Die Wahlnacht in Amerika ist kaum vorbei und in den Redaktionsstuben der Bilderberger-Presse lag die Schlagzeile schon vor der ersten Hochrechnung vorgewärmt bereit: Die Wähler hätten Donald Trump eine historische Abrechnung verpasst. Historisch ist daran genau gar nichts. Die Partei des Präsidenten verliert bei Zwischenwahlen so zuverlässig Sitze, wie im November der Nebel kommt. Wer das als Sensation verkauft, betreibt keine Berichterstattung, sondern Liturgie.
Bis Mittwochmorgen hatte die Nachrichtenagentur AP die Mehrheit in beiden Kammern den Demokraten zugesprochen, im Senat bereits am späten Dienstagabend. Die endgültige Sitzverteilung stand wegen laufender Auszählungen noch aus.
Neunzig Jahre Denkzettel als Naturgesetz
Die Zahlen liegen offen in der Statistik des American Presidency Project der Universität Kalifornien. In 23 Zwischenwahlen von 1934 bis 2022 hat die Präsidentenpartei 20-mal Sitze im Repräsentantenhaus abgegeben, im Schnitt 27. Nur 1934, 1998 und 2002 blieb der Denkzettel aus. Barack Obama verlor 2010 satte 63 Sitze im Haus und sechs im Senat, 2014 nochmals 13 im Haus und neun im Senat samt Senatsmehrheit. Bill Clinton büsste 1994 54 Sitze und beide Kammern ein, George W. Bush 2006 30 Sitze und ebenfalls beide Kammern, Trump selbst 2018 41 Sitze und das Haus. Clinton und Obama wurden danach wiedergewählt. So viel zur historischen Abrechnung. Als Trump 2018 das Haus verlor, erkannte der Spiegel darin einen Sieg für die Demokratie in Amerika, für einen Pendelschlag, den die Statistik seit Roosevelt kennt. Selbst die Tagesschau räumte damals ein, die Klatsche sei ausgeblieben. Zum wichtigen Meilenstein kürte sie das Ganze trotzdem.
Drei Sitze genügen
Kippt das Haus dieses Mal, liegt das weniger am Volkszorn als an der Arithmetik. Die Republikaner gingen mit 218 zu 214 Sitzen in die Wahl, den Demokraten genügte ein Nettogewinn von drei Sitzen. Drei! Seit 1934 hat kein Präsident, dessen Partei überhaupt verlor, so wenig abgegeben, selbst John F. Kennedy kostete 1962 vier. Die letzten Prognosen sahen 20 bis 30 Sitze vor, mitten im Normalbereich. Im Senat stand es 53 zu 47, die Demokraten benötigten vier Sitze und der Ausgang war bis zuletzt offen. Vier Rennen galten als reine Münzwürfe: Alaska, Iowa, Kansas und Maine. Verlor dagegen Joe Biden 2022 neun Sitze und das Haus, erklärte die FDP-nahe Naumann-Stiftung die Demokraten trotzdem zum Sieger. Verliert der eigene Mann, ist es ein Triumph. Verliert der Falsche, ist es ein Volksgericht.
Mit am Tisch, nicht in der Sendung
Warum diese Doppelmoral so reibungslos läuft, verrät die Teilnehmerliste der Bilderberg-Konferenz vom April in Washington. Dort sassen Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, die Chefredakteure von Economist und Bloomberg und ein CNN-Analyst neben den Chefs von Pfizer und Palantir, dem Nato-Generalsekretär, dem deutschen Nato-General Markus Laubenthal und der Chefin des britischen Auslandsgeheimdienstes. Pikanter noch: Trumps Innenminister und sein Handelsbeauftragter tagten mit Stacey Abrams und Kongressabgeordneten beider Parteien. Rot gegen Blau ist fürs Fernsehvolk, die Hände hinter den Kulissen sind dieselben. Die Berliner Zeitung druckte immerhin die Liste, ARD und ZDF schwiegen laut den NachDenkSeiten trotz Auslandsstudios in Washington, obwohl dort über die Zukunft der Kriegsführung geredet wurde.
Abrechnung nach Drehbuch
Die Bilderberger-Presse benötigt keine Fakten, sie benötigt eine Dramaturgie und die stand fest, bevor die erste Urne öffnete. Dieselben Redaktionen, die in der Pandemie Regierungsprosa druckten, servieren die Wahlnacht nun als Gottesurteil. Neunzig Jahre derselbe Pendelschlag und jedes Mal ein Erdbeben. Der Wähler wechselt die Farbe, der Tisch bleibt derselbe. Wer das Gewöhnliche zur Sensation aufbläst, hält sein Publikum für so vergesslich wie das eigene Archiv. Und wer mit den Mächtigen tafelt, berichtet nicht über sie. Er serviert ihre Speisekarte!











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