Mai 2026. Die Welt dreht schneller, die Brüche werden tiefer, die Ungewissheit dichter – und irgendwo in diesem globalen Rauschen wartet eine alte, stille Stimme darauf, endlich gehört zu werden. Sie hat immer gewartet. Sie wird immer warten. Denn sie ist nicht ungeduldig. Sie ist unvergänglich. Es gibt Momente, in denen das Leben alle Masken fallen lässt und nur noch die nackte Frage übrig bleibt: Wer bist du, wenn der Lärm verstummt?
Das Universum bewertet sich selbst
Sonne und Merkur stehen im Stier – und das ist keine Astrologie für Sonntagsbeilagen. Das ist eine kosmische Anforderung: Endlich aufzuhören, nach dem falschen Gold zu greifen und das Wesentliche vom Beliebigen zu trennen. Der Stier fragt nicht, was du besitzt oder wie schnell du dich durch die Zeit bewegst. Er fragt, was wirklich trägt. Was hat Substanz, wenn der Boden unter dir nachgibt?
Gleichzeitig wandert Pluto noch monatelang rückläufig durch den Himmel – ein planetares Innehalten, das kein Zufall ist. Pluto, Herr der Unterwelt, Richter über das, was stirbt und was wiedergeboren wird, zieht die Energie unerbittlich nach innen. Er gräbt. Er fordert. Er lässt nicht locker, bis du dir selbst in die Augen geschaut hast und bereit bist, die Fragen zu stellen, vor denen die meisten Menschen ihr ganzes Leben fliehen: Wer bin ich? Wozu bin ich hier? Was ist meine Bestimmung?
Das sind keine angenehmen Fragen. Sie erschüttern alles, was man zu sein glaubt. Und genau deswegen sind sie die einzigen, die wirklich zählen.
Die Stille als Akt des Widerstands
Innehalten ist kein Zeichen von Schwäche – es ist eine Disziplin, die wenige beherrschen und fast alle fürchten. Denn echte Stille bedeutet Konfrontation. Mit sich selbst, mit dem eigenen Gedankenlärm, mit der Erkenntnis, dass der Verstand, der unaufhörlich plappert, plant und urteilt, nicht du ist. Er ist nur das lauteste Geräusch in einem Raum, der viel tiefer reicht als er.
Schamanen, Mystiker, Eremiten in Bergklöstern – in vielen alten Traditionen wussten sie das. Sie zogen sich zurück, nicht weil die Welt nicht existierte, sondern weil sie verstanden hatten: Der Zugang zur wahren Natur des Menschen erfordert Stille. Die Nornen weben das Schicksal nicht im Lärm der Marktplätze. Sie wirken im Schweigen des Weltenwurzelwerks, dort wo die Zeit selbst atmet und jeder Faden bedeutsam ist.
Im eigenen Zimmer stillzustehen, wenn alles um einen herum rennt und schreit und verlangt – das ist Mut. Kein romantisches Ideal, sondern ein Akt des Widerstands gegen eine Welt, die von deiner Aufmerksamkeit lebt und dich dafür braucht, dass du sie bereitwillig vergeutest. Wer in der Stille verweilt und den Frieden nicht sucht, sondern sich an ihn erinnert – der beginnt, zum Regisseur seines eigenen Lebens zu werden. Das innere Feld weitet sich, die Ausrichtung auf die eigene Natur wird zur Kraft.
Das Wesen der Bestimmung
Bestimmung ist kein Plan. Bestimmung ist kein Berufsweg, kein Lebensmodell, das man an einem Seminarwochenende entdeckt, und kein kosmisches Skript, das draussen auf einen wartet. Bestimmung ist der Zustand, in dem man so tief in sich selbst verwurzelt ist, dass das äussere Chaos aufhört, über einen zu entscheiden. Sie ist keine Destination. Sie ist die Art, wie man geht.
Sie entfaltet sich in Momenten, nicht in Konzepten. Im Atemzug, der bewusst genommen wird. Im Sonnenuntergang, der unerwartet die Kehle zuschnürt. In der Stille nach dem Sturm, wenn man bemerkt, dass man noch immer da ist. In der Begegnung mit einem Lebewesen, das keine Sprache braucht, um mitzuteilen, dass man Teil von etwas ist, das grösser ist als man selbst. Wer beginnt, diese kleinen Wunder zu sehen, hat begonnen, seine Bestimmung nicht zu finden – sondern zu leben.
Wer bin ich? Wozu bin ich hier? Diese Fragen sind keine philosophischen Übungen für ruhige Abende. Sie sind existenzielle Urgründe, die auf Antwort bestehen – und die nur dann zu sprechen beginnen, wenn man aufgehört hat, vor ihnen wegzulaufen. Plutos Rückläufigkeit öffnet diesen Kanal jetzt mit voller Tiefe. Das ist ein seltenes Angebot des Kosmos. Man kann es ignorieren. Die meisten werden es ignorieren.
Die Reise, die keine Garantien kennt
Schritt für Schritt. Moment für Moment. Das klingt banal – und ist doch die einzige ehrliche Beschreibung dessen, wie Bestimmung sich entfaltet. Nicht als Erleuchtung, die einen überwältigt, sondern als stille Gewissheit, die sich mit jedem bewussten Schritt verdichtet. Die Zukunft bleibt unbekannt. Das Universum schuldet einem keine Garantien. Es gibt keinen Punkt, an dem die Unsicherheit aufhört.
Was bleibt, ist das Vertrauen. Nicht das naive Vertrauen des Unberührten, sondern das hart erarbeitete Vertrauen dessen, der schon durch das Dunkel gegangen ist und weiss: Ich bin noch hier. Schönheit wartet in den kleinsten Dingen – im Licht, das schräg durch Blattwerk fällt, in der Dankbarkeit, die unvermittelt aufsteigt, in der Verbindung zu jedem Lebewesen, dem man begegnet. Die Natur atmet mit einem. Man muss nur aufhören, ihr dabei im Weg zu stehen.
Wir alle befinden uns auf mehr oder weniger derselben Reise. Die Emotionen sind individuell, die Herausforderungen sind individuell – aber das Menschsein selbst, dieser seltsame, zerbrechliche und zugleich unerschütterlich beharrliche Zustand des Bewusstseins in einem sterblichen Körper, verbindet uns tiefer, als wir meistens bereit sind zuzugeben. Wer seine Bestimmung sucht, muss nicht wissen, wohin der Weg führt – er muss nur bereit sein weiterzugehen, auch wenn die Angst mitläuft und sich dabei einredet, die Stimme der Vernunft zu sein.
Die meisten werden nie stillhalten. Sie werden rennen bis ans Ende – und sich dabei einreden, sie seien auf dem Weg zu sich selbst!
Hinter verschlossenen Türen, in Los Angeles, Brüssel und Paris, trifft sich das grösste Militärbündnis der Erde mit Regisseuren, Drehbuchautoren und Produzenten. Offiziell zur «Orientierung über die Sicherheitslage in Europa». Inoffiziell: Damit der nächste Blockbuster die richtigen Botschaften trägt – ohne dass irgendwer weiss, wer da eigentlich im Raum sass.
Hollywood ruft, die NATO kommt
Treffen des Militärbündnisses mit Regisseuren, Autoren und Produzenten haben in Los Angeles, Brüssel und Paris bereits stattgefunden. Ein weiteres Gespräch mit Mitgliedern der britischen Autorenvereinigung WGGB ist für Juni 2026 in London geplant, betreut vom Thinktank Chatham House. Das erklärte Thema: Die «sich entwickelnde Sicherheitslage in Europa und darüber hinaus». Die Übersetzung ins Aufrichtige: Wie bringt man das Publikum dazu, mehr Rüstungsausgaben gut zu finden, Russland als existenzielle Bedrohung zu empfinden und das Bündnis als letzten Schutzwall westlicher Zivilisation zu bewundern?
Das feine Handwerk der Anonymität
Die Treffen erfolgten unter dem Schutz der Chatham House Rule – einer Vereinbarung, die zwar die Verbreitung von Inhalten erlaubt, die Identität der Teilnehmer aber im Dunkeln lässt. Ein elegantes Instrument, wenn man etwas zu verbergen hat. Wer dort sass, welche Funktionäre welche Wünsche formulierten – Fehlanzeige. Bekannt ist immerhin: James Appathurai, stellvertretender NATO-Direktor für Cyber- und Innovationstechnologie, soll an den Treffen teilnehmen. Ein Mann, dessen Berufsbezeichnung allein schon ein Drehbuch verdient.
Und die Früchte dieser «Dialoge»? In einem Brief der WGGB-Organisatoren, der dem Guardian vorlag, heisst es, durch die bisherigen Treffen seien «drei separate Projekte» in Entwicklung, zumindest teilweise durch diese Gespräche inspiriert. Man darf gespannt sein, welche dieser Produktionen demnächst als unabhängiges Kunstwerk in die Kinos kommt – und ob im Abspann irgendwo ein Dank an das Hauptquartier in Brüssel auftaucht.
Panikmache als Produktionswert
Der irische Drehbuchautor Alan O’Gorman, Preisträger der Irish Film & Television Awards 2026, hat wenig Geduld für diplomatische Umschreibungen. Er bezeichnet die Treffen als «empörend» und «eindeutig Propaganda». Er verweist dabei ausdrücklich auf Menschen mit Freunden und Familie in Ländern ausserhalb der NATO, «die unter Kriegen gelitten haben, an denen die NATO beteiligt war». Ausserdem sieht er in Irland einen koordinierten Versuch von Medien und Politik, die NATO in einem positiven Licht darzustellen. «Ich glaube, derzeit wird in ganz Europa Panikmache betrieben, dass unsere Verteidigung schwach sei», so O’Gorman.
Andere Drehbuchautoren seien «sehr empört, dass Kunst auf eine Weise genutzt werden soll, die einen Krieg unterstützt», und glaubten, sie würden aufgefordert, «zur NATO-Propaganda beizutragen». Empörung – immerhin. Ein Anfang. Ob sie anhält, wenn die erste grosszügig dotierte Serienproduktion auf dem Tisch liegt, steht auf einem anderen Blatt.
Kognitive Kriegsführung, ganz offiziell
Was hier im Kleinen mit Drehbuchautoren stattfindet, ist Teil eines grösseren Programms, das die NATO selbst nie verleugnet hat. Seit 2020 treibt das Bündnis die sogenannte «Kognitive Kriegsführung» voran, intern als die «fortschrittlichste Form der Manipulation» beschrieben. Das erklärte Ziel: Den menschlichen Verstand als sechsten Kriegsschauplatz zu etablieren, gleichberechtigt neben Wasser, Luft, Boden, Cyberspace und Weltraum. Seit 2020 wird daran gearbeitet, die «Human» oder «Cognitive Domain» als eigenständiges Einsatzgebiet zu verankern. Ein 2021 ausgeschriebener NATO-Innovationswettbewerb zur Entwicklung entsprechender Strategien wurde vom US-Unternehmen Veriphix gewonnen. Kein Geheimnis. Kein Skandal. Einfach Programm.
Im Dezember wurde ein Dokument des Militärbündnisses unter dem Titel «Mentale Kriegsführung» veröffentlicht, das vor der Propaganda externer Akteure wie Russland warnte und Schutzmassnahmen analysierte. Durch die Treffen mit Filmschaffenden rückt dieses Papier nun in neuem Licht in den Fokus: Die Frage, inwiefern die NATO selbst gewillt ist, «mentale Kriegsführung» zu betreiben, stellt sich drängender denn je.
Hollywood war nie unschuldig
Das Pentagon kooperiert seit Jahrzehnten mit der US-Filmindustrie. Wer Militärgerät, Schauspieler in Uniform oder Drehgenehmigungen auf Militärbasen wollte, musste Drehbücher zur Prüfung einreichen und gegebenenfalls anpassen. «Top Gun» war kein Werbespot – doch er funktionierte wie einer. Was neu ist: Die NATO übernimmt dieses Modell, institutionalisiert und internationalisiert es. Nicht mehr bloss Hollywood. Auch London, Brüssel, Paris – und bald überall, wo jemand eine Geschichte erzählen will.
Der Centre for European Reform veröffentlichte Anfang 2026 einen Bericht, der Regierungen ausdrücklich aufforderte, stärker mit Kulturschaffenden zusammenzuarbeiten, um die Bevölkerung von höheren Rüstungsausgaben zu überzeugen und zu erklären, warum diese Investitionen «notwendig» seien. Kulturpolitik und Militärpolitik wachsen zusammen. Was als offener Dialog verkauft wird, ist eine koordinierte Kampagne.
Das Ticket ins Kino ist immer dabei
Im Schreiben an die WGGB betonten die Organisatoren, die NATO sei «auf der Überzeugung aufgebaut, dass Zusammenarbeit, Kompromiss und die Stärkung von Freundschaft und Bündnissen der Weg nach vorne sind». Sogar wenn nur eine «einfache Botschaft» über Zusammenarbeit in einen künftigen Film oder eine Fernsehserie gelange, «wird das genug sein».
Ehrlicher kann man es nicht formulieren. Kein Panzer im Bild, kein Marsch im Ton – nur das Wort «Kooperation», das einen guten Klang bekommt. Dass Bündnisse positiv besetzt sind. Dass der Zuschauer, ohne es zu merken, ein wenig bereitwilliger ist, das nächste Rüstungspaket für selbstverständlich zu halten.
Die BSW-Aussenpolitikerin Sevim Dagdelen, seit Jahrzehnten mit NATO-Strategien vertraut, bringt es auf den Punkt: Die NATO greife auf Methoden zurück, die sie bei anderen stets als Beleg für autoritäre Politik angeprangert habe. Wer sich als Medienschaffender auf eine Kooperation einlasse, leiste dem eigenen Berufsethos und der Pressefreiheit einen Bärendienst – und dem Publikum erst recht. Wenn ein Militärbündnis offiziell erklärt, es brauche nur eine einzige «einfache Botschaft» in einem Spielfilm, dann ist der Unterschied zwischen Information und Propaganda längst verschwunden.
Der Unterschied zwischen NATO-Propaganda und russischer Propaganda besteht offenbar nur noch darin, wer das Popcorn bezahlt – und nennt dies «unsere Freiheit»!
Dreissig Stunden hat Dr. Markus Zschaber, einer der bedeutendsten Vermögensverwalter Deutschlands, damit verbracht, die wirtschaftlichen Kennzahlen seines Landes zu durchleuchten – und herausgekommen ist ein Kompendium der Katastrophe, das man eigentlich auf dem Spiegel des Bundeswirtschaftsministeriums kleben sollte.
Aber vielleicht wäre das verschwendete Mühe. Denn Deutschland schaut ohnehin nicht mehr in den Spiegel. Den hat man längst abgehängt, mit einem atmungsaktiven Softshell-Jäckchen verdeckt und sich dann auf die Kurpromenade begeben, wo man jetzt entschlossenen Schrittes marschiert – als hätte man eine Expedition geplant, deren Ziel jedoch niemand kennt.
Der Deutsche in freier Wildbahn
Man begegnet ihm überall. In Florenz, auf Formentera, in Meran und im Zillertal. Er ist unverkennbar. Nicht wegen seines Auftretens – denn das setzt ein Mindestmass an gestalterischem Willen voraus – sondern wegen der vollständigen Abwesenheit jedes ästhetischen Anspruchs. Softshell, Windichtigkeit Klasse 3, DWR-Beschichtung, Multitaschen-Hosen mit dem Fassungsvermögen eines mittelständischen Werkzeughandels und Schuhe, die problemlos auf dem Mars Halt fänden. Dazu ein Deuter-Rucksack als Beweis, dass man die Lage ernst nimmt.
Der Freizeit-Deutsche ist permanent ausrüstend. Für alles. Jederzeit bereit, von der Eisdiele direkt in ein Krisengebiet verlegt zu werden – Wasser, Riegel, Kompressionsstrümpfe, Notfallpflästerchen und ein Restbestand an Selbstachtung, der irgendwo zwischen Hüftgurt und Reissverschluss verloren gegangen ist. Man gewinnt den Eindruck, zwischen Cappuccino und Laubengang könne jederzeit ein spontaner Gebirgsmarsch ausbrechen, für den man sich eben entsprechend gewappnet hat.
Italiener, Spanier, Franzosen, leicht gekleidet, manchmal riskant leicht. Hemden, die nichts beweisen wollen. Schuhe, die nicht für den Ernstfall gebaut sind. Farben, die sich nicht entschuldigen müssen. Der Deutsche daneben wirkt, als habe er den persönlichen Auftrag erhalten, die Zivilisation unter Feldbedingungen zu verteidigen.
Kleidung als politisches Bekenntnis
Kleidung ist nie nur Oberfläche. Sie ist ein Bekenntnis. Ein Ausdruck innerer Ordnung – oder ihrer Abwesenheit. Und was der Deutsche trägt, ist kein Stilfehler. Es ist ein Symptom.
Die Diagnose lautet: Corona-Effekt im Dauerbetrieb. Jene Epoche der Videokonferenz, in der das Hemd oben Haltung simulierte, während die Hose unten bereits kapituliert hatte – wenn sie überhaupt noch da war. Ein Prinzip, das sich nicht nur technisch, sondern auch mental verfestigte. Oben hui, unten egal. Halb sichtbar, halb präsent, halb engagiert. Der Deutsche hat sich daran gewöhnt, nur noch halb gesehen zu werden. Und hat daraufhin beschlossen, auch nur noch halb zu gestalten. In der Freizeit. In der Politik. In der Wirtschaft.
Das Kompendium der Katastrophe
Hier schliesst sich der Kreis zu Zschaber. Dreissig Stunden Zahlen, dreissig Stunden Realität, die sich niemand in Berlin ansehen will. Was er dokumentiert, ist dasselbe Prinzip in anderer Schrift: Ein Land, das seinen politischen Kompass verloren hat und offenbar auch den Spiegel. Das sich seit Jahren in einem funktionalen Ausnahmezustand befindet – ausrüstend für alle Fälle, aber auf keinen Fall mehr konkurrenzfähig. Deindustrialisierung läuft als stiller Hintergrundprozess, die Energiepolitik hat Milliarden vernichtet, die Infrastruktur bröckelt, die Bürokratie wuchert und das Kapital wandert ab wie Touristen nach dem ersten Regen.
Deutschland, einst Exportmotor Europas, steht vor einer strukturellen Erosion, die keine Koalitionsrunde mit gut gemeinten Absichtserklärungen aufhalten wird. Zschaber hat die Zahlen zusammengestellt. Die Silhouette, die sich daraus ergibt, ähnelt frappant dem Bild auf der Kurpromenade: Nicht kaschiert, sondern kapituliert. Verwaltung statt Gestaltung. Stoff gewordene Aufgabe. Das ist keine Verdüsterung um des Dunkeln willen. Das ist Präzision.
Gleichgültigkeit als Systemzustand
Was irritiert, ist nicht die Hässlichkeit. Was irritiert, ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Möglichkeit, besser zu sein. Schönheit ist kein Zustand – sie ist eine Entscheidung. Wirtschaftsstärke auch. Politische Handlungsfähigkeit auch. Man kann sich für all das entscheiden. Man kann es aber auch bleiben lassen, sich eine Multitaschen-Hose anziehen und so tun, als sei die Ästhetik des «Für alle Fälle» ein Programm und kein Symptom. Der Deutsche hat sich – aus Gründen, die noch zu klären wären – in der Freizeit und weit darüber hinaus dagegen entschieden. Gegen den Anspruch. Gegen den Spiegel. Gegen die Zumutung, sich zu zeigen.
Deutschland steht nicht vor dem Abgrund. Deutschland marschiert in Softshell und vollem Gepäck bereits die Böschung hinunter – und hält das für Vorbereitung.
«Lasst die Wahrheit gesagt werden, lasst die Presse frei sein.» Mit diesen Worten beglückwünschte sich die EU-Kommission am 3. Mai 2025 zum Internationalen Tag der Pressefreiheit. Plakate mit der Aufschrift «Freie Presse. Schützt, was uns wichtig ist» hingen in Berlin. Journalisten würden die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen, Ungerechtigkeiten aufdecken und die Bürger informieren – «oft unter grossem persönlichem Risiko», teilte Brüssel grosszügig mit. Siebzehn Tage später beschloss dieselbe EU ihr 17. Sanktionspaket – und setzte erstmals in der Geschichte der Union deutsche Journalisten auf eine Sanktionsliste.
Das 17. Paket
EU-Beschluss 2025/966, verabschiedet am 20. Mai 2025: Reiseverbote in die EU, Einfrieren aller Vermögenswerte, vollständiges Verbot jeglicher finanzieller Unterstützung. Betroffene sind die Bloggerin Alina Lipp mit ihrem Kanal «Neues aus Russland», der Autor und Journalist Thomas Röper von «Anti-Spiegel» sowie Hüseyin Doğru, Gründer der Berliner Videoplattform Red Media. Alle drei sollen laut Beschluss «prorussische Narrative im deutschsprachigen Raum» verbreitet und zu «destabilisierenden Aktivitäten» beigetragen haben. Kein Gerichtsurteil. Keine Anklage. Keine Vorladung. Kein ordentliches Verfahren. Einfach sanktioniert.
Bemerkenswert ist, was als Beweismaterial herhalten musste. Im Fall Doğru: Drei Medienartikel – vom Tagesspiegel, der taz und der Jerusalem Post, wobei die beiden letzten vom selben Journalisten verfasst wurden. Kein einziger Artikel enthält mehr als Kontaktschuld und Mutmassungen. Was genau «enge finanzielle und organisatorische Verbindungen» zu russischen Strukturen konkret bedeuten soll, liess der Beschluss bewusst offen. Das Wort «Desinformation» taucht in den eigentlichen Artikeln des Beschlusses übrigens gar nicht auf – nur in der Präambel, wo es sich schön liest. Eine gesetzliche Definition von «koordinierter Informationsmanipulation» existiert nicht. Es reicht offenbar, wenn Brüssel die Nase rümpft.
Kafkaville, Berlin
Der Fall Doğru zeigt den Unterschied zwischen EU-Rhetorik und EU-Realität mit einer Schärfe, die keine Analyse mehr benötigt. Der Mann lebt in Berlin, auf deutschem Boden, als deutscher Staatsbürger. Er erfuhr von seiner Sanktionierung nicht durch eine amtliche Mitteilung, nicht durch einen Brief, nicht durch eine Vorladung. Er erfuhr es, als er an der Kasse stand und seine Bankkarte nicht mehr funktionierte.
Was dann folgte, hat selbst hartgesottene Beobachter fassungslos zurückgelassen: Die Bank seiner hochschwangeren Frau – sie befand sich im siebten Monat einer Risikoschwangerschaft – kündigte ihr Konto proaktiv, ohne jede Aufforderung. Ab dem 1. Juli stellte die Krankenkasse zwischenzeitlich sämtliche Leistungen für die Familie ein. Inzwischen wurden Doğru monatliche Abhebungen von 560 Euro gestattet. Für eine Familie in Berlin. Das nennt Brüssel «restriktive Massnahmen» – ein Begriff, der in der Verwaltungssprache so neutral klingt, als würde man jemandem eine Briefmarke verweigern.
Die Sanktionen umfassen auch ein vollständiges Verbot jeglicher wirtschaftlicher Ressourcen – wer einem Sanktionierten auch nur einen Kaffee spendiert, macht sich strafbar. Florian Warweg von den NachDenkSeiten fragte in der Bundespressekonferenz, wie jemand die Kosten für seine Verteidigung aufbringen soll, dem alle Konten gesperrt wurden und dem Spenden verboten sind. Eine Antwort darauf gab es nicht. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes verwies kühl auf den Rechtsweg. Der Witz ist kafkaesk – und leider keiner.
80 Millionen für die Richtigen
Gleichzeitig stellt die EU jährlich fast 80 Millionen Euro für Medienprojekte bereit. Besonders gefördert werden öffentlich-rechtliche Strukturen wie die Deutsche Presse-Agentur, die Deutsche Welle und die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Wer diese Mittel erhält, verbreitet keine «Destabilisierung». Wer sie nicht erhält und trotzdem berichtet, riskiert die Sanktionsliste. Die Verteilung der «Wahrheit» folgt in Europa einem klaren Finanzierungsmodell – und jeder, der Mathematik beherrscht, kennt das Ergebnis.
Zeitgleich preist sich die EU für den European Media Freedom Act, der im Mai 2024 in Kraft trat. Die neuen Vorschriften verbieten es den Behörden ausdrücklich, Druck auf Journalisten auszuüben – weder durch Inhaftierung noch durch Sanktionen. Genau zwölf Monate nach Inkrafttreten dieses Gesetzes sanktionierte dieselbe EU drei Journalisten ohne Gerichtsverfahren, ohne Anklage und ohne eine Rechtsgrundlage, die einer ernsthaften juristischen Prüfung standhält. Ein im Auftrag des EU-Abgeordneten Michael von der Schulenburg erstelltes Rechtsgutachten der Professorinnen Ninon Colneric und Alina Miron kam zu einem klaren Befund: Es fehlen die rechtlichen Grundlagen für diese Sanktionen. Die Juristenzunft schweigt weitgehend. Die Medien auch.
Kein Aufschrei, kein Widerstand
Alina Lipp bezeichnete die Sanktionen in einem Videostatement als «Testfall»: Die EU prüfe genau, ob ein Aufschrei und Protest entstehen – oder nicht. Wenn die EU mit dieser Aktion durchkommt, werde sie gegen weitere Pressevertreter vorgehen, insbesondere in den sogenannten Alternativmedien. Die Antwort fiel erwartungsgemäss beschämend aus. In der Bundespressekonferenz fragten Kollegen aus Mainstream-Medien nicht etwa nach, ob diese Sanktionen rechtsstaatlichen Grundsätzen entsprechen. Andere anwesende Journalisten fungierten teils als «Stichwortgeber» und fragten, ob die Türkei ebenfalls ermuntert werden solle, gegen Doğru vorzugehen.
Dieser Moment sagt alles darüber aus, was «unabhängiger Journalismus» in Deutschland im Jahr 2025 bedeutet. Kollegen machen sich zur Stützhand des Apparats, der andere Kollegen ruiniert. Journalistenverbände schweigen. Reporter ohne Grenzen rührt sich nicht. Die Medienlandschaft teilt sich nicht mehr in Qualität und Boulevard – sie teilt sich in systemkonforme Lautsprecher mit öffentlicher Förderung und kritische Stimmen mit gesperrten Konten, gesperrten Arztpraxisbesuchen für Risikoschwangere und 560 Euro Monatsbudget als gnädige Almosen einer Institution, die gleichzeitig Plakate über Pressefreiheit in Berlin aufhängt. Die EU feiert Pressefreiheit als Wert – und betreibt systematisch ihre Vernichtung als Praxis.
Brüssel weiss genau, was es tut – und nennt dies «unsere Demokratie»!
Jahrzehnte lang war es die Mutter aller Drohkulissen: Bis zu sechs Grad Erderwärmung bis 2100, Zivilisationskollaps inklusive, die Erde als Schlachtfeld menschlicher Gier. Politiker zitierten es, Richter stützten Urteile darauf, Redaktionen hängten ihre Titelseiten daran auf. Das Szenario hiess RCP8.5 – und es war, wie jetzt offiziell bestätigt wurde, schlicht nicht wahr. Das Komitee, das die Szenarien für den nächsten IPCC-Sachstandsbericht (AR7) festlegt, hat soeben seinen neuen Rahmen veröffentlicht. RCP8.5, SSP5-8.5 und SSP3-7.0 verschwinden darin sang- und klanglos. Die Begründung ist so nüchtern wie vernichtend: Die Szenarien seien «implausibel» – sie beschreiben Zukunftsbilder, die nicht eintreten können.
Kohle im Überfluss – in einer Welt ohne genug Kohle
Das Extremszenario RCP8.5 setzte voraus, dass die Menschheit bis 2100 ihren Kohleverbrauch verfünffacht. Nicht verdoppelt. Verfünffacht. Als «Business as usual»-Szenario verkauft, als wahrscheinlichste Zukunft in Zehntausenden von Studien behandelt – und dabei auf Annahmen gebaut, die selbst nach konservativen Schätzungen die förderbaren Kohlereserven der Erde um ein Vielfaches überschreiten. SSP3-7.0, das nun ebenfalls gestrichen wird, ging von einer Weltbevölkerung von fast 13 Milliarden und einer Fünffach-Expansion des globalen Kohleverbrauchs aus – Zahlen, die kein seriöser Demograf und kein Energieökonom heute noch vertritt. Schon 2020 bezeichnete das Fachblatt Nature das Szenario öffentlich als «irreführend» und forderte, es nicht länger als wahrscheinlichstes Ergebnis zu kommunizieren. Die Konsequenz: Keine. Dass diese Grundannahmen jahrelang ungehindert durch die Maschinerie aus Forschung, Medien und Politik rauschten, ist kein Versehen. Es ist Methode.
Was bleibt: Der neue obere Rand der IPCC-Szenarien liegt bei rund 3,5 Grad – fast zwei Grad unterhalb dessen, womit die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren systematisch erschreckt wurde. Gleichzeitig verabschiedet sich der IPCC still auch vom optimistischen Ende der Skala: Das 1,5-Grad-Ziel verschwindet als realistische Zielmarke. Die Politik, die jahrelang auf diesen beiden Extremen ihre gesamte Kommunikation aufbaute, steht nun zwischen zwei gestrichenen Wahrheiten.
Zehntausende Studien auf tönernen Füssen
Der eigentliche Skandal liegt nicht in der Korrektur selbst – Modelle werden überarbeitet, das ist wissenschaftlicher Alltag. Der Skandal liegt in dem, was diese Korrektur über die vergangenen zwei IPCC-Zyklen aussagt. Zehntausende Forschungsartikel wurden auf Basis dieser Szenarien verfasst, eine ähnliche Anzahl Medienschlagzeilen davon befeuert und Regierungen sowie internationale Organisationen haben Gesetze und Regulierungen darauf aufgebaut – ein Fundament aus Sand, wie sich nun herausstellt. Jegliches Verbot, jedwede Sonderabgabe, jedes Titelblatt, welches mit brennenden Kontinenten oder sinkenden Küstenstädten warb, basierte auf einem Szenario, das nunmehr offiziell als nicht eintretend eingestuft wird.
Klimaklagen, die vor Gerichten auf der ganzen Welt landeten – von Den Haag bis Lausanne –, stützten sich auf Prognosen, die RCP8.5 als wahrscheinlichen Referenzrahmen behandelten. Behördliche Risikoabschätzungen in der Schweiz, in Deutschland und Österreich taten dasselbe. Infrastrukturplanungen, Versicherungsmodelle, Schulcurricula. Der gesamte Apparat der institutionalisierten Klimaangst speiste sich jahrelang aus einem Szenario, das, wie nun zugegeben wird, nie als wahrscheinlicher Ausblick hätte präsentiert werden dürfen.
Die Stille nach dem Knall
Wo bleibt die Meldung? In den gleichen Redaktionen, die das Sechs-Grad-Horrorszenario Jahr für Jahr pflichtbewusst durch die Mangel drehten, ist das Schweigen nach dieser Korrektur ohrenbetäubend. Die reflexartige Empörung, die bei jeder neuen Katastrophenprojektion automatisch einsetzte, fehlt vollständig, wenn die Projektion selbst beerdigt wird. Wer fragt die Parteien, Umweltorganisationen und Ministerien, die ihre gesamte Kommunikation auf dieses Szenario stützten, nach ihrer Quellengrundlage? Wer entschuldigt sich bei all jenen, denen Energiepreisexplosionen, Verbrennerverbote und grüne Sonderabgaben mit dem sechsgradigen Klimainferno begründet wurden?
Detlef van Vuuren, einer der massgebenden Forscher hinter den neuen CMIP7-Szenarien, betont, dass auch 3,5 Grad gravierende Folgen hätten. Das stimmt. Doch dieser Hinweis ändert nichts daran, dass das Extrembild, auf das sich jahrelang Klageschriften, Katastrophengrafiken und politische Weichenstellungen stützten, offiziell aus dem Verkehr gezogen wurde. Die Frage, warum all das so lange gebraucht hat, wird in den Hauptnachrichten nicht gestellt.
Die Antwort kennt jeder, der schon einmal ernsthaft nachgefragt hat: Weil das System nicht gebaut wurde, um Wahrheit zu finden, sondern um Druck zu erzeugen. Weil RCP8.5 nicht als wissenschaftliches Werkzeug funktionierte, sondern als politischer Rammbock. Weil milliardenschwere Regulierungsarchitektur und die Delegitimierung jeder abweichenden Stimme auf dieser Zahlenkonstruktion aufgebaut wurden. Und weil ein Rammbock, der seinen Dienst getan hat, leise entsorgt wird – ohne Pressemitteilung, ohne Entschuldigung und ohne jede Konsequenz für jene, die ihn jahrelang schwangen.
Der grösste wissenschaftliche Glaubwürdigkeitsschaden des 21. Jahrhunderts wurde nicht von Klimaleugnern angerichtet, sondern von einem Apparat, der seine eigenen Modelle als unumstössliche Tatsachen verkaufte und Kritiker als gefährliche Ketzer behandelte – bis er die Modelle selbst still begrub.
Nachdem das Fundament aus Sand bestand und das Gebäude infolgedessen einstürzte, akquirieren die Architekten bereits Fördermittel für das nächste, auf Täuschung basierende Projekt, von dem sie sich einen Milliardengewinn versprechen.
Es gibt eine Kunstform, die die Schweizer Regierung in den vergangenen Jahren zur Perfektion gebracht hat: Die Lüge im Staatsauftrag. Nicht die plumpe, leicht durchschaubare Sorte. Die elegante Variante. Die Variante, die statistisch klingt, offiziell wirkt und so lange wiederholt wird, bis der Durchschnittsbürger anfängt, an sich selbst zu zweifeln. Aktuelle Fallstudie: Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider und die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz».
Die SP-Bundesrätin liess sich jüngst im Tages-Anzeiger zu einer Aussage hinreissen, die man bei einem Gymnasiast als «thematisch verfehlt» abgestempelt hätte: «Die ausländische Bevölkerung zahlt mehr in die AHV ein, als sie bezieht.» Zuwanderung sei entscheidend für die Finanzierung der Sozialversicherungen, liess sie das Publikum wissen. Eine Aussage, so halbwahr wie ein Lotterieschein, der behauptet, er zahle sich selbst. Denn technisch ist das korrekt – aber nur dann, wenn man die Zuwanderer mitten in ihrer Erwerbsphase einfriert und ihnen den Renteneintritt schlicht verbietet.
Was Baume-Schneider verschweigt
Das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern hat die Mühe auf sich genommen, das Gesamtbild über den Lebenszyklus zu berechnen – also inklusive der Rentenphase, die der Bundesrätin offensichtlich entgangen ist. Das Resultat: EU- und Efta-Bürger beziehen pro einbezahltem Franken Lohnbeiträge 1,76 Franken Rente zurück. Zuwanderer aus übrigen Staaten kommen auf über 2 Franken. Zum Vergleich: Schweizerinnen und Schweizer schaffen es auf 1,83 Franken. Kurz: Alle beziehen mehr als sie einzahlen, das ist das Wesen eines Umlageverfahrens. Aber die Behauptung, Zuwanderung saniere die AHV, ist schlicht und einfach unwahr.
Jeder Mensch, der heute erwerbstätig ins Land kommt, ist morgen Rentenbezüger. Und die Renten, die er oder sie beziehen wird, übersteigen in der Summe die eingezahlten Beiträge. Was bedeutet das? Jeder neue Zuwanderer erhöht die versteckte Verschuldung des Vorsorgesystems. Der Bundesrat preist ein Schneeballsystem an und nennt es Finanzplanung.
Die SVP hat dies bereits erkannt und wird von Baume-Schneider dafür abgestraft. Sie warf der SVP vor, das Argument mit dem Schneeballsystem sei falsch. Dieses Bild sei «falsch», sagte sie. Es ist erschreckend, wie selbstsicher eine Bundesrätin Fake News als Fakten verkauft, während sie gleichzeitig einen staatlichen Abstimmungskampf gegen eine demokratisch lancierte Initiative fährt. Der Bund – also der Steuerzahler – zahlt, damit ihm erklärt wird, er solle falsch abstimmen.
Rekordbudget für die rote Propaganda-Maschine
Doch damit nicht genug. Die SP, die Partei des erzwungenen Kollektivs und der freiwilligen Solidarität (mit fremdem Geld), zieht in diesem Abstimmungskampf alle Register. Laut Eidgenössischer Finanzkontrolle hat die SP ein Rekordbudget von 1,63 Millionen Franken für ihre Nein-Kampagne reserviert. Das sind 31’000 Franken mehr als noch gegen die SRG-Halbierungsinitiative im März. Jedes Mal, wenn jemand die SP ärgert, wächst ihr Budget. Ein interessantes Geschäftsmodell.
Gesamthaft mobilisiert die Nein-Seite bisher knapp 3,4 Millionen Franken – und es dürften noch mehr werden, sobald die Wirtschaftsverbände ihre Schecks ausstellen. Allein der Schweizerische Gewerkschaftsbund beteiligt sich mit über 800’000 Franken, unter anderem für eine flächendeckende Abstimmungszeitung. Operation Libero stellt 175’000 Franken bereit, die Mitte und der Mieterverband je 100’000 Franken. Linkes Grosskapital, sozusagen.
Woher kommt das Geld?
Die naheliegende Frage: Woher hat die SP dieses Rekordbudget? Co-Chef Cédric Wermuth grinste gegenüber dem Blick in die Kamera und erklärte, die «Bereitschaft, sich zu engagieren, sei sehr hoch». Bescheiden formuliert für eine Partei, die 1,63 Millionen in eine einzige Abstimmungskampagne pumpt.
Die Antwort ist mehrschichtig. Einerseits sind SP-Bundesräte verpflichtet, happige Mandatsabgaben an die Partei zu leisten: Elisabeth Baume-Schneider zahlte laut Eidgenössischer Finanzkontrolle zuletzt 39’000 Franken pro Jahr in die SP-Kasse. Das Steuergeld fliesst also indirekt über das Bundesratsgehalt zurück in die Propagandamaschine. Andererseits sind da die Gewerkschaften, die strukturell und personell mit der SP verschmelzen und deren Millionenbudgets für «Informationskampagnen» in Abstimmungskämpfen regelmässig der SP-Linie dienen.
Man zahlt also als Gewerkschaftsmitglied Beiträge, damit ein Verband, der behauptet, parteipolitisch unabhängig zu sein, im nächsten Abstimmungskampf für genau jene Positionen Propaganda macht, die zufällig der SP entsprechen. Die Unabhängigkeit der Gewerkschaften von der SP ist ungefähr so überzeugend wie die Neutralität der Schweiz im Ersten Weltkrieg.
Gleichzeitig sitzt die Partei, deren Bundesrätin öffentlich Falschinformationen über die AHV verbreitet, auf staatlich subventionierten Fraktionsbeiträgen aus dem Bundeshaushalt. Direkte Staatsfinanzierung gibt es in der Schweiz offiziell nicht, inoffiziell läuft sie seit Jahrzehnten über sechs indirekte Kanäle.
Die Muster sind keine Zufälle
Wer den Mechanismus versteht, erkennt: Der Bundesrat verbreitet bewusst verzerrte Zahlen, um eine demokratisch lancierte Initiative zu versenken, während eine gut mit Gewerkschafts- und Mandatsgeldern gefütterte Partei das mediale Trommelfeuer finanziert – und beide zusammen behaupten, sie kämpften für das Volk. Das Volk dagegen soll am 14. Juni mit falschen Fakten zum Nein überredet werden.
Das Schweizer Volk hat sich in den vergangenen Abstimmungen immer wieder von Millionen-Propaganda leiten lassen – nicht von sachlichen Argumenten. Wer 3,4 Millionen Franken in eine Kampagne pumpt, kauft keine Überzeugung, sondern Meinungen. Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun. Doch jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.
Es gibt Politiker, die Regeln setzen. Und es gibt Politiker, die Regeln für sich selbst schon bei der Planung abschmelzen – mit Zweidrittelmehrheit, wohlgefälliger Geschäftsleitung und einer Partei, die das Wort «Erneuerung» zur Dekoration degradiert hat.
Cédric Wermuth sitzt seit Dezember 2011 im Nationalrat. Vier Legislaturen, über 14 Jahre und – wer die offiziellen Entschädigungen grob zusammenrechnet – rund 2,0 bis 2,3 Millionen Franken an öffentlichen Kosten allein fürs Mandat. Dazu ein langjähriges, öffentlich mitfinanziertes Studium in Zürich und Bern von 2005 bis 2015. Addiert man beides, landet man je nach Rechnung im Bereich von 2,2 bis 2,6 Millionen Franken staatlicher Investition in einen einzigen Menschen – in einen Mann, der öffentlich erklärt, die oberen Zehntausend müssten endlich mehr beitragen.
Das ist noch nicht alles. Interessant wird es beim zweiten, nämlich dem steuerlichen Blick. Die volle öffentliche Belastung von grob 140’000 bis 150’000 Franken pro Jahr taucht im Steuerformular als Bruchteil auf: Grosse Spesenblöcke wie Jahresentschädigungen für Personal- und Sachausgaben, Mahlzeiten-, Übernachtungs- und Reiseentschädigungen sind steuerfrei. Steuerpflichtiges Mandatseinkommen: Eher 75’000 bis 90’000 Franken. Was die Bürger finanzieren und was beim Politiker als «Einkommen» erscheint, sind zwei sehr verschiedene Zahlen. Das ist legal. Das ist systemimmanent. Und genau das ist das Problem – nicht als individuelle Anschuldigung, sondern als politische Grundfrage: Wer laut auf die Steuerprivilegien anderer zeigt, sollte nicht still von einem System profitieren, das seine eigenen Einkünfte systematisch kleinrechnet.
Die Regel mit dem Ablaufdatum
Die SP Aargau hat eine Amtszeitbeschränkung. Zwölf Jahre, dann ist Schluss – ausser die Delegierten entscheiden mit Zweidrittelmehrheit anders. 2022 entschieden sie anders, damals sogar einstimmig. Am 25. April 2026 wiederholten sie das Manöver am ordentlichen Parteitag in Zofingen: 87 von 95 anwesenden Stimmen, deutlich über der nötigen Zweidrittelmehrheit. Wermuth darf also 2027 zum fünften Mal antreten.
Zur Einordnung: Wermuth hatte noch kurz zuvor öffentlich erklärt, «niemand sollte für immer Mitglied des Nationalrats sein.» Unmittelbar darauf erklärte er, sein Amt als Co-Präsident und sein Nationalratsmandat seien aneinandergekoppelt – er wolle Mattea Meyer nicht alleine lassen. Das klingt nach Aufopferung. Es riecht nach Besitzstandswahrung.
Die Geschäftsleitung der SP Aargau verpackte das Ganze als «politisch besonders wertvoll» – die Kombination aus Nationalrat und Co-Präsident sei eben unersetzlich. Lucia Engeli, Co-Präsidentin der SP Aargau, formulierte es so: «Für uns macht es einen grossen Unterschied, ob wir die Liste mit dem Co-Präsidenten der SP Schweiz machen oder nicht.» Eine Amtszeitbeschränkung, die zweimal hintereinander für denselben Mann ausgehebelt wird, ist keine Begrenzung mehr. Sie ist Satzungspoesie. Dekoration. Ein Prinzip, das offenbar nur gilt, solange es die Falschen trifft.
Gleichstellung nach Mass
Die SP predigt seit Jahren Erneuerung, Frauenförderung und Machtbegrenzung. Schon 2019 war Wermuths Ständeratskandidatur parteiintern mit der Frauenfrage belastet, weil Yvonne Feri das Nachsehen hatte. Man kann das demokratisch nennen. Man kann aber auch nüchtern feststellen: Eine Partei, die Gleichstellung als Kern-DNA führt und dennoch regelmässig erklären muss, warum am Ende doch wieder derselbe Mann vorne steht, hat entweder ein Glaubwürdigkeitsproblem oder ein Personalproblem. Möglicherweise beides. Die interne Logik ist simpel: Solange er das Zugpferd ist, wird der Grundsatz zur Fussnote.
Uniform als Bühnenbild
Das Bild aus einer TV-Sendung, in der Wermuth im Tarnanzug auftritt, fügt sich nahtlos ins Muster. Er hat, soweit bekannt, keinen Militärdienst geleistet und wurde als dienstuntauglich geführt. Der medizinische Grund gehört ins Private und nicht in die politische Rechnung. Bewertbar ist aber die Inszenierung. Uniform als Requisite, Symbolik als Kostüm – das ist derselbe Mechanismus im Kleinen: Dort, wo andere leisten, stellt er dar. Dort, wo Regeln gelten, erhält er Ausnahmen.
Sabbatical in Asien, Kohlendioxid inklusive
Anfang 2024 nahm Wermuth sich eine Auszeit von zwei Monaten und reiste mit seiner Familie durch Vietnam und die Philippinen. Seine parlamentarischen Pflichten lagen in dieser Zeit auf Eis, in den Kommissionen liess er sich vertreten. Ein Sabbatical, öffentlich finanziert, medial begleitet wie eine Selbstfindungsreportage. Besonders reizvoll dabei: Wermuth hatte zuvor ein europaweites Verbot von Kurzstreckenflügen gefordert. Der Langstreckenflug erzeugte laut Medienberichten in zwei Monaten so viel CO₂ wie ein durchschnittlicher Schweizer in einem ganzen Jahr. Auf die Frage, ob er die Entschädigung für diese zwei Monate zurückgeben oder spenden wolle, schwieg Wermuth.
Was er stattdessen sagte, war erhellend. «Es ist auch heilsam, wenn man merkt: Weder die Schweiz noch die Welt oder die SP gehen unter, wenn ich zwei Monate weg bin», erklärte er. Eine Selbsterkenntnis von geradezu philosophischer Tiefe – und die Bestätigung dessen, was viele ohnehin längst ahnen.
Die Frage, die niemand stellt
Auch die Frage nach der Krankenkassen-Prämienverbilligung ist nicht unseriös. Nicht weil sich behaupten liesse, Wermuth beziehe sie – das wäre ohne Aktenlage falsch. Sondern weil das System genau dort ansetzt: Steuerbares Einkommen, Abzüge, Familienkonstellation. Je nach Konstellation ergibt sich ein Profil, das potenziell für staatliche Entlastungen qualifiziert. Bei einem Mann, der im Nationalrat für mehr Umverteilung kämpft und erklärt, die Privilegierten müssten zahlen, darf man fragen, wie weit oben er selbst steht – und wie das auf dem Steuerformular erscheint.
Der Berufspolitiker als Systemaussage
Wermuth ist kein Einzelphänomen. 16 Jahre Nationalrat, zwei Sondergenehmigungen, ein langer Ausbildungsweg auf Staatskosten, ein Sabbatical auf öffentlicher Rechnung, Flugverbot für andere und Langstreckenflug für sich – und dazwischen immer dieselbe Botschaft: Die anderen tragen zu wenig Verantwortung.
Er ist Ausdruck einer politischen Klasse, die von Solidarität lebt, Regeln predigt, Ausnahmen für sich selbst organisiert und den Bürgern erklärt, sie müssten mehr beitragen.
Die Schweiz lacht nicht mit – und das ist vielleicht das erste Mal, dass ein Schweizer Publikum kollektiv das Richtige tut.
Hazel Brugger, 32, ist in Deutschland ein Star. Nicht primär weil sie lustig ist, sondern weil sie exakt das bedient, was der linksliberale Medienbetrieb seit Jahren als Comedy durchgehen lässt: Bürgerliche Lebensrealitäten verspotten, die eigene Herkunft als pittoresken Witz verkaufen und das Ganze mit einem Lächeln umhüllen, das sagt, man sei einer von ihnen – während man in einem Kaff in Hessen sitzt, den deutschen Comedy-Bambi abgeräumt hat, die grösste Musikshow der Welt moderieren durfte und 5000-Personen-Hallen füllt. In der Schweiz springt der Funke nicht über. Das ist kein kulturelles Missverständnis. Das ist ein Qualitätsurteil.
Ihre neue Show heisst «Good Evening Europe» – ein Titel so international wie das Selbstbild dahinter. Das Plakat zeigt Brugger als phönizische Prinzessin Europa auf einem weissen Stier, Kunstwind in den Haaren. Selbstironie soll das sein. In Wahrheit ist es das Gegenteil: Selbstverliebtheit im Kostüm der Bescheidenheit. Niemand, der tatsächlich für bodenständig gehalten werden will, lässt sich so plakatieren. Das SRF hat ihr den ESC-Moderationsjob gegeben. Deutschland hat ihr den Comedy-Bambi gegeben. Die Schweiz gibt ihr jetzt ihre ehrlichste Bewertung.
Was sie als Humor verkauft
In Dübendorf referierte Brugger vor fünftausend zahlenden Gästen über nervige Kinder, die man sich in den Winterschlaf wünscht, über Handwerkerfrust beim Eigenheimumbau und über zwei Schildkröten als Kompromiss zwischen Haustier und Velohelm. Das Highlight: Eine Begegnung mit Angela Merkel am Flughafen, die auf einer Bank mit baumelnden Füssen auf einem No-Name-Tablet «Buchstabensalat» spielt – eine Plastiktüte neben sich. Brugger werde in Deutschland so lange Steuern zahlen, bis sich Seniorinnen eine vernünftige Handtasche leisten können. Das ist der Stoff, aus dem Mittagspausen-Podcasts gemacht sind – kein Material für grosse Bühnenshows. Wer fünftausend Leute diesen Satz zahlen lässt, muss sich fragen, ob der Ruhm dem Produkt um Jahre vorausgeeilt ist.
Die Mechanik dahinter ist seit Jahren erprobt. Brugger beansprucht gleichzeitig Insider- und Aussenseiterposition: Schweizerin, also darf sie über die Schweizer lachen. Wohnhaft in Deutschland, also kann sie über Deutsche lachen. Mutter, also darf sie Kinder als Belastung beschreiben. Als Introvertierte mit einem extrovertierten Mann darf sie über gesellige Menschen spotten. Alle Kategorien abgedeckt, keine Flanke offen. Wer immer auf der sicheren Seite des Witzes steht, betreibt keine Kunst. Der betreibt Risikomanagement. Und die Schweiz soll dafür applaudieren.
Das Schweigen als Antwort
Ein Schlüsselmoment der Show: Brugger erklärt, dass Deutsche sofort lachen, wenn sie ihnen sagt, der Vibe in Deutschland sei schlecht – weil sie es selbst wissen. In Dübendorf folgt Stille. Brugger interpretiert das als typische Schweizer Reserviertheit. Das Publikum, schlussfolgert sie, sei eben ein Wasserglacé: Kühl, süss, eiskalt und mit einem Stock im Arsch. Die naheliegendere Erklärung ist ungleich banaler: Es fand es schlicht nicht lustig. Nicht aus Verkrampfung – sondern weil der Witz auf Kosten derer geht, die im Saal sitzen und 60 bis 100 Franken Eintritt bezahlt haben, um von einer Hessen-Auswanderin über ihren eigenen Nationalcharakter belehrt zu werden.
Man nennt das anderswo Häme. Dabei hat Brugger in derselben Schweiz bewiesen, dass sie weiss, wie das Land funktioniert: Dem SRF schlug sie für den ESC ein Stage Diving vor, um dem Publikum etwas Leben einzuhauchen. Gestattet wurde es ihr nur nach dreimaliger Probe – mit sechs Security-Männern im Einsatz. «Nie hatte ich mehr Sehnsucht nach Deutschland als in diesem Moment», sagt Brugger. Was sie als Kritik am verkrampften Schweizer Fernsehbetrieb meint, entlarvt sie in Wirklichkeit selbst: Wer die Heimat als Punchline nutzt und dann erwartet, die Lacher dafür zu kassieren, hat die Heimkarte verloren.
Wenn Verachtung als Punchline verkauft wird
Was Brugger betreibt, ist strukturell dasselbe wie das, was ein bestimmter Typus von Comedy seit Jahren erfolgreich skaliert: Definierte Gruppen, Lebensweisen und Haltungen werden als selbstverständliches Witz-Rohmaterial behandelt – der reservierte Schweizer, die traditionelle Frauenrolle, der emotional unzugängliche Mitteleuropäer. Das funktioniert, weil das Lächeln als Lizenz gilt. Wäre dieselbe Struktur auf andere Gruppen angewandt, läge die Kommentatorin seit Wochen in der Medienkritik-Mangel. Brugger darf es, weil sie zum richtigen Lager gehört und weil Comedy seit jeher als Freifahrtschein für Verachtung gilt, solange man dabei die richtige Grimasse zieht. Verachtung mit Eintrittspreis ist noch immer Verachtung.
Das Schweizer Publikum, das nicht mitlacht, sendet eine klarere Botschaft als jeder Verriss. Dass Brugger beim Prix Walo in der Publikumsgunst gegen Nik Hartmann den Kürzeren gezogen hat, ist fast zu schön für die Pointe – aber es stimmt. Der Mann mit dem sympathischen Gesicht und ohne globale Ambitionen schlägt die ESC-Moderatorin. Weitere Auftritte in Basel, Bern, St. Gallen und Genf sind laut Management in Planung. Man kann nur hoffen, dass das Publikum dort genauso ehrlich reagiert wie jenes in Dübendorf – nicht aus Schweizer Reserviertheit, sondern weil ein leerer Saal die aufrichtigste Kritik ist, die eine Bühne kennt.
Witzlos und stolz drauf, bei Hazel Brugger ist das Programm.
Die WHO hat Ende April 2026 ihre zweitägige Pandemie-Simulation «Exercise Polaris II» abgeschlossen – und wer das Muster noch nicht kennt, hat die letzten sechs Jahre vermutlich unter einem besonders komfortablen Felsen verbracht.
26 Länder und Territorien, 600 Notfallexperten und mehr als 25 internationale Partner versammelten sich am 22. und 23. April, um einen Ausbruch eines fiktiven neuen Bakteriums durchzuspielen, das sich weltweit ausbreitet. Fiktiv – vorerst. Die Teilnehmerliste liest sich wie ein Who-is-Who globaler Gesundheitsbürokratie: Africa CDC, Rotes Kreuz, Ärzte ohne Grenzen, Robert Koch-Institut, UNICEF und ein Dutzend weiterer Reaktionsnetzwerke. Eine beeindruckende Gästeliste für ein Theaterstück, das man so oder so ähnlich schon einmal gesehen hat.
Das Muster kennen wir
Im Oktober 2019 fand in New York «Event 201» statt – eine Pandemie-Simulation von Johns Hopkins, an der die WHO teilnahm. Geübt wurde die koordinierte Reaktion auf einen Ausbruch eines neuartigen Coronavirus. Drei Monate später meldete China die ersten Fälle von COVID-19. Reine Vorsicht. Reiner Zufall. Kein Grund zur Beunruhigung – das versicherten dieselben Institutionen, die gerade die Übung veranstaltet hatten.
Polaris I wurde im April 2025 durchgeführt, damals noch mit einem fiktiven Virus. Polaris II ist grösser, breiter aufgestellt und diesmal bakterieller Natur. Teil des sogenannten HorizonX-Programms, dem laut WHO selbst «mehrjährigen Simulationsübungsprogramm zur Orchestrierung von Notfällen bei zoonotischen Ausbrüchen». Man beachte das Wort «Orchestrierung». Es ist selten, dass eine Institution ihre eigene Methode so präzise beschreibt.
Grösser, breiter, profitabler
Polaris II verzeichnete die Teilnahme einer grösseren Zahl von Ländern sowie die Zusammenarbeit über neue Netzwerke, darunter das kürzlich gestartete Health Emergency Leaders Network for Africa and the Eastern Mediterranean. Die WHO baut also aus. Kein Abbau nach dem COVID-Debakel, keine institutionelle Selbstkritik, kein kollektives Innehalten – sondern Expansion. Mehr Länder, mehr Netzwerke, mehr Koordinationsbedarf, mehr Budget, mehr Schreibtische, mehr Wichtigkeit.
Das ist die Logik jeder Bürokratie, die sich selbst für unersetzlich hält: Ein Versagen rechtfertigt nicht den Rückbau, sondern den Ausbau. Man habe ja gelernt. Man sei jetzt besser vorbereitet. Das nächste Mal wird alles reibungsloser ablaufen. Und «reibungsloser» bedeutet in der Sprache internationaler Gesundheitsbehörden: Schnellere Notstandserklärungen, flüssigere Lieferketten für Impfstoffe und weniger störende Rückfragen aus Parlamenten, die man sowieso für überbewertet hält.
Absolutes Versagen mit Wachstumsambitionen
Der Select Subcommittee on the Coronavirus Pandemic des US-Kongresses kam zu einem vernichtenden Urteil: Absolutes Versagen. Der Ausschuss warf der WHO vor, die Interessen der Kommunistischen Partei Chinas über globale Transparenz gestellt, internationale Verpflichtungen dem Pekinger Einfluss untergeordnet und gleichzeitig neue Vertragsbefugnisse vorangetrieben zu haben, die nationale Souveränität weiter untergraben könnten.
Was macht eine solche Organisation, wenn ein Kongressgremium ihr katastrophales Missmanagement schwarz auf weiss protokolliert? Sie übt. Und übt wieder. Und expandiert dabei die multinationale Infrastruktur für das nächste Szenario, das dann natürlich «unerwartet» und «beispiellos» eintreffen wird – genau wie das letzte.
Wer kassiert, wenn die Notlage kommt?
Man muss kein Experte für Finanzströme sein, um das Muster zu erkennen. Eine Pandemie-Notlage aktiviert automatisch Mechanismen, die Milliarden in bestimmte Kanäle leiten. Impfstoffbestellungen werden ohne normales Ausschreibungsverfahren vergeben. Notzulassungen ersetzen reguläre Prüfprozesse. Länder verpflichten sich in Panik zu Kontrakten, deren Bedingungen sie erst Monate später vollständig lesen. Das ist kein Verschwörungstheorem – das ist der dokumentierte, gerichtlich bestätigte und parlamentarisch untersuchte Ablauf der Jahre 2020 bis 2022.
Zufällig läuft derzeit bei Moderna ein klinischer Versuch an 4000 Erwachsenen mit einem modRNA-basierten Vogelgrippe-«Pandemie-Impfstoff». Zufällig kämpft die WHO parallel dazu um ein Impfstoffabkommen, das Datentransfer und Produktionskontrolle neu regelt. Und zufällig steht im Hintergrund wieder jene philanthropische Finanzierungsarchitektur, die bei COVID so ausserordentlich gut für ihre Investoren rentiert hat.
Wer Polaris II für harmlose Notfallvorsorge hält, sei daran erinnert, dass Event 201 damals ebenfalls als harmlose Übung galt. Und danach kamen Lockdowns, Impfpässe, Kontaktverbote, Milliardentransfers an Pharmaunternehmen und ein gesellschaftlicher Riss, der bis heute nicht verheilt ist.
Polaris II ist nicht Vorsicht. Polaris II ist Vorbereitung – und die Frage ist einzig, für wessen Gewinnmarge.
Die Simulation ist abgeschlossen. Die Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren kehren nach Genf zurück. Die Pharmaindustrie schärft bereits die Bleistifte für die nächste Bestellliste. Die Übung ist beendet. Der Rest kommt noch!
In einer funktionierenden Welt würde ein verurteilter Terrorist, der öffentlich dazu aufruft, politischen Gegnern die Zähne auszuschlagen, und der Jihadisten als mitfühlende Krieger beschreibt, keinen Stadtratssitz anstreben. In der Welt, in der wir tatsächlich leben, tut er es – und das ist längst keine Überraschung mehr, sondern bloss die nächste Bestätigung einer Theorie, die zu beweisen inzwischen unangenehm leicht wird.
Birmingham, Wahlkreis Sparkhill. Der 60-jährige Shahid Butt tritt als unabhängiger Kandidat bei den Stadtratswahlen an. Sein Lebenslauf liest sich kompakt: 1999 im Jemen wegen Beteiligung an Anschlagsplänen auf das britische Konsulat in Aden, eine anglikanische Kirche und ein Hotel in Schweizer Besitz verurteilt. Fünf Jahre Haft. Freilassung. Rückkehr nach Grossbritannien 2003. Seitdem, so versichert er, engagiert er sich dafür, junge Menschen von extremistischen Ideen abzubringen. Schön.
Er bestreitet seine Schuld bis heute. Folter, erfundene Anschuldigungen, ein erzwungenes Geständnis – das bekannte Repertoire. Bemerkenswert ist dabei nicht die Behauptung selbst, sondern die Gelassenheit, mit der sie vorgetragen wird. Als wäre «ich wurde gefoltert, um ein Geständnis zu unterschreiben» ein normaler Satz in einem normalen Bewerbungsgespräch für ein öffentliches Amt. In gewissen politischen Kreisen ist er das offenbar.
Die Qualifikation
Was qualifiziert ihn also für das Stadtratsbüro? Butt bringt es auf den Punkt: Er könne, im Gegensatz zu anderen Kandidaten, «wenigstens Englisch lesen, schreiben und sprechen.» Das klingt absurd – bis man bedenkt, dass Sparkhill rund 30’000 Einwohner zählt, über 90 Prozent davon ethnischen Minderheiten angehören und etwa 80 Prozent Muslime sind. Englischkenntnisse als politisches Alleinstellungsmerkmal in einem englischsprachigen Land, kein Witz, sondern Programm. Was das über den Zustand des lokalen politischen Betriebs aussagt, mag sich jeder selbst ausmalen.
Vom Reformierten zum Zahnausschläger
Nun könnte man sagen, er habe gelernt, er habe sich verändert. Das wäre eine hübsche Geschichte. Leider rief Butt im November Muslime in Birmingham dazu auf, gegen ein Fussballspiel zwischen Aston Villa und dem israelischen Verein Maccabi Tel Aviv zu protestieren. Auf Videoaufnahmen ist er dabei zu hören: «Muslime sind keine Pazifisten, wenn dir jemand zu nahe kommt, schlägst du ihm die Zähne aus.» Zur Teilnahme am Jihad äusserte er sich ähnlich konstruktiv: «Wenn jemand gehen und kämpfen will, soll er kämpfen, denn er tut es aus Mitgefühl.» Das nennt man in der Fachsprache Deradikalisierungsarbeit.
Was in der Berichterstattung auffällig leise bleibt: Während Butts Prozess im Jemen 1999 entführte eine islamistische Terrorgruppe westliche Touristen – und forderte ausdrücklich seine Freilassung. Bei dem Befreiungsversuch durch jemenitische Sicherheitskräfte wurden vier Geiseln getötet. Der Brite Eric Firkins überlebte und hält Butt bis heute für ungeeignet, in einer Demokratie ein politisches Amt auszuüben. Butts Beteuerungen des Wandels seien «nicht schlüssig.» Was für eine altmodische Ansicht – Menschen anhand ihrer Taten zu beurteilen.
Das Sahnehäubchen
Als ob das alles noch nicht genug wäre, kündigte Sharon Osbourne – Witwe von Rocklegende Ozzy Osbourne – an, nach Birmingham zu ziehen und gegen Butt zu kandidieren. Von Sozialen Medien aufgestachelt, bereit für den Kampf. Sie tat es schliesslich nicht. Schade. Ein Duell zwischen einer Reality-TV-Persönlichkeit und einem verurteilten Terroristen um einen Stadtratssitz hätte immerhin ehrlich abgebildet, was politische Repräsentation in grossen Teilen des Westens geworden ist: Ein Spektakel, das die Zuschauer unterhält und niemandem nützt.
Das Muster, das keiner sehen will
Aber lachen wir nicht zu laut. Der Fall Butt ist bizarr – er ist jedoch kein Ausreisser, sondern ein Symptom. Psychologen und Politikwissenschaftler beobachten seit Jahrzehnten dasselbe Muster: Machtpositionen ziehen überproportional häufig Menschen an, die klinisch auffällige Persönlichkeitszüge aufweisen – Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie. Die Forschung kennt das als «dark triad.» Kein Klischee, sondern empirischer Befund. Das System sorgt dafür, dass genau diese Charaktere nach oben gespült werden: Es belohnt skrupelloses Auftreten, wertet Empathiemangel als Stärke und prämiert die Bereitschaft, über Leichen zu gehen – im übertragenen wie gelegentlich im wörtlichen Sinne. Wer diese Eigenschaften mitbringt, findet in der Politik seinen natürlichen Lebensraum.
Die Labour-Abgeordnete Sureena Brackenridge zeigte sich «fassungslos», dass jemand mit Butts Vergangenheit die Bevölkerung von Sparkhill vertreten wolle. Man versteht die Reaktion. Man teilt sie nicht mehr. Wer die politische Bühne der letzten zwanzig Jahre beobachtet hat – Kriegsverbrecher in Regierungsämtern, Lügner die demokratisch wiedergewählt werden, Korrupte die trotzdem Ämter behalten – der hat aufgehört, fassungslos zu sein. Er hat begonnen, Strukturen zu erkennen.
Psychopathen drängen nicht aus Versehen in die Politik – das System öffnet ihnen die Tür, rollt den Teppich aus und wundert sich dann, wer darauf erscheint.
Und solange das System nicht begreift, dass es keine zufälligen Fehler produziert, sondern strukturell vorhersehbare Ergebnisse, wird der nächste Shahid Butt schon seinen Kandidaturantrag ausfüllen. Er kann wenigstens Englisch!
Wenn Heuchelei einen Höhepunkt hat, dann sieht er vermutlich so aus: Grüne, SPD und Linke verlassen mit beinahe wortgleichem Statement die Plattform X – und erklären dabei, die Plattform sei im Chaos versunken, fördere Desinformation und sei kein Ort mehr für seriöse politische Kommunikation. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen. Dieselben Parteien, die jahrelang den politischen Debattenraum vergiftet, eingeengt und mit moralischer Brandmauer versehen haben, verabschieden sich nun mit dem Vorwurf, der Raum sei vergiftet. Man nennt das in Fachkreisen: Projektion.
Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an. Koordinierte Abgangserklärungen mit nahezu identischem Wortlaut sind nicht spontane Empörung. Das ist Absprache. Das ist PR. Das ist genau das, was diese Parteien angeblich bekämpfen: Abgestimmte Narrative, die als authentische Meinungsäusserung verkleidet werden. Wer «bunte Vielfalt» predigt und dann im Gleichschritt vom Platz marschiert, hat entweder keinen Spiegel zu Hause oder weiss ganz genau, was er tut – und hofft, dass niemand hinschaut. Koordiniert abtreten und dabei Unabhängigkeit signalisieren – das ist eine Kunstform. Eine sehr durchsichtige. Desinformation, sagen sie. Desinformation.
Dezember 2021. Katharina Dröge, Grüne, erklärt vor laufenden Kameras, gegen Omikron seien wohl nur noch Drittgeimpfte gut geschützt, und für 2G könne das weitere Verschärfungen bedeuten. Kein echter Konjunktiv in der Praxis, keine wissenschaftliche Einschränkung im Ton, kein Raum für Zweifel. Nur: Druck, Angst, Drohung – und das Ganze verpackt als «Folge der Wissenschaft». Das Beispiel steht nicht allein. Es steht stellvertretend für eine politische Kommunikationsstrategie, die über zwei Jahre lang exakt so funktioniert hat: Behauptungen wurden zu Gewissheiten, Gewissheiten zu Pflichten, Pflichten zu Gesetzen – und wer fragte, war ein «Covidiot», ein «Schwurbler», unsolidarisch oder gleich gemeingefährlich.
2G, 3G, Booster-Empfehlung, Impfstoffversprechen, die alle paar Wochen korrigiert werden mussten, Massnahmen, die als «alternativlos» galten und kurz darauf kommentarlos verschwanden – das war keine Wissenschaft. Das war Politik, die sich Wissenschaft als Schutzschild umgehängt hatte. Und jede abweichende Stimme – egal ob Arzt, Ökonom, Jurist oder einfacher Bürger – wurde in den sozialen Medien, in den Leitartikeln und von den Parlamentsrednerpulten als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit gebrandmarkt. Wer weiter fragte, war unsolidarisch. Wer lauter fragte, war ein Schwurbler. Wer organisiert fragte, war ein Covidiot. Und wer sich nicht einschüchtern liess – der war am Ende ein Nazi. So funktioniert die Eskalationslogik der betreuten Denke: Die Etiketten werden schärfer, je hartnäckiger der Widerspruch. Das Wort «Solidarität» wurde dabei so lange missbraucht, bis es nur noch als Druckmittel funktionierte.
Nicht X hat das getan
Nicht X hat Millionen Menschen ausgegrenzt, diffamiert und unter Druck gesetzt. Nicht X hat politische Irrtümer zu moralischen Pflichtübungen erklärt. Das kam aus dem Bundestag, aus den Ministerien, aus den Pressestunden und aus genau jenen Parteien, die heute mit theatralischem Pathos den Saal verlassen. Danke übrigens. Für die Fürsorge damals – und für die ausbleibende Selbsterkenntnis heute.
Das Paradox der Freiheit
Aber warum passiert das eigentlich? Warum gleitet ein ganzes politisches Milieu so tief ins Sektierertum ab, ohne dass irgendjemand aus diesem Milieu selbst die Reissleine zieht? Die Antwort ist so einfach wie unangenehm: Weil es sich niemand mehr leisten muss.
Es gibt ein Phänomen, das man das «Paradox der Freiheit» nennen könnte. Es besagt, dass ein Mehr an Freiheit ab einem bestimmten Punkt nicht zu mehr Austausch, Erkenntnis und Pluralität führt – sondern im Gegenteil zu Segmentierung und geistiger Verarmung. Die Logik dahinter ist erschreckend simpel: Wer viele Optionen hat, wählt die, die am wenigsten kostet und am meisten Bestätigung verspricht. Niemand verbringt freiwillig Zeit mit Leuten, die andere Ansichten und andere Werte vertreten. Wer nicht beruflich oder durch sozialen Druck dazu gezwungen wird, setzt sich nicht mit unbequemen Meinungen auseinander.
Das gilt umso mehr, wenn man sich in einem postmaterialistischen Umfeld bewegt – also dort, wo Sprechakte und Symbolhandlungen die Wirklichkeit ersetzen. Seeking pleasure, avoiding pain. Das gilt nicht nur für das Handeln, sondern auch für die Wahrnehmung, für das Informationsverhalten, für die Wahl der Gesprächspartner. Und wenn sich dieses Prinzip hochaggregiert, hat es massive systemische Konsequenzen.
Genau das passiert in der linksgrünen Bubble, die in einer umfassenden Bestätigungsspirale gefangen ist. Das Allensbach-Institut hat es schwarz auf weiss dokumentiert: Anhänger der Grünen bekunden die grössten Schwierigkeiten mit abweichenden Meinungen. Nur jeder Zehnte gibt sich mit Menschen ab, die einer anderen Partei zuneigen. Einer von zehn. Das ist keine politische Überzeugung mehr. Das ist eine Sekte mit Bundestagsfraktion.
Konditioniert bis zur Realitätsverweigerung
Um das vollständig zu verstehen, muss man sich die Biografie dieses Milieus vor Augen führen. Diese Menschen wurden so erzogen. In der Schule so bestätigt. An der Universität so geformt. In den Leitmedien täglich so gefüttert. Im Arbeitsumfeld – irgendeine Behörde, irgendein öffentlich finanzierter Träger, irgendein NGO-Apparat – so gespiegelt. Die Welt richtete sich immer nach ihren Wünschen. Und wenn etwas störte, meldete man sich krank – gerne auch mal für mehrere Monate. Der Widerspruch der Realität wurde schlicht nie trainiert.
Das Ergebnis ist eine tiefe Konditionierung: Viele in diesem Milieu haben nie gelernt – wurden nie gezwungen zu akzeptieren – dass die Realität unabhängig von den eigenen Vorstellungen existiert. Dass es eine Wahrheit geben kann, die von der eigenen abweicht. Wahr ist, was sich gut anfühlt. Wahr ist, was die eigenen Überzeugungen bestätigt. Dass es anders sein könnte, liegt jenseits ihrer Vorstellungsfähigkeit. Und weil die Wirklichkeit aufgehört hat, als gemeinsamer Massstab zu funktionieren, ist auch kein gemeinsames Gespräch mehr möglich. Wozu auch – «ist doch sowieso alles konstruiert».
Diese Konditionierung macht diese Menschen nicht nur unangenehm. Sie macht sie unerreichbar. Mit Fakten ist da nichts mehr auszurichten. Fakten werden selektiert, ignoriert oder moralisch abgeblockt. Fake News. Rassismus. Rechts. Springerpresse. Lobbys. Konzerne. Und wenn auch das nicht mehr hilft – dann setzt man beleidigt seinen Haufen hin und verlässt die Plattform. Per Textbaustein, versteht sich.
Wenn Institutionen zur Bestätigungsmaschine werden
Das eigentlich Gefährliche ist, dass diese Dynamik längst nicht mehr nur ein Problem von Stammtischen und Filterblasen ist. Weite Teile der Medien, der Academia und sogar der Justiz funktionieren inzwischen nach demselben Prinzip der Bestätigung. Was wahr ist und wer schuldig ist – das weiss man schon vorher. Forschung, Recherche und Beweisführung dienen dann nur noch der Suche nach bestätigenden Sachverhalten. Das Prinzip der Falsifikation wird umgekehrt: Selektive Befunde werden als Beweis für die Unumstösslichkeit der eigenen Überzeugungen präsentiert. Gegenläufige Sachverhalte werden ignoriert – oder, wenn das nicht möglich ist, moralisch abgeblockt und der Quelle als solcher die Legitimität abgesprochen.
«Follow the science» war nie eine Einladung zum Denken. Es war ein Befehl zum Schweigen.
Jetzt also X. Die Plattform, auf der Dissens sichtbar ist, auf der nicht moderiert, gefiltert und kuratiert wird, bis die erwünschte Meinung als einzige übrig bleibt – die soll der Grund für den Rückzug sein. Das Chaos dort. Der Hass. Die Desinformation. Interessant ist dabei, was nicht gesagt wird: Dass auf X auch jene Gegenstimmen zu finden sind, die man andernorts systematisch unsichtbar gemacht hatte. Dass dort Fragen gestellt werden, die in anderen Medien keine Antwort mehr finden. Dass der «vergiftete Debattenraum» manchmal schlicht der Raum ist, in dem die eigene Version der Realität nicht unwidersprochen bleibt.
Das ist das eigentliche Problem. Nicht Chaos. Nicht Hass. Kontrolle – oder genauer, der Verlust davon. Denn Kontrolle hatten diese Parteien. Über die Narrative in den öffentlich-rechtlichen Medien, über die Deutungshoheit in Talkshows, über die Sprache der Pandemie. Dass ausgerechnet eine soziale Plattform diese Kontrolle nicht mitspielt – das ist der eigentliche Skandal, der hinter dem frommen Abgang steckt. Wer jahrelang Debattenkultur als Instrument zur Durchsetzung einer Agenda genutzt hat, erkennt echte Debatte nicht – er erschrickt vor ihr. Und erschreckte Leute verlassen den Raum. Aber sie tun es mit Würde: Koordiniert, abgesprochen, per Textbaustein. Vielfalt eben. Die Art von Vielfalt, bei der alle dasselbe denken und es nur unterschiedlich klingen lassen.
Das politische Chaos, das diese Kreise heute beklagen, ist nicht vom Himmel gefallen. Es wurde miterzeugt – durch Jahre des moralischen Überdrucks, der epistemischen Anmassung, der institutionellen Arroganz. Durch eine Politik, die Fragen als Angriffe deutete, Zweifel als Gefahr und Widerspruch als Beweis für schlechten Charakter. Wer dieses Erbe jetzt auf X ablädt, hat entweder ein sehr kurzes Gedächtnis – oder ein sehr langes.
Wenn es einer Gesellschaft nicht mehr gelingt, die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit einzufordern und institutionell zu verankern, dann driftet sie auseinander – in Gruppen, die sich ihre eigene Wirklichkeit schaffen. Das passiert besonders dort, wo Bestätigungsschleifen durch Selbstselektion entstehen, in besonders freien und mobilen Gesellschaften. Insofern ist das, was sich da im linksgrünen Milieu abspielt, kein kurioses Randphänomen. Es ist ein alarmierendes Zeichen des Niedergangs.
Das Problem sitzt nicht auf einer Plattform.
Es sitzt deutlich näher am Bundestag…
Und es hat soeben seinen Abgang erklärt – per Textbaustein, versteht sich!
Wer glaubt, Lebensmittelkontrolle sei ein Problem, das irgendwo in dystopischen Romanen oder kommunistischen Geschichtsbüchern verbleibt, darf jetzt aufwachen: Frankreich schickt Wärmebilddrohnen über Bauernhöfe, Russland schlachtet gesundes Vieh auf Verdacht, die USA erfassen jede Kuh mit einem Digitalchip – und das alles natürlich für unsere Sicherheit. Es gibt wohl kein beruhigenderes Bild als eine lückenlos überwachte Rinderherde.
In Frankreich ist es bereits bittere Realität. Wärmebilddrohnen kreisen über Weiden und fahnden nach nicht registrierten Tieren. Wer gefunden wird, bekommt Besuch: Bewaffnete Polizisten, flankiert von staatlichen Impftrupps, die gesunde Kühe zwangsimpfen – gegen den frenetischen Widerstand der Bäuerin, die verzweifelt erklärt, ihre Tiere seien kerngesund, das hier sei Wahnsinn. Interessiert niemanden. Das ist keine Ausnahme. Genug Bauern waren betroffen, dass sich landesweite Proteste formierten, woraufhin Polizeikräfte mit Tränengas anrückten. Willkommen in der liberalen Demokratie des 21. Jahrhunderts.
Von Paris bis Palantir
In Russland liefen staatliche Einsatztrupps durch das Land und schlachteten gesundes Vieh – Seuchenverdacht genügte als Rechtfertigung, einen Beweis brauchte es nicht. Erst als die Proteste Medienaufmerksamkeit erzeugten, musste der Leiter des Landwirtschaftsministeriums seinen Stuhl räumen. Ob die Schlachtungen danach aufhörten, ist offen. Was feststeht: Sie haben stattgefunden.
In den USA läuft dasselbe Programm, nur im Nadelstreifenanzug. Der Animal Disease Traceability Act schreibt digitale Kennzeichnungen für Nutztiere vor – 3$ pro Tier, verpflichtend, keine Diskussion. Viehzüchter protestieren. Ändert nichts. Der USDA hat seine Drohnenüberwachung parallel ausgebaut und nennt das Effizienz. Die gesammelten Daten gehen direkt zu Palantir – ein $300-Millionen-Vertrag, bereits unterzeichnet. In der EU mündet die digitale Tierkennzeichnung in den Digital Product Passport, der lückenlose Rückverfolgung jedes Nahrungsmittels entlang der gesamten Lieferkette gewährleisten soll. Vollständige Kenntnis über Herkunft, Bewegung und Konsum – das Traumbild jedes Technokraten, verpackt als Verbraucherschutz.
Das Narrativ dahinter heisst: Vogelgrippe. Robert Redfield, ehemaliger CDC-Direktor, erklärte mitten in der Corona-Hysterie öffentlich, Covid sei nur eine Generalprobe – die eigentliche Pandemie werde die Vogelgrippe sein. Australien führte kürzlich die Übung «Exercise Convergence» durch, in der Behörden ein Szenario aus Energiekrise, Treibstoffmangel und einem auf Menschen übergehenden Vogelgrippe-Ausbruch simulierten. Tabletop-Übungen dieser Art haben eine irritierende Neigung, kurz danach Wirklichkeit zu werden.
Ein Drehbuch, das man kennt
Das Muster ist historisch sattsam bekannt. In der Sowjetunion wurden zwischen 1929 und 1933 rund 18 Millionen Pferde getötet. Rinderbestände halbierten sich von 68 auf 38 Millionen. Beinahe 100 Millionen Schafe und Ziegen verschwanden. Zuerst kam die Registrierung – für statistische Zwecke natürlich, der Mann da oben muss schliesslich wissen, was vorhanden ist. Dann kam der Staat selbst. Das Ergebnis war der Holodomor – eine staatlich erzeugte Hungersnot von historischem Ausmass, die Millionen das Leben kostete. In China verlief die grosse Hungersnot nach demselben Schema. Und in den USA kaufte die Roosevelt-Regierung mitten in der Depression Bauern dafür, Millionen Schweine zu töten und Baumwollernten in den Boden zu pflügen – während Teile der Bevölkerung hungerten. Der Farmer Philburn aus Ohio wurde vom Obersten Gericht verurteilt, weil er auf eigenem Land zu viel Weizen für eigenen Gebrauch angebaut hatte. Der Agricultural Adjustment Act von 1938 sah das nicht vor. Schöner Freiheitsstaat.
Und PG&E in Kalifornien flog nach den Waldbränden mit einem Helikopter mit bodendurchdringender LIDAR-Technologie und kartierte dabei systematisch jedes Grundstück im Staat. Offizielle Begründung: Brandschutz, Vegetationskontrolle rund um Stromleitungen. Die Daten gingen umgehend an Behörden – zur Aufspürung illegaler Cannabis-Anbauflächen. Weshalb diese Logik beim Gemüsebeet haltmachen sollte, hat bisher niemand überzeugend erklärt. Wasserzähler, Stromverbrauch, Satellitenbild – sie wissen bereits, ob du bewässerst.
Die Antwort ist so simpel wie unbequem
Wer das alles zusammenfügt, kommt zu einer einfachen Konsequenz: Selbst anbauen. Gorilla-Gardening – Samen auf ungenutztem Land ausstreuen, auf fremdem Boden anbauen, ernten, kein Formular, kein Kataster, keine Registrierung. Vertikale Beete, getarnt und unauffällig platziert. Aquaponik-Systeme, die Schwarze Soldatenfliegen als Fischfutter nutzen, geschlossene Nahrungskreisläufe bilden und von aussen nach gar nichts Verdächtigem aussehen. Mehlwürmer als Geflügelfutter – günstig, selbst produziert, ausserhalb jeder rückverfolgbaren Lieferkette. Und die eigene Ernährung schrittweise an das anpassen, was vor Ort, unauffällig und ohne staatliche Kenntnisnahme wächst. Das ist kein romantischer Selbstversorgungstraum. Das ist Vernunft gewordener Selbstschutz.
Registrierung war in der Geschichte noch immer der erste Schritt zur Beschlagnahmung – und wer glaubt, dieses Mal sei das anders, sollte sich fragen, warum ausgerechnet jetzt Wärmebilddrohnen über Bauernhöfe kreisen.
Die Zentralisierung der Lebensmittelversorgung folgt einem Drehbuch, das bereits mehrfach aufgeführt wurde – immer mit demselben Ende. Wer das erkennt, fängt an zu graben. Buchstäblich.
Wärmebilddrohnen, Digitalchips und staatliche Impftrupps auf unseren Weiden
Irgendwo in der Strassburger Altstadt klingen Flügelklänge aus einem Palazzo in die Nacht. Drinnen residiert Alain Berset – 950 Quadratmeter Villa, Privatchauffeur, 300’000 Euro Jahresgehalt steuerfrei, und eine neue Bühne, auf der er wieder der Grösste sein darf. Der ehemalige Bundesrat und «Corona-General», der zu Hause Affäre um Affäre geliefert hatte, am Ende lustlos wirkte und selbst in den eigenen Reihen zunehmend als Hypothek angesehen wurde, blüht in seiner neuen Rolle auf dem europäischen Parkett sichtlich auf. Die Schweiz war ihm zu eng geworden. Der Europarat ist sein Neustart. Und was macht er dort? Er kämpft gegen Desinformation. Man muss das kurz sacken lassen.
Alain Berset. Kämpfer gegen Desinformation. Der Mann, dessen Amtszeit als Gesundheitsminister so ziemlich das grösste staatlich organisierte Informations-Desaster der jüngeren Schweizer Geschichte hinterlassen hat, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, andere über die Wahrheit zu belehren. Er hat die Absicht, sich im Kampf gegen die Desinformation zu engagieren – das ist eines seiner grossen Ziele als Generalsekretär. Demokratische Prozesse wie Wahlen müssten vor Desinformation geschützt werden, verkündet er auf Gipfeln und in Pressemitteilungen. Ein Demokratiepakt soll her, Mechanismen gegen ausländische Einmischung, Schutzmauern für die freie Meinungsbildung. Herrlich. Wirklich.
Denn während Berset in Strassburg die grosse Wahrheitswächtergeste übt, hat die Realität zu Hause still weitergearbeitet. Am 21. April 2026 präsentierte das Aktionsbündnis Freie Schweiz in Bern der Presse die juristische Analyse der Covid-Impfstoffverträge zwischen dem Schweizer Bund und den Herstellern Moderna sowie Novavax. Möglich wurde das durch drei Urteile des Bundesverwaltungsgerichts vom 10. Februar 2026, die das Bundesamt für Gesundheit zur vollständigen Offenlegung verpflichteten. Fünf Jahre lang hatte das BAG diese Verträge hinter geschwärzten Seiten versteckt. Fünf Jahre lang hatte Rémy Wyssmann, SVP-Nationalrat und Rechtsanwalt aus Solothurn, dafür gekämpft, dass die Öffentlichkeit erfährt, was in ihrem Namen und mit ihrem Geld unterschrieben worden war.
Und der Inhalt? Der Bund kaufte von Moderna 31 Millionen mRNA-Dosen für rund 32 Dollar pro Einheit – das Gesamtvolumen liegt bei rund 980 Millionen Dollar, hinzu kommen 20 Millionen für Novavax. Fast eine Milliarde. Für Präparate, bei denen – und jetzt wird es wirklich interessant – weder verbindliche Garantien zur Wirksamkeit noch zur Sicherheit der gelieferten Produkte enthalten waren. Alle Risiken wurden vertraglich einseitig auf den Staat überwälzt. Die Pharmaindustrie kassierte. Der Steuerzahler haftete. Das Parlament wusste nichts. Die Öffentlichkeit erst recht nicht. Juristen des Aktionsbündnisses sprechen von einem beispiellosen Staatsversagen, bei dem zentrale Kontrollmechanismen von Parlament und Öffentlichkeit ausgeschaltet worden seien. Das ist keine Meinung. Das sind Vertragsdokumente, freigeklagt durch Bundesgerichtsurteil.
Und wer stand damals an der Spitze des Departements, das diese Verträge abschloss? Wer trat Monat für Monat vor die Kameras und versicherte der Bevölkerung, die Impfstoffe seien sicher und wirksam? Wer liess das BAG jahrelang jeden Transparenzantrag blockieren, schwärzen, verzögern – bis ein Gericht Schluss machte mit dem Versteckspielen? Alain Berset. Bundesrat. Gesundheitsminister. Jetzt Kämpfer gegen Desinformation.
Falls Berset und das BAG die Berichte ihrer eigenen wissenschaftlichen Task-Force lasen, haben sie sogar wissentlich falsch informiert. So formulierte es Infosperber bereits 2022 – nüchtern, beleggestützt, ohne Hysterie. Die Task-Force wusste früh, dass die Impfstoffe keine sterile Immunität erzeugen, keine vollständige Übertragung verhindern, keine lebenslange Schutzwirkung garantieren. Erzählt wurde der Bevölkerung trotzdem: Wer geimpft ist, schützt andere. Wer nicht geimpft ist, gefährdet die Gesellschaft. Ein Zertifikatssystem wurde installiert, das genau auf dieser Behauptung aufbaute – auf einer Behauptung, für die es keine vertragliche Grundlage und keine wissenschaftliche Sicherheit gab.
Das nennt man Desinformation. Oder, um es in der Sprache des neuen Generalsekretärs des Europarats zu sagen: Eine Manipulation der Information, die die Grundwerte der Demokratie gefährdet.
Jetzt sitzt Berset in Strassburg und erklärt, Informationen würden automatisiert, gefälscht und über die sozialen Medien unkontrolliert verbreitet. Das führe zu einer grösseren Fragilität der Demokratien. Die Situation sei sehr ernst. Absolut. Volle Zustimmung. Nur: Was ist mit staatlich organisierten Desinformationskampagnen, gestützt auf Milliardenverträge mit Haftungsausschluss, die man fünf Jahre lang gerichtlich vor der eigenen Bevölkerung verbirgt? Fällt das auch unter die Kategorie «fragile Demokratie»? Oder gilt der Demokratiepakt nur für ausländische Einmischung und soziale Medien, nicht für Gesundheitsminister mit Flügel?
Das Paradoxe – und das wirklich Zynische – an Bersets Strassburger Karriere ist seine Ausgangslage. Er verdankte seine Wahl zum Generalsekretär nicht zuletzt der Schweizer Neutralität, die ihn als Kandidaten aus einem kleinen, unparteiischen Land besonders attraktiv machte. Neutralität als Verkaufsargument. Doch kaum im Amt, verabschiedet er sich von dieser Neutralität merklich – während sein Europarat, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eingeschlossen, auf sein Heimatland feuert: Beim Klimaurteil, bei Migrationsfragen, beim Umgang mit Menschenrechtsurteilen. Berset, der Schweizer, der dank der Schweiz Generalsekretär wurde, schaut zu. Oder nickt.
Man könnte es pragmatisch nennen. Rollenkonform. Institutionell unvermeidlich. Man könnte auch sagen: Es ist das konsequente Lebenswerk eines Mannes, der gelernt hat, dass das Reden über Werte und das Einhalten derselben zwei vollkommen verschiedene Berufsfelder sind.
Desinformation ist ein ernstes Problem. Keine Frage. Aber vielleicht sollte der Europarat seinen Demokratiepakt mit einem Kapitel beginnen, das den eigenen Mitgliedsstaaten – und deren ehemaligen Gesundheitsministern – erklärt, was es bedeutet, wenn man eine Milliarde Franken an Steuergeldern für Produkte ausgibt, die vertraglich weder wirksam noch sicher sein mussten, das fünf Jahre lang geheim hält und danach nach Strassburg zieht, um Europa die Wahrheit beizubringen.
Die Flügelklänge in der Strassburger Nacht klingen weiter. Wer spielt, ist unklar. Wer die Noten geschrieben hat, auch.
Der Desinformationsbekämpfer Alain Berset – Europa verdient ihn!
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