Der Bodensee schrumpft, der Rhein kriecht, die Wälder brennen und jede Redaktion zwischen Hamburg und Zürich kennt den Täter, bevor das Löschwasser verdampft ist. Wetter ist zum Glaubensbekenntnis verkommen: Jede Hitzewelle wird zur Predigt, jedes Niedrigwasser zum Beweisstück, jedes Feuer zur Offenbarung. Wer die Messreihen liest statt der Schlagzeilen, findet eine Wirklichkeit, die beiden Lagern wehtut: Der Rhein floss 1853 dünner, der Bodensee stand 1858 tiefer und beim Regenmangel dieses Jahres finden selbst die Attributionsforscher keinen Klimatrend. Die Hitze dagegen ist echt, die Verdunstung auch. Genau deshalb druckt diese Wirklichkeit niemand, sie passt in keine Kampagne, so wenig wie die Strandvillen der lautesten Mahner.
Feuerprobe aus dem Rechenschieber
Im Juli brannten im Müritz-Nationalpark Hunderte Hektar, die Altmunition im Boden machte jeden Feuerwehrmann zum Minenräumer. Im August loderte der Hürtgenwald, laut Landesregierung der grösste Waldbrand Nordrhein-Westfalens seit Jahrzehnten, mit 300 bis 400 Hektar Schaden. Prompt lieferte Potsdam die passende Apokalypse: Europas Brandfläche könne sich bis 2100 fast verdreifachen. Das Kleingedruckte gilt nur im Hochemissionsszenario mit rund 3,6 Grad, das UNO-Umweltprogramm rechnet mit heutiger Politik mit 2,8 Grad. Und Deutschland? Die mittlere Brandfläche fiel von 3365 Hektar im Mittel der Jahre 1961 bis 1990 auf 797 Hektar in den Jahren 1991 bis 2020, minus 76 Prozent, dank Bewirtschaftung und Feuerwehren, die per Handy alarmiert werden. Seit 2018 steigt die Kurve leicht und das Wetter half kräftig nach: An rund 22 Tagen stand der Waldbrandindex bis Anfang August auf Stufe vier oder fünf, im Mittel sind es etwa zehn. Gleich hinter der Grenze verbrannten im belgischen Hohen Venn rund 3000 Hektar. Der Klimarat erwartet mehr Feuerwetter, vorwiegend im Mittelmeerraum. Die meisten Brände haben trotzdem einen Täter mit Feuerzeug, keinen mit Thermometer.
Der Rhein lügt nicht, er wird falsch gelesen
Der Sommer brachte bloss knapp 72 Prozent des üblichen Regens, der September rund 66 Prozent. Im Süden fiel seit März gebietsweise nicht einmal die Hälfte, die Böden waren dort trockener als 2018 und 2022. Der Rhein bei Basel lag seit Mitte Juni fast durchgehend unter den Tiefstwerten der Jahre 1991 bis 2020. Der Bodensee stand Anfang Oktober in Konstanz auf 248 Zentimetern, 89 Zentimeter unter dem Mittel. Der Rekord? 226 Zentimeter, gemessen 1858, als noch kein Mensch einen Verbrennungsmotor besass. In Köln floss der Rhein am tiefsten am Silvester 1853 mit 401 Kubikmetern pro Sekunde, nicht im Sommer 2026. Das Bundesamt für Umwelt nennt als Ursache den regenarmen Frühling und den schneearmen Winter, räumt aber ein, dass der Klimawandel längere Trockenperioden wahrscheinlicher macht. Die Aare in Bern erreichte 24,8 Grad, die Reuss in Luzern 26,36 Grad, beide über ihren bisherigen Rekorden. Die Attributionsforscher fanden im Westen beim Regen keinen langfristigen Trend. Die Verdunstung dagegen wurde rund 80-mal wahrscheinlicher, das Bodendefizit fünfmal. Der Klimarat zählt West- und Mitteleuropa bei zwei Grad Erwärmung zu den Regionen mit zunehmender Agrardürre, mit mittlerem Vertrauen. Es regnet also nicht weniger, die Sonne säuft bloss mehr weg.
Ein Thermometer ist kein Parteibuch
Hier haben die Alarmisten ausnahmsweise die Zahlen auf ihrer Seite und verschenken sie trotzdem an die Hysterie. Mit 19,6 Grad war der Sommer der zweitwärmste seit 1881, nur 2003 war heisser. Am 27. Juni zeigte Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt 41,8 Grad, Deutschlandrekord. Rund 22 Tage über 30 Grad, fünf über 35 Grad und rund 779 Sonnenstunden, 27 Prozent über dem alten Soll. Der Trend bei den heissen Tagen ist laut Umweltbundesamt trotz wilder Ausschläge deutlich steigend. Das darf man sagen, ohne zum Kirchenchor überzulaufen. Ein Rekordsommer belegt einen Trend so wenig wie ein kalter Mai seine Widerlegung, aber eine über siebzig Jahre lange Messreihe mit klarer Steigung ist kein Zufall, den man mit einem Achselzucken wegwischt. Ebenso darf man fragen, wie viele dieser Rekorde auf Messstationen beruhen, die längst zwischen Asphalt und Abluft stehen. Wer nur eine der beiden Fragen stellt, betreibt keine Wissenschaft, sondern Marketing.
Die Toten aus dem Taschenrechner
Das Robert Koch-Institut schätzt rund 16’000 hitzebedingte Sterbefälle, so viele wie nie. Auf keinem Totenschein steht Hitze, die Zahl stammt aus einem Modell, das gemessene Todesfälle gegen eine gerechnete Normalwelt stellt. Rund 8200 der Toten waren über 85, rund 1500 jünger als 65. In den Rekordjahren 2018 und 2019 waren es je rund 7000, davor lagen die Werte meist zwischen 1200 und 3000. Die bayerischen Grünen reagierten mit einem Plan für 20’000 mobile Klimageräte auf ärztliche Verordnung, abzuholen in der Apotheke. Kühlung als Kassenleistung, Strom als Nebenwirkung. Was im Sommertheater fehlt: Laut einer Auswertung im Deutschen Ärzteblatt gehen drei bis vier Prozent aller Todesfälle auf Kälte zurück, knapp ein Prozent auf Hitze. Die Kältesterblichkeit sinkt seit etwa 2015, die temperaturbedingte Sterblichkeit insgesamt leicht. Für 28 europäische Länder errechnet eine Studie dank milderer Winter netto rund 916’000 vermiedene Todesfälle und einen Gewinn an Lebenserwartung von etwa 0,2 Jahren. Kältetote sterben leise im Februar, ohne Kamerateam.
Wüste ohne Wochenbericht
Wenn in Deutschland ein Wochenmittel von 20 Grad die Sterbekurve anhebt, müsste Dubai ein einziger Friedhof sein. Ist es nicht und die Erklärung tut beiden Lagern weh. Eine Auswertung von rund 74 Millionen Todesfällen aus 13 Ländern fand die Temperatur mit der geringsten Sterblichkeit nicht bei einem Weltwert, sondern beim örtlichen Klima: In den Tropen um das 60. Perzentil, in gemässigten Breiten beim 80. bis 90. Perzentil. Hitze ist relativ, der Berner stirbt bei Werten, über die ein Kuwaiter lacht. Kälte war in derselben Studie für 7,29 Prozent aller Todesfälle verantwortlich, Hitze für 0,42 Prozent, rund 17 zu 1. Zahlen aus der Wüste gibt es übrigens, nur kaum: Eine Übersicht fand für die ganze Arabische Halbinsel zwölf Studien, für die Emirate eine einzige. In Kuwait verdoppelte bis verdreifachte extreme Hitze das Sterberisiko bei ausländischen Gastarbeitern im Erwerbsalter, die Einheimischen traf die Kälte, ältere Kuwaiter mit einem 2,75-fachen Risiko. Weltweit zählen Forscher für 2000 bis 2019 über fünf Millionen Temperaturtote pro Jahr, die meisten durch Kälte, deren Anteil stärker sank, als jener der Hitzetoten stieg. Das RKI veröffentlicht jeden Sommer Wochenberichte zur Hitzemortalität, eine vergleichbare Reihe zur Kälte findet sich in seinem Publikationsarchiv nicht. Frieren ist eben kein Geschäftsmodell.
Malé schwimmt noch
Schon 1988 musste der Aussenminister der Malediven vor der UNO-Generalversammlung beschwichtigen: Die Gefahr durch den steigenden Meeresspiegel sei nicht so düster, wie manche Zeitungen sie dramatisierten, Tourismus und Fischerei würden noch viele Jahrzehnte gedeihen. Die oft zitierte Agenturmeldung jenes Jahres, das Inselreich stehe in 30 Jahren unter Wasser, liegt in keinem zugänglichen Archiv im Original vor. Dass die Presse damals den Untergang ausrief, bestätigt dafür ausgerechnet die Regierung selbst. Die Frist wäre 2018 abgelaufen. 1989 rechnete ein Fachbeitrag an einer Konferenz in Malé mit 30 Zentimetern bis anderthalb Metern Anstieg, auf der Insel Tulhadoo hätten schon 35 Zentimeter die neu gewonnenen Flächen dauerhaft geflutet. 1997 liess ein indisches Umweltmagazin die meisten der 1191 Inseln innerhalb von hundert Jahren versinken. Gemessen hat die NASA seit 1993 einen Anstieg von 9,3 Zentimetern. Real ist er, bloss eine Spanne kleiner als die Prophezeiung. Und die Inseln? Von 49 Eilanden des Huvadhoo-Atolls wuchs zwischen 1969 und 2019 gut die Hälfte, je ein Viertel blieb stabil oder schrumpfte, was zum globalen Inselbefund passt. Und der Inselstaat selbst baggert neben Malé gerade 63 Hektar neues Bauland aus dem Meer.
Klimaretter mit Strandblick
2014 erklärte Barack Obama am UN-Klimagipfel seine Generation zur ersten, die den Klimawandel spürt und zur letzten, die etwas tun kann. Fünf Jahre später kauften die Obamas für 11,75 Millionen Dollar ein Anwesen auf Martha’s Vineyard, direkt am Wasser mit Blick auf Strand und Ozean. Bill Gates legte im Frühling 2020 für ein Strandhaus in Del Mar 43 Millionen Dollar hin. Im Oktober 2025 schrieb derselbe Gates, das Untergangsszenario sei schlicht falsch, Armut und Krankheit seien die grösseren Probleme.
Wer predigt, kauft am Wasser
Al Gore, 2007 mit dem Friedensnobelpreis geehrt für das Verbreiten von Wissen über den menschengemachten Klimawandel, kaufte 2010 in Montecito für knapp 8,9 Millionen Dollar eine Villa mit Blick auf den Ozean. Jeff Bezos versprach 2020 zehn Milliarden Dollar zur Rettung der Erde und kaufte 2023 auf einer künstlichen Insel vor Miami zwei Villen für 68 und 79 Millionen Dollar. Mark Zuckerberg spart sich die Klimapredigt und hält auf Kauai gleich über 1300 Acres, rund 526 Hektar, samt Strandabschnitten. Leonardo DiCaprio, als UNO-Friedensbotschafter mit Schwerpunkt Klima an den Gipfel geschickt, besitzt seit 2005 mit Blackadore Caye vor Belize eine ganze Insel.
Ein Kaufvertrag widerlegt keine Klimaforschung. Wer Millionen besitzt, versichert und baut neu. Er belegt aber, dass der Käufer nicht damit rechnet, sein Grundstück zu Lebzeiten ans Meer zu verlieren und das passt zu 9,3 Zentimetern in drei Jahrzehnten besser als zu jeder Predigt, die diese Herren gehalten haben. Das Geschäftsmodell der Menschenfreunde kennt eben zwei Preislisten, eine für die Bühne, eine für das Grundbuch.
Grün wird’s, nur nicht im Feuilleton
Das Great Barrier Reef, gefühlt jedes Jahr beerdigt, meldet im Norden 35,1 Prozent Korallenbedeckung, weit über dem Langzeitmittel. Die Mitte zählt zu den besten Werten der ganzen Messreihe, nur der Süden liegt darunter. Global erreichte das Grün der Pflanzenwelt 2025 einen Rekordwert, auf 68,2 Prozent der bewachsenen Landfläche nahm es zu. Wetter ist kein Klima und Klima keine Schlagzeile. Wer jedes Gewitter zum Weltgericht erklärt, reiht sich bei den Modell-Propheten ein, deren Weltuntergänge pünktlich ausblieben und verspielt nebenbei die Glaubwürdigkeit der Messreihen, die tatsächlich etwas zeigen. Der Rhein war 1853 tiefer. Der Bodensee 1858. Malé steht noch. Und wer den Untergang am lautesten predigt, unterschreibt den Kaufvertrag am Strand!














«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







