Es war einmal ein Land, das sich gerne als Hort der Neutralität, der Diskretion und des soliden Bürgersinns inszenierte. Ein Land mit Bankgeheimnis, direkter Demokratie und dem kollektiven Selbstbild, irgendwie besser zu sein als der Rest. Die Schweiz. Schön war’s. Denn während ihr euch noch in dieser gemütlichen Illusion gesonnt habt, hat die Swisscom – staatlich mitbesessen, wohlgemerkt – still und leise begonnen, den Himmel über euch zu kommerzialisieren. Mit Drohnen. Einem ganzen Netzwerk davon. Flächendeckend. Automatisiert. Und natürlich: für eure Sicherheit. Man muss ihnen lassen, dass sie es wenigstens zugeben. Swisscom Broadcast baut gemeinsam mit Nokia ein schweizweites Drohnennetzwerk, das automatisierte Drohnenflüge als Service anbietet – für Infrastruktur-Inspektionen, Polizei-Einsätze oder den Schutz grosser Areale. Ein One-Stop-Shop für Überwachung aus der Luft. Praktisch. Effizient. Und formuliert mit der beruhigenden Wärme eines IKEA-Katalogs.
Zur Beruhigung der Bevölkerung erklärt Swisscom-Broadcast-CEO Dominik Müller vollmundig, der Aufbau des flächendeckenden Drohnennetzwerks sei ein Meilenstein in der Entwicklung digitaler Sicherheitslösungen in der Schweiz. Ein Meilenstein. Man höre und staune. Früher waren Meilensteine Dinge wie die Erfindung des Rads oder die Abschaffung der Leibeigenschaft. Heute ist es ein Telekomunternehmen, das mit Nokia-Technologie automatisierte Augen in den Himmel schickt. Die Menschheit schreitet voran.
Das Geschäftsmodell klingt auf dem Papier harmlos genug. Derzeit führt die Swisscom bereits 3000 automatisierte Flüge pro Jahr durch – Tendenz steigend. Das Angebot soll in erster Linie für Polizeibehörden und Feuerwehren interessant sein. Rettungseinsätze, Brandschutz, Infrastrukturüberwachung. Alles gut. Alles sicher. Alles im gesetzlichen Rahmen. Das betont Swisscom mit der Regelmässigkeit eines Mantras – so oft, dass man sich unweigerlich fragt, wen sie damit eigentlich überzeugen wollen. Uns? Oder sich selbst?
Schauen wir genauer hin, was dieses Netzwerk tatsächlich kann. Die Lösung umfasst den Schutz von öffentlichen Räumen, Gefängnissen, Grenzen und polizeilichen sowie militärischen Einrichtungen. Kombiniert mit Alarmierungssensoren lässt sich das Sicherheitsniveau schützenswerter Anlagen deutlich erhöhen. Öffentliche Räume. Das seid ihr. Euer Quartier, euer Park, eure Demonstration, euer Spaziergang mit dem Hund. Alles potenziell schützenswert. Alles potenziell überwachbar. Von einer Drohne, die niemand sieht, niemand hört – aber die sehr wohl sieht und hört.
Die automatisierten Drohnen fliegen ausserhalb des direkten Sichtkontakts – sogenannte BVLOS-Flüge – und generieren dabei detailliertes Bildmaterial, das mit künstlicher Intelligenz ausgewertet wird, um signifikante Veränderungen zu erkennen. Künstliche Intelligenz, die «signifikante Veränderungen» erkennt. Was ist eine signifikante Veränderung? Ein Feuer? Eine Schlägerei? Eine nicht genehmigte Versammlung? Drei Leute mit Transparenten? Ein Arzt, der unbequeme Fragen stellt? Die Definition liegt – natürlich – beim Auftraggeber. Und der Auftraggeber ist, laut Swisscom-Eigenaussage, unter anderem die Polizei.
Genau hier liegt die Bombe, die keiner hören will. Swisscom ist kein privates Tech-Startup aus dem Silicon Valley. Swisscom ist zu mehr als der Hälfte im Besitz des Schweizer Bundes. Was bedeutet: Der Staat hat sich eine Privatfirma gebaut, die ihm Überwachungsdienstleistungen verkauft – mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass die politische Verantwortung schön verschwimmt. Nicht der Staat überwacht euch. Eine Firma überwacht euch. Im Auftrag des Staates. Mit Geld des Staates. Und unter dem Deckmantel der Sicherheit.
Der nächste logische Schritt lässt sich nicht wegdiskutieren: Wenn Polizei und Feuerwehr dieses Drohnennetz bereits heute nutzen dürfen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Staatsschutz – jene politische Polizei, die Regierungskritiker fotografiert und unbequeme Ärzte verhört – Zugang bekommt. Oder ihn bereits hat. Wer glaubt, es gebe da eine klar gezogene Linie zwischen «Rettungseinsatz» und «politischer Überwachung», hat die letzten Jahre mit verbundenen Augen verbracht.
Und Palantir? Carbyne? Die internationale Infrastruktur des digitalen Kontrollstaats, die sich still in europäische Parlamente und Sicherheitsapparate eingenistet hat? Swisscom Drohnen sind nicht isoliert zu betrachten. Sie sind ein weiteres Puzzleteil in einem Bild, das immer klarer wird: Lückenlose Erfassung, KI-gestützte Auswertung, staatlicher Zugriff – verpackt als Innovation, verkauft als Sicherheit, akzeptiert als Selbstverständlichkeit.
Swisscom verpflichtet sich, den gesetzlichen Rahmen einzuhalten – das ist der Satz, den sie bei jeder kritischen Frage aus dem Ärmel schütteln. Als wäre «gesetzlicher Rahmen» ein Naturgesetz und nicht etwas, das Regierungen nach Bedarf anpassen. Als hätten wir nicht erlebt, wie schnell in Notlagen Gesetze umgeschrieben, Grundrechte ausgesetzt und Ausnahmen zur Regel werden. Als wäre die Geschichte der letzten fünf Jahre nicht eine einzige Lektion darüber, was Staaten tun, wenn sie glauben, es geht.
Der Himmel über der Schweiz gehört also bald der Swisscom. Automatisiert, vernetzt, KI-gesteuert, rund um die Uhr. Und ihr? Ihr zahlt brav euer Abo, damit die Infrastruktur finanziert wird, die euch überwacht. Das ist keine Dystopie. Das ist der Geschäftsbericht 2024. Es wird Zeit, laut Nein zu sagen. Bevor das Surren über euren Köpfen so normal wird wie das Klingeln des Telefons…




«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








