Es gibt Aussagen, die so offen, so unverfroren und so selbstsicher vorgetragen werden, dass man kurz überlegen muss, ob man gerade Satire liest oder Realität. Fleur Hassan-Nahoum, Israels Sonderbeauftragte für Handel und Innovation sowie ehemalige Vize-Bürgermeisterin von Jerusalem, liefert eine solche Aussage in einem Video-Interview mit dem Shirion Collective – und sie meint jedes Wort ernst: «Wir werden Sie mithilfe von Google überwachen, Ihre Sicherheitslücken aufdecken, Sie entlassen lassen oder – falls Sie ein Unternehmen besitzen – Sie in den Ruin treiben.»

Kopfgeld auf Kritiker: Wie eine israelische Staatsbeamtin das Doxing zur Aussenpolitik erklärt

Man lasse das kurz wirken. Eine offizielle Vertreterin eines Staates, der sich regelmässig auf westliche Demokratie- und Freiheitswerte beruft, erklärt in aller Seelenruhe, wie man Kritiker via digitale Überwachung, Jobverlust und wirtschaftliche Vernichtung zum Schweigen bringt. Keine hinter verschlossenen Türen geflüsterte Drohung – ein öffentliches Interview, mit erkennbarem Stolz vorgetragen. Willkommen in der neuen Diplomatie.

Was das Shirion Collective ist – und was es tut
Die Gruppe, mit der Hassan-Nahoum so demonstrativ kooperiert, bezeichnet sich selbst als pro-israelisches Überwachungsnetzwerk. Ihr erklärtes Ziel: Die Identifizierung und Blossstellung anonymer Nutzer, die sich kritisch zur israelischen Politik äussern. Die Methoden dafür sind eindeutig: Doxing – das Sammeln und öffentliche Verbreiten privater Daten – gezielte Kampagnen gegen Arbeitgeber und Geschäftspartner, und ein gestaffeltes Kopfgeld-Programm, das intern und auf X unter dem Namen «Insiders Against Antisemitism» beworben wurde.

Die Prämien sind nach sozialem Status gestaffelt – wer würde auch für einen Studenten so viel zahlen wie für einen Politiker? Studenten bringen 500 bis 1500 US-Dollar. Ärzte bis zu 7500. Politiker bis zu 10’000, teilweise 15’000 Dollar. Bezahlt wird für Insider-Informationen, die zur Identifizierung von Personen führen, welche die Gruppe als «Antisemiten» oder «Hamas-Unterstützer» klassifiziert — eine Kategorie, die in der Praxis häufig einfach Teilnehmer an Pro-Palästina-Demonstrationen umfasst. Das Kollektiv behauptete mehrfach öffentlich, diese Gelder tatsächlich ausgezahlt zu haben.

Hinter der Gruppe steckt laut einer investigativen Recherche des Guardian ein Tech-Unternehmer namens Daniel Linden aus Florida. Und weil manuelle Überwachung im digitalen Zeitalter ineffizient ist, hat das Shirion Collective vorgesorgt: Eine KI namens «Maccabee» soll Gesichter in Videos erkennen und automatisch mit Social-Media-Profilen abgleichen. Automatisierte Gesichtserkennung im Dienst organisierter Kritiker-Jagd – Innovation, wie Hassan-Nahoum sagen würde.

Kopfgeld auf Kritiker: Wie eine israelische Staatsbeamtin das Doxing zur Aussenpolitik erklärt

Die Chuzpe der Legitimierung
Was dieses Video über alles andere hinaus brisant macht, ist nicht allein das Shirion Collective selbst. Solche Gruppen existieren, in verschiedenen ideologischen Färbungen, in verschiedenen Ländern. Was es singulär macht: Eine offizielle Staatsvertreterin — Sonderbeauftragte für Innovation, wohlgemerkt — legitimiert dieses Vorgehen öffentlich, bezeichnet es als notwendige Antwort auf Antisemitismus und erklärt es damit de facto zur gebilligten Methode israelischer Interessenvertretung im Ausland.

Das ist keine Randgruppe, die eigenständig operiert und gelegentlich zu weit geht. Das ist eine Kooperation mit offiziellem Segen, demonstrativ nach aussen getragen. Wer Kritik an israelischer Politik äussert – ob in Deutschland, der Schweiz, den USA oder Grossbritannien – soll wissen: Es gibt eine staatlich tolerierte, mit KI ausgestattete, finanziell motivierte Infrastruktur, deren erklärter Zweck seine berufliche und wirtschaftliche Vernichtung ist.

Menschenrechtsorganisationen nennen das, was das Shirion Collective betreibt, eine systematische Einschüchterungskampagne zur Unterdrückung unliebsamer politischer Meinungen im Ausland. Hassan-Nahoum nennt es Innovation. Es ist beides – im technischen Sinne. Eine innovative Methode der Einschüchterung.

Das grössere Bild
Man sollte an dieser Stelle nicht naiv tun. Digitale Überwachung von Andersdenkenden, staatlich geduldete oder aktiv geförderte Doxing-Operationen, KI-gestützte Gesichtserkennung gegen politische Gegner – das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Verschiedene Akteure in verschiedenen Ländern operieren mit ähnlichen Instrumenten. Der Unterschied liegt in der Unverblümtheit, mit der es hier vorgetragen wird.

Hassan-Nahoum entschuldigt sich nicht. Sie erklärt nicht, die Aussage sei aus dem Kontext gerissen. Sie stellt sich nicht als Missverständnis dar. Sie sagt, was sie sagt, und meint es. Das verdient eine entsprechende Klarheit in der Einordnung: Was hier beschrieben wird, ist das organisierte, technologisch ausgerüstete, finanziell incentivierte Zum-Schweigen-Bringen von Menschen, die eine andere politische Meinung haben – ausgeführt auf fremdem Territorium, mit dem Ziel der Existenzvernichtung.

Wer das Antisemitismus-Bekämpfung nennt, dehnt den Begriff so weit, bis er das genaue Gegenteil von dem bedeutet, was er bedeuten soll: Schutz von Menschen vor pauschaler Verfolgung aufgrund ihrer Zugehörigkeit oder Überzeugung. Was das Shirion Collective betreibt, ist pauschale Verfolgung aufgrund politischer Überzeugung – mit Kopfgeld, KI und dem Segen einer Staatsbeamtin.

Maccabee läuft. Die Gesichter werden abgeglichen. Die Konten werden angelegt.

Für den Fall, dass jemand noch der Meinung war, politische Meinungsäusserung im Internet sei ein risikofreier Akt in einer freien Gesellschaft: Das Video von Fleur Hassan-Nahoum ist die Antwort darauf.

Kopfgeld auf Kritiker: Wie eine israelische Staatsbeamtin das Doxing zur Aussenpolitik erklärt
Kopfgeld auf Kritiker: Wie eine israelische Staatsbeamtin das Doxing zur Aussenpolitik erklärt

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