Wir erinnern uns: Im vorangegangenen Artikel ging es um eine Theorie, die jeden Widerspruch als Beweis ihrer eigenen Richtigkeit umdeutet. Wer zustimmt, sieht. Wer zweifelt, schläft noch. Das Deutungssystem, das sich selbst immunisiert. Die neue Gnosis im Jungschen Gewand. Schön analysiert, befand man allgemein. Präzise seziert. Gut geschrieben. Jetzt kommt der nächste Text. Und man möchte kurz innehalten. Denn was hier vorliegt, ist nicht die Kritik an jenem geschlossenen Deutungssystem. Es ist seine Vollendung.
Wir erfahren: Vor sechs Jahren wurde der Menschheit ein Angebot gemacht. Ein mächtiges Bewusstseinsfeld der Kontrolle wollte die Menschheit in eine transhumanistische Richtung bewegen. Die richtigen Leute wurden in die richtigen Positionen gebracht. Es gab Planspiele, Generalproben, eine globale Inszenierung. Das Hauptziel war, Zugang zum menschlichen Körper zu bekommen. Die mRNA-Therapie war nicht Mittel, sondern Zweck. Und – hier erreicht der Text seine spirituelle Klimax – die Entscheidung für oder gegen das Experiment habe jeder bereits vor dieser Inkarnation getroffen. Man lese das noch einmal. Vor dieser Inkarnation.Die Zeitlinien hätten sich getrennt. Aufklärung mit Fakten sei deshalb sinnlos. Beide Wege seien in Ordnung. Das Ganze sei letztlich ein Katalysator des Erwachens gewesen.
Nun gut. Wo fängt man an? Fangen wir mit dem Handwerk an, denn das ist tadellos. Die Manipulation-Taxonomie, die der Text aufstellt, ist nicht falsch. Es stimmt, dass Angst ein bewährtes Werkzeug politischer Steuerung ist. Es stimmt, dass PCR-Tests methodisch umstritten waren. Es stimmt, dass Massnahmen teils ohne ausreichende Evidenzbasis eingeführt wurden. Es stimmt, dass enorme wirtschaftliche Verwerfungen stattfanden, die wenigen nützten und vielen schadeten. Diese Kritikpunkte sind legitim, dokumentiert und wichtig. Man hätte sie aufgearbeitet verdient.
Aber dieser Text hat anderes vor.
Er beginnt mit einem Bewusstseinsfeld der Kontrolle – eine Formulierung, die präzise genug klingt, um seriös zu wirken und vage genug, um nie falsifizierbar zu sein. Wer ist dieses Bewusstseinsfeld? Keine Namen. Keine Strukturen. Keine verifizierbaren Entscheidungsketten. Nur ein diffuses Machtzentrum, das plant, inszeniert und steuert – und dabei so geschickt vorgeht, dass es sechs Jahre nach dem Ereignis immer noch kein Gericht der Welt identifizieren konnte. Das ist nicht Analyse. Das ist Mythologie. Und Mythologie ist mächtiger als Analyse, weil sie das Bedürfnis nach Bedeutung befriedigt, das Fakten allein nie stillen können.
Dann die Struktur. Der Text erklärt uns, wie Massenmanipulation funktioniert: Gefahr benennen, Werte bedrohen, Angst erzeugen, die eigene Agenda als Rettung anbieten. Vier Schritte. Klar. Präzise. Man nickt. Und bemerkt dabei nicht, dass der Text selbst exakt diesen vier Schritten folgt. Die Gefahr: Ein Bewusstseinsfeld mit transhumanistischer Agenda. Das bedrohte Wertvolle: Die menschliche Freiheit, der Körper, die Seele. Die Angst: mRNA als Zweck, potenzielle Toxizität je nach Charge, dauerhafte Pharmakundschaft. Die Rettung: Das Erwachen, die getrennte Zeitlinie, die Gemeinschaft der Sehenden. Vier Schritte. Lehrbuchhaft.
Was im vorigen Text als geschlossenes Deutungssystem kritisiert wurde, erreicht hier seine elaborierteste Form. Dort war der Einwand noch durch psychologische Abwehrmechanismen erklärbar. Hier ist er bereits vorinkarnatorisch verankert. Wer der Theorie widerspricht, hat das bereits vor seiner Geburt so entschieden. Es gibt buchstäblich keine Ebene mehr, auf der ein Argument greifen könnte. Das ist nicht Offenheit des Geistes. Das ist seine hermetischste Schliessung, nur von innen tapeziert mit Erleuchtungsrhetorik. Und dann die abschliessende Grosszügigkeit: Beide Wege seien in Ordnung. Wer sich hat impfen lassen, hat eben eine andere Vorentscheidung getroffen. Man hegt keinen Groll. Man will nicht retten. Man ist drüber hinaus. Was für eine spirituelle Reife. Was für eine buddhistische Gelassenheit gegenüber den Milliarden, die nun – je nach Toxizität ihrer Charge – potenziell ertragreichere Pharma-Kunden seien.
Das ist die zynischste Formulierung im gesamten Text, verkleidet als seine mildeste. Denn entweder ist die Impfung das, was der Text behauptet – ein geplanter Zugriff auf den menschlichen Körper mit potenziell toxischen Folgen – dann ist Gleichmut gegenüber den Betroffenen keine spirituelle Reife, sondern Gleichgültigkeit von bemerkenswerter Kälte. Oder der Text übertreibt – dann ist die ganze Konstruktion eine Bedeutungsmaschine, die reale Missstände in eine Weltformel presst, die zufällig den Erzähler ins Zentrum der Sehenden stellt. Beides gleichzeitig geht nicht. Der Text wählt beides gleichzeitig.
Das eigentliche Lehrstück liegt nicht in dem, was über COVID gesagt wird. Es liegt in der Architektur des Denkens. Eine Analyse, die mit Transhumanismus-Bewusstseinsfeldern beginnt und mit vorinkarnatorischen Entscheidungen endet, hat den Bereich der Politik längst verlassen. Sie ist Theologie. Und Theologie ist immun gegen Widerspruch – das ist ihre Stärke und ihre grösste Gefahr. Der Katalysator des Erwachens, zu dem COVID erklärt wird, hat offenbar nicht alle gleich aufgeweckt. Manche hat er in einen Traum geführt, der sich nur wacher anfühlt als der vorherige.
Das ist die subtilste Form des Schlafs: Wenn man in ihm überzeugt ist, endlich zu sehen…


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








