Die NATO hat einen Friedenspreis bekommen und das Volk hat sich artig bedankt: Mit Pfiffen, Sprechchören und dem Wort «Mörder». Am 1. Oktober trat NATO-Generalsekretär Mark Rutte mit Bundeskanzler Friedrich Merz auf den Sentenzbogen des Münsteraner Rathauses und grüsste hinunter in den Lärm, als stünde dort ein Fanklub. Drinnen hatten geladene Gäste geklatscht, draussen stand die Bevölkerung, die nie gefragt wurde. Selten waren Europas Kriegsplaner so äusserst beliebt.
Einen Tag zuvor hatte Moskau dem Bündnis schriftlich mit dem gesamten Arsenal gedroht, Atomwaffen eingeschlossen. Die Antwort aus Brüssel lautete: Ruhe bewahren, weiter aufrüsten, mehr Waffen für Kiew. Ob die Europäer das wollen, fragte keiner der Herren auf dem Balkon. Die Antwort kam ohnehin ungefragt von unten.
Friedenspreis für ein Militärbündnis
Der Westfälische Friedenspreis erinnert an die Verträge von 1648, die den Dreissigjährigen Krieg in Münster und Osnabrück beendeten. 2026 ging der mit insgesamt 100’000 Euro dotierte Preis an das weltweit grösste Militärbündnis. Merz hielt die Laudatio und erklärte, die NATO zähme das Recht des Stärkeren. Den «revisionistischen, expansiven Grossmachtanspruch Russlands» nannte er die grösste Gefahr für den Frieden, Deutschland sei «willens, fähig und bereit» zu mehr Verantwortung. Applaus im Saal erntete er ausgerechnet, als er gegen die AfD und deren angebliche «russische Hintermänner» austeilte. WWL-Chef Reinhard Zinkann ergänzte, Frieden benötige Menschen, die bereit seien, auch für ihn zu kämpfen. Wessen Söhne er meinte, sagte er nicht.
Vor dem Rathaus standen laut Lokalpresse rund 150 Gegner der Preisvergabe, der Prinzipalmarkt war von 10:30 Uhr bis in den Abend gesperrt. Die offizielle NATO-Bildergalerie zum Tag zeigt 18 Fotos: Pressekonferenz, Soldaten, Festsaal, Händedrücke. Keine einzige Bildunterschrift erwähnt den Balkon oder die Menge davor. Was nicht im Bild ist, hat nicht stattgefunden – Friedensarbeit im Zeitalter der Pressestelle.
Kaliningrad: Der Ton wird nuklear
Am 30. September verschickte Moskau ein Schreiben an die Mitgliedstaaten: Bereite die NATO eine Luft- und Seeblockade Kaliningrads vor, setze Russland sein gesamtes Arsenal ein, Atomwaffen eingeschlossen. Die Exklave zwischen Polen und Litauen beherbergt die Baltische Flotte und atomwaffenfähige Iskander-Raketen. Polen hat nach mutmasslichen Luftraumverletzungen seine Flugabwehr hochgefahren, ein russisches Kriegsschiff feuerte laut dänischen Behörden zwei Leuchtraketen in der Nähe eines dänischen Militärhelikopters ab.
Den NATO-Generalschuhputzer brachte das nicht aus der Ruhe. Auf dem Verteidigungsgipfel von Euronews forderte Rutte, Moskau solle die nuklearen Drohungen lassen, Putin wisse, dass er gegen die NATO niemals gewinnen könne. Die Stimmung im Bündnis sei die beste, die es je gab. Als Erfolgsmeldung lieferte er gleich mit, Russland verliere in der Ukraine monatlich rund 43’000 Mann an Toten und Schwerverletzten. Sein Rezept gegen jede neue Provokation: Mehr Unterstützung für die Ukraine, nicht weniger. Moskau droht mit dem Weltuntergang, Brüssel antwortet mit dem Bestellschein und beide Seiten verkaufen das als Abschreckung.
Das Volk klatscht nicht mit
Wie beliebt die Balkonherren sind, kann gemessen werden, ausgerechnet mit Zahlen der Bundeswehr. In der aktuellen Befragung ihres Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften erklären nur 35 Prozent, sie würden Deutschland im Angriffsfall mit der Waffe verteidigen. Als grösste Bedrohung nennen 77 Prozent steigende Preise, die Spannungen mit Russland nur noch 52 Prozent, neun Punkte weniger als im Vorjahr. Ein stärkeres Engagement an der NATO-Ostflanke wollen 38 Prozent, Kampfeinsätze der Bundeswehr befürworten 32 Prozent, 36 Prozent lehnen sie ab. Diplomatische Verhandlungen halten dagegen 86 Prozent für richtig. 37 Prozent meinen, die NATO habe mit ihrer Osterweiterung selbst zum Konflikt beigetragen, nur 30 Prozent widersprechen. Der Bundesregierung vertraut gerade noch die Hälfte, elf Punkte weniger als vor einem Jahr.
Zur Gegenprobe: Zwei Drittel sehen Russland weiterhin als Bedrohung und 55 Prozent befürworten einen deutschen Waffengang, falls Russland ein östliches NATO-Land angreift. Angst vor dem Kreml und Lust auf Krieg sind eben zwei verschiedene Dinge. Europaweit sieht es nicht anders aus: In einer Umfrage in 15 Ländern lehnen Mehrheiten in Deutschland, Frankreich und Polen eigene Truppen in der Ukraine sogar nach einem Friedensschluss ab. Wie wenige ein ganzes Volk kriegstüchtig reden, liess sich in Münster live besichtigen: Ein Saal voller Würdenträger gegen einen Platz voller Bürger. Bluten werden am Ende wie immer nicht die Kinder der Kriegsherren.
Der Litauer, der nach Beweisen fragte
Den peinlichsten Moment der Woche lieferte nicht Moskau, sondern ein Verbündeter. Am 29. September stand Litauens Ministerpräsident Mindaugas Sinkevičius neben Rutte in Brüssel und berichtete, er habe den Generalsekretär gefragt, ob die Geheimdienste echte Beweise für russische Angriffsvorbereitungen hätten. Solche Daten gebe es schlicht nicht, man dürfe die Gefahr nicht übertreiben. Ein Regierungschef, dessen Land an Kaliningrad grenzt, findet also keinen Beleg für jene Bedrohung, mit der Merz und Rutte Milliarden lockermachen. Prompt lobte ihn Putins Sondergesandter Kirill Dmitriev, Vilnius tat das Lob als Propaganda ab. Rutte selbst bestätigte tags darauf, es gebe keine unmittelbare Bedrohung für NATO-Gebiet. Gerüstet wird trotzdem, als rollten die Panzer schon durch die Suwalki-Lücke. Für alle, die das nicht mittragen wollen, gilt längst: Wer Nein sagt, wird eingesperrt, wer Ja sagt, wird eingezogen.
Pfeifkonzert für die Friedensfürsten
Europas Regierungen bereiten einen Krieg vor, den ihre Bevölkerungen erkennbar nicht wollen und verleihen sich dafür gegenseitig Friedenspreise. 35 Prozent würden kämpfen, 86 Prozent wollen verhandeln, die Preisträger stehen geschlossen auf dem Balkon. 1648 schlossen Diplomaten in Münster Frieden, weil die Völker ausgeblutet waren, 2026 feiern Politiker dort ein Militärbündnis, bevor das Bluten beginnt. Wer so äusserst beliebt ist, benötigt keine Umfragen, nur Absperrgitter. Und wenn die Herren auf dem Sentenzbogen das nächste Mal hinunterwinken, sollten sie genau hinhören, denn unten steht die Armee, die sie an die Front schicken wollen!










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