Frankreich verlor Algerien, die USA verloren Vietnam, die Sowjetunion verlor Afghanistan – und keiner dieser Verlierer griff zur Bombe. Aus dieser Aufzählung zimmert die NZZ die Beruhigungspille des Jahres: Moskau werde in der Ukraine keine Kernwaffen einsetzen, weil sich das nicht lohne. Die Aufzählung stimmt. Der Schluss daraus ist der teuerste Denkfehler, den man aus lauter richtigen Einzelfakten zusammenbauen kann.
In jedem dieser Kriege verlor eine Atommacht gegen einen Gegner ohne Kernwaffen und ohne atomar bewaffneten Schutzherrn im Rücken. Genau dieser eine Unterschied ist der Fall Ukraine. Und es kommt dicker: Schlägt man die Kronzeugen einzeln nach, sagt jeder von ihnen gegen den Mann aus, der ihn aufruft.
Fünfmal überlebt heisst nicht unsterblich
Der Vergleich trägt nur, solange man ihn nicht umdreht. Die algerische Befreiungsfront bekam keine Marschflugkörper aus London, der Vietcong keine Zieldaten aus einem NATO-Hauptquartier. Die Ukraine schlägt mit westlichem Gerät tief in russisches Staatsgebiet und der Meinungstext führt genau das als Beweis dafür an, dass nichts geschehen wird: Rote Linien wurden überschritten, eine Antwort blieb aus, also bleibt sie aus. Dass Kiew seit Jahren genau auf diese Schwelle zutreibt, gilt in dieser Rechnung als Entwarnung statt als Warnlampe. Das ist die Beweisführung eines Mannes, der fünfmal unverletzt durch dasselbe Minenfeld gelaufen ist und daraus schliesst, es lägen keine Minen darin.
Dazu die Kronzeugen: 1973 griffen Ägypten und Syrien Israel an, 1982 begann Argentinien einen Krieg gegen Grossbritannien. Beide Male ging es um umkämpfte Randgebiete und um Inseln rund 12’000 km vor der Küste des Angegriffenen, nie um dessen Kernland. Wer daraus ein Tabu destilliert, verwechselt einen Mechanismus mit einer Glückssträhne.
Und wer schreibt das? Ein Policy Fellow eines Kiewer Politikinstituts, den die Zeitung als nüchternen Analytiker durchlaufen lässt. Eine Partei im Verfahren erklärt dem Publikum, das Risiko des Verfahrens werde überschätzt. Zwei Drittel durch den Text kippt das Stück dann selbst: Dort steht plötzlich das Szenario, in dem Moskau sehr wohl zur Bombe greift – nicht bei einer Niederlage, sondern wenn es ohnehin gewinnt, Vorbild 1945. Die Überschrift sagt sinnlos, der Textkörper sagt lohnend. Man muss schon Zeitungsmensch sein, um das für einen Beitrag zur Beruhigung zu halten – aber in einer Branche, die seit Jahren voneinander abschreibt, fällt eine Entwarnung mit eingebautem Gegenbeweis schlicht nicht mehr auf.
Die Kronzeugen, einzeln nachgeschlagen
Algerien zuerst. Frankreich hat in diesem Krieg sehr wohl Kernwaffen gezündet, nur eben auf dem Boden der Kolonie. Am 13. Februar 1960 detonierte bei Reggane in der algerischen Sahara Gerboise Bleue, eine Plutoniumbombe von 60 bis 70 Kilotonnen, rund das Vierfache von Hiroshima. Es folgten drei weitere atmosphärische und dreizehn unterirdische Sprengungen, insgesamt siebzehn zwischen 1960 und 1966, fünf davon, während der Krieg noch lief. Der Text führt Algerien als Beweis dafür an, dass eine Atommacht auch im Untergang die Finger von der Bombe lässt. Tatsächlich war die Kolonie das Gelände, auf dem diese Bombe überhaupt erst gebaut wurde – mitsamt den Spätfolgen, die Frankreich bis heute nicht aufräumt.
Vietnam als Nächstes. Im Februar 1968 aktivierte der Oberbefehlshaber in Saigon einen Plan mit dem Namen Fracture Jaw: Kernwaffen sollten nach Südvietnam verlegt werden, um sie kurzfristig einsetzen zu können, falls Khe Sanh zu fallen drohte. Der Pazifikbefehlshaber hatte zugestimmt, die Sache lief bereits, als der Sicherheitsberater den Präsidenten informierte. Johnson stoppte sie und liess jeden Mitwisser zum Schweigen verpflichten. Nicht eingesetzt heisst also nicht, dass niemand daran gedacht hätte. Es heisst, dass ein einzelner Mann es einmal knapp verhindert hat.
Und gedroht wurde auch. Im Oktober 1969 setzte Washington seine Nuklearstreitkräfte zwei Wochen lang in erhöhte Bereitschaft, achtzehn B-52 mit thermonuklearen Waffen flogen Achtzehn-Stunden-Schleifen Richtung Polarkappe. Ehrlicherweise gehört dazu: Das Aussenministerium hat später selbst eingeräumt, dass die Aktenlage keine eindeutige Erklärung hergibt – gehandelt wird zwischen dem Signal an Moskau und Hanoi und der Abschreckung eines sowjetischen Schlags gegen China. Der eigene Generalstabschef erfuhr den Zweck nie. Ein Kernwaffenalarm, dessen Ziel nicht einmal die eigene Führung kannte, ist alles, nur kein Beleg für ein gefestigtes Tabu.
Bleibt der Kronzeuge Falkland und der ist der bitterste. Die britische Flotte fuhr 1982 nicht unbewaffnet in den Südatlantik: Nach einer Akte im Nationalarchiv, Aufdruck «Top Secret Atomic», waren es einunddreissig Kernwaffen – achtzehn auf der Hermes, zwölf auf der Invincible, eine auf einem Versorger, wobei sich die Schiffe innerhalb der verhängten Sperrzone befanden. Das Verteidigungsministerium gab die Anwesenheit 2003 zu, nachdem es jahrzehntelang weder bestätigt noch dementiert hatte. Das Aussenministerium sorgte sich derweil um den Vertrag von Tlatelolco, der genau dieses Gewässer zur kernwaffenfreien Zone erklärt. Das also ist das Beispiel dafür, wie sehr die Welt dem Tabu vertraut – eine Atommacht, die mit einunddreissig Sprengköpfen in eine kernwaffenfreie Zone einläuft und dreiundzwanzig Jahre schweigt.
Der Trick mit der Klammer
Das Meisterstück steht in einem Nebensatz. Die Frage, warum seit 1945 nie wieder mit dem Einsatz gedroht worden sei, wird mit dem Zusatz gestellt, man möge die russischen Drohungen seit 2014 dabei bitte beiseitelassen. Das ist keine Beweisführung, das ist Buchhaltung: Wer die einzige Datenreihe, die gegen ihn spricht, per Klammer aus der Erhebung nimmt, kann jede These der Welt belegen. Im selben Text steht zwei Absätze weiter, dass Moskau 2024 seine Nukleardoktrin geändert hat – und daraus folgt dann exakt nichts.
Dabei ist das der harte Teil. Bis 2020 knüpfte das russische Papier den Einsatz an einen Angriff, der die Existenz des Staates selbst bedroht. Die Fassung vom 19. November 2024 senkt das auf eine kritische Bedrohung von Souveränität oder territorialer Integrität und stellt klar: Ein Angriff durch einen Nichtkernwaffenstaat mit Beteiligung oder Unterstützung einer Atommacht gilt als gemeinsamer Angriff. Das ist keine Chiffre, das ist eine Personenbeschreibung. Dazu kommt, dass Moskau die annektierten Gebiete als eigenes Staatsgebiet führt – womit die Rückeroberung in dieser Lesart kein Kolonialkrieg an der Peripherie ist, sondern genau der Fall, für den das Papier geschrieben wurde. Man muss diese Lesart nicht teilen. Man muss sie nur kennen, bevor man Entwarnung gibt.
Zwei Wochen gespielt, eine halbe Milliarde Tote
Das Pentagon hat diese Frage nicht als Feuilleton behandelt, sondern durchgespielt. Proud Prophet lief ab dem 13. Juni 1983 zwölf Tage rund um die Uhr, mit mehreren hundert Beteiligten aus allen Teilstreitkräften, der CIA und dem Aussenministerium. Verteidigungsminister Weinberger und Generalstabschef Vessey spielten sich selbst, gespielt wurde mit der echten NATO-Doktrin MC 14/3 und einem realistischen Einsatzplan. Der Ablauf: Erst Kampfstoffe gegen Bonn, dann der Durchbruch des Warschauer Pakts, dann nukleare Artilleriegranaten kleiner Sprengkraft, dann Mittelstreckenwaffen, dann strategische Waffen gegen militärische Ziele – und am Ende die Stufe, die im Handbuch «general nuclear response» heisst. Eine halbe Milliarde Tote.
Der entscheidende Befund steht nicht in der Opferzahl. Die amerikanische Seite hatte angenommen, die Sowjets würden nach einem begrenzten Schlag einen Waffenstillstand annehmen. Sie taten es nicht, sondern antworteten massiv. Genau diese Annahme – der Gegner wird schon rational reagieren und zwar so, wie wir hoffen – ist das Fundament, auf dem heute die Entwarnung gebaut wird. Der Nachbericht des Spiels ist freigegeben und geschwärzt. Die zweite Lehre wiegt schwerer als die erste: Die Spieler unterlagen durchgehend der Spiegelbild-Täuschung, ihre Denkmodelle passten nicht zur Wirklichkeit der Gegenseite. Im Bericht steht der Satz, dass Signale, die eine Seite für einfach und eindeutig hält, von der anderen selbst im Spiel nicht verstanden werden. Genau darauf beruht heute die These vom kalkulierenden Kreml, der schon wisse, was sich lohnt – und das in einer Lage, in der gleich mehrere Bühnen gleichzeitig unter Spannung stehen.
Wie das mit heutigen Arsenalen aussieht, hat Princeton als Plan A durchgerechnet. Ein russischer Warnschuss bei Kaliningrad, eine einzige taktische Antwort der NATO, dann 300 russische und 180 westliche Sprengköpfe im Gefecht, dann die Gegenschläge auf die Atomstreitkräfte, zuletzt je die 30 grössten Städte der Gegenseite mit fünf bis zehn Sprengköpfen pro Stadt. 85,3 Mio Opfer in 45 Minuten, 91,5 Mio insgesamt, davon 34,1 Mio Tote – Fallout nicht eingerechnet. Was danach kommt, steht in Nature Food: Bei 150 Teragramm Russ in der Stratosphäre bricht die Kalorienproduktion der Hauptgetreide im dritten und vierten Jahr um rund 90 Prozent ein, über 5 Mrd Menschen verhungern. Schon das kleinste gerechnete Szenario kostet global sieben Prozent – mehr als jeder Ernteausfall seit Beginn der FAO-Aufzeichnungen 1961.
Die Gegenprobe, weil man sie machen muss
Ehrlich bleibt nur, wer auch das andere Lager zitiert. Das bisher grösste experimentelle Planspiel, 425 Durchgänge der SIGNAL-Plattform, findet keinen statistisch belastbaren Effekt zielgenauer Kleinsprengköpfe auf die Einsatzschwelle: Sie ersetzen die grossen, sie öffnen nicht die Tür. Nur misst dieses Spiel die Schwelle, nicht den Weg dahinter – und es wird von Freiwilligen auf einem Sechseckraster gespielt, nicht von Leuten mit Zugriff auf einen Einsatzplan. Wo mit echten Kommandeuren und echten Plänen gespielt wurde, 1983, 2004, 2018, kam jedes Mal dasselbe heraus. Ein begrenzter Kernwaffenkrieg ist bis heute in keinem einzigen realistischen Durchgang gelungen. Nicht einer. Wer heute über Entscheidungsketten redet, sollte zudem wissen, wie diese Ketten inzwischen automatisiert sind.
Und wenn es die Dinger gar nicht gibt?
Damit zur ketzerischen Frage, die in diesem Zusammenhang unweigerlich auftaucht. Es gibt eine Literatur, die behauptet, das ganze Arsenal sei Theater: «Death Object» von 2017 führt an, Hiroshima und Nagasaki müssten nach der offiziellen Erzählung heute Ödland sein, seien aber Grossstädte, die Schadensbilder glichen den Brandbombennächten von Dresden und Tokio aufs Haar und ein Luftfahrtfachmann habe beide Städte nach dem Krieg von anderen ausgebrannten Städten nicht unterscheiden können.
Dagegen steht keine Behörde, sondern eine Messung. Neun Granitproben aus dem Umkreis von 1200 m um den Nullpunkt in Hiroshima wurden gegengeprüft: Europium-152 per Gammaspektrometrie im Untergrundlabor Ogoya, Chlor-36 parallel an der Technischen Universität München, in Livermore und in Tsukuba. Verhältnis von Messung zu Rechnung im Mittel 0,98. Das sind Aktivierungsprodukte aus Neutronenbeschuss. Napalm erzeugt keine Neutronen, kein Feuersturm der Welt macht aus Europium im Brückenpfeiler ein Radioisotop. Wer den Schwindel behauptet, muss erklären, wer das Zeug dort hineingelegt hat.
Die Gegenwart misst mit: Am 3. September 2017 registrierten 41 primäre und 90 zusätzliche seismische Stationen plus zwei hydroakustische und eine Infraschallstation ein Ereignis in Nordkorea, Magnitude nach Nachanalyse 6,1, Fehlerellipse ±6,7 km. Das norwegische NORSAR rechnete daraus rund 120 Kilotonnen, chinesische und schwedische Institute unabhängig ebenso. Beim Test von 2013 wiesen die Radionuklidstationen im japanischen Takasaki und im russischen Ussurijsk Xenon-Isotope nach. Drei Blöcke, die einander abgrundtief misstrauen, messen dasselbe Loch im selben Berg.
Wo die Zweifler belegbar recht haben, ist woanders: Die US Air Force betrieb von 1947 bis 1969 in Laurel Canyon ein geheimes Filmstudio mit Tonbühne, Schnitträumen, Filmtresoren und Bunker und produzierte dort rund 6500 klassifizierte Filme für das Verteidigungsministerium und die Atomenergiekommission. Die Bilder waren also tatsächlich Regie. Das Ding dahinter nicht. Der unbequemere Befund lautet deshalb nicht «alles Attrappe», sondern: Man musste die Bombe nie fälschen, es genügte, das Gefühl dazu zu inszenieren – einmal als Panik, heute als Entwarnung.
Die Rechnung, die keiner aufmacht
Drei Kronzeugen, drei Fehlanzeigen: Frankreich zündete seine Bomben im Kolonialkrieg, Washington schob sie Richtung Khe Sanh, London fuhr mit einunddreissig davon in die Sperrzone. Seit 1983 liefert jeder realistische Durchlauf dasselbe Ergebnis, egal mit welcher Doktrin, egal unter welchem Präsidenten, egal wer den roten Hörer hält. Die Bombe ist das Einzige an dieser Debatte, das nie inszeniert werden musste. Wer aus fünf verlorenen Kolonialkriegen ableitet, die sechste Grossmacht werde schon stillhalten, rechnet nicht, sondern zählt bloss, wie oft die Trommel bisher leer war – und nennt dies «historische Einordnung»!










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