverderber, der die schöne Beleuchtung ruiniert.

Kaufen, also bin ich
Und wenn die Angst dich nicht hält, hält dich der Konsum. Irgendwann hat man aus dem Einkaufen eine Religion gemacht, komplett mit Hohepriestern in Turnschuhen, mit heiligen Produkteinführungen statt Hochämtern und mit Gläubigen, die nachts vor verschlossenen Türen kampieren, um als Erste die neue Reliquie in Händen zu halten. Du kaufst längst keine Dinge mehr. Du kaufst Identität, Zugehörigkeit, das warme Gefühl, jemand zu sein, weil du etwas besitzt. Die Quittung ist dein Glaubensbekenntnis, das Logo dein Kreuz und der Glaube, frei zu wählen, ist der wohligste Teil des ganzen Sakraments.

Das Schöne an dieser Religion ist, dass sie nie verlangt, an etwas zu glauben – sie verlangt nur, zu konsumieren und schreibt das Konsumieren als Freiheit gut. Du fühlst dich autonom, während du brav den Wünschen folgst, die man dir gestern erst eingepflanzt hat. Selbstverwirklichung gegen Vorkasse, mit zwölf Monaten Garantie auf das Gefühl und keiner einzigen auf den Sinn.

Bitte recht ängstlich: Warum man dir das Sehen abgewöhnt hat

Wenn das Irrenhaus die Hausordnung schreibt
Bleibt der letzte, eleganteste Kniff: Erkläre das Absurde zur Normalität und plötzlich ist der Vernünftige der Verrückte. Wenn alle mitlachen, fällt nicht auf, dass der Witz auf ihre Kosten geht. Die Verblödung wird nicht von oben verordnet, sie wird unten gefeiert – als Unterhaltung, als Entlastung, als wohlverdiente Pause vom Denken. Und wer sich weigert mitzulachen, wer fragt, warum man eigentlich klatscht, der stört das Programm. Der bekommt kein Verbot. Er bekommt etwas Wirksameres: Ein mitleidiges Lächeln und das Etikett, er nehme das alles viel zu ernst.

Genau hier schliesst sich der Kreis. Die ganze Apparatur aus dosierter Angst, montierter Wirklichkeit, gekaufter Identität und gefeierter Dummheit benötigt keinen einzigen Aufseher mehr, sobald die Insassen die Mauern für die Aussicht halten. Sie bewachen sich selbst, korrigieren einander, melden den Abweichler – nicht aus Bosheit, sondern aus Überzeugung, dass draussen nur Kälte und Wahnsinn warten.

Du musst nicht glauben, dass jemand am anderen Ende sitzt und die Fäden zieht – es genügt, dass ausreichend Leute ein Interesse daran haben, dass du sitzen bleibst. Du musst die Bildschirme nicht abschalten, niemand verlangt das von dir. Es würde schon reichen, ein einziges Mal zu fragen, wer entschieden hat, was darauf läuft. Und wenn du danach immer noch glaubst, alles sei nur Zufall, alles nur gut gemeint und jeder Schirm zeige dir die Welt, wie sie ist – dann diskutieren wir nicht, dann hast du die Hausaufgabe schlicht nie erledigt!

Bitte recht ängstlich: Warum man dir das Sehen abgewöhnt hat

Psst, folge uns unauffällig!

Mehr für dich:

Unterstütze Dravens Tales from the Crypt

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.

Mein Blog war niemals darauf ausgelegt Nachrichten zu verbreiten, geschweige denn politisch zu werden, doch mit dem aktuellen Zeitgeschehen kann ich einfach nicht anders, als Informationen, welche sonst auf allen anderen Kanälen zensiert werden, hier festzuhalten. Mir ist dabei bewusst, dass die Seite mit dem Design auf viele diesbezüglich nicht «seriös» wirkt, ich werde dies aber nicht ändern, um den «Mainstream» zu gefallen. Wer offen ist, für nicht staatskonforme Informationen, sieht den Inhalt und nicht die Verpackung. Ich habe die letzten 2 Jahre genügend versucht, Menschen mit Informationen zu versorgen, dabei jedoch schnell bemerkt, dass es niemals darauf ankommt, wie diese «verpackt» sind, sondern was das Gegenüber für eine Einstellung dazu pflegt. Ich will niemandem Honig ums Maul schmieren, um auf irgendwelche Weise Erwartungen zu erfüllen, daher werde ich dieses Design beibehalten, denn irgendwann werde ich diese politischen Statements hoffentlich auch wieder sein lassen können, denn es ist nicht mein Ziel, ewig so weiterzumachen ;) Ich überlasse es jedem selbst, wie er damit umgeht. Gerne dürfen die Inhalte aber auch einfach kopiert und weiterverbreitet werden, mein Blog stand schon immer unter der WTFPL-Lizenz.

Es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue, DravensTales wurde im Laufe der Jahre Kulturblog, Musikblog, Schockblog, Techblog, Horrorblog, Funblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Trashblog, Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schrottblog und Wundertütenblog genannt. Was alles etwas stimmt… – und doch nicht. Der Schwerpunkt des Blogs ist zeitgenössische Kunst, im weitesten Sinne des Wortes.

Um den Betrieb der Seite zu gewährleisten könnt ihr gerne eine Spende per Kreditkarte, Paypal, Google Pay, Apple Pay oder Lastschriftverfahren/Bankkonto zukommen lassen. Vielen Dank an alle Leser und Unterstützer dieses Blogs!


Wir werden zensiert!

Unsere Inhalte werden inzwischen vollumfänglich zensiert. Die grössten Suchmaschinen wurden aufgefordert, unsere Artikel aus den Ergebnissen zu löschen. Bleib mit uns über Telegram in Verbindung, spende, um unsere Unabhängigkeit zu unterstützen oder abonniere unseren Newsletter.

Newsletter

Nein danke!