Kanada hat sein Gesundheitswesen um eine Versorgungsstufe erweitert, von der kein Dystopie-Autor zu träumen wagte: Wer zu teuer, zu langsam oder zu mühsam ist, bekommt keine Pflege, sondern ein Angebot. Es heisst «Medical Assistance in Dying», kurz MAiD, klingt nach Zimmerservice und ist die effizienteste Kostenbremse der westlichen Welt – eine Spritze ist billiger als ein Jahrzehnt Betreuung. Was 2016 als Gnadenakt für Sterbende verkauft wurde, läuft heute als staatlich verwaltetes Entsorgungsprogramm für die Unrentablen. Und der Rest der Welt schaut nicht entsetzt zu, sondern macht sich Notizen.
Eine Kurve wie aus dem Businessplan
Die Belege liefert der Täter gleich selbst: Laut dem sechsten Jahresbericht von Health Canada starben 2024 rund 16’500 Menschen durch das staatliche Sterbeprogramm – 5,1 Prozent aller Todesfälle, jeder zwanzigste Tote im Land. Seit der Legalisierung 2016 summiert sich die Bilanz auf mehr als 76’000 beendete Leben, Tendenz Jahr für Jahr steigend. Der Bericht nennt das Wachstum von 6,9 Prozent allen Ernstes eine «Stabilisierung» – so wie ein Waldbrand sich stabilisiert, wenn er nur noch einen Hektar pro Stunde frisst. Zur Erinnerung: Gestartet war das Programm mit ein paar Hundert Fällen, in Spitzenjahren legte es um mehr als 30 Prozent zu. Besonders munter wächst das Gleis 2 für Menschen, deren Tod gar nicht absehbar ist: Gut 730 Fälle allein 2024, deutlich mehr als im Vorjahr. Der Bericht verrät auch, was die Antragsteller in den Tod treibt – neben Schmerzen stehen Einsamkeit, Isolation und das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, prominent im Motivkatalog. Ein Sozialstaat, der Einsamkeit mit einer Ampulle behandelt, hat seine Stellenbeschreibung kreativ ausgelegt. Und die Arbeit erledigt eine eingespielte Truppe: Gut 100 Ärzte und Pflegefachpersonen zeichneten für mehr als 6000 dieser Tötungen verantwortlich – im Schnitt 60 pro Kopf und Jahr, also gut eine pro Woche. Töten als Wochenroutine mit Feierabend um fünf. Wer angesichts solcher Zahlen noch mit erfundenen Millionen-Prognosen hausieren geht, benötigt sie gar nicht – die amtliche Kurve ist Skandal genug.
Zwei Gleise, ein Fahrplan
Die Architektur folgt dem klassischen Dammbruch-Drehbuch. 2016 galt die Todesspritze nur für Menschen, deren Ableben «vernünftigerweise absehbar» war – die Gnade für Krebspatienten im Endstadium, mit der man jede Sterbehilfe-Debatte eröffnet. Dann kippte 2019 ein Gericht in Quebec diese Schranke und Ottawa verzichtete demonstrativ auf die Berufung. Seit 2021 existiert Gleis 2: Chronisch Kranke und Behinderte, die noch Jahrzehnte leben könnten. Ab März 2027 genügt eine rein psychische Erkrankung. Depression als Todesurteil, unterschrieben vom Patienten selbst, abgestempelt vom Staat. Wie weit das Land damit vom zivilisatorischen Minimum entfernt ist, zeigt ein Detail: Ausgerechnet der UNO-Behindertenrechtsausschuss – nicht als Hort der Systemkritik bekannt – verlangte im März 2025 die komplette Abschaffung von Gleis 2, weil es auf der Annahme fusse, Leiden stecke in der Behinderung statt in Armut und verweigerter Unterstützung. Derselbe Ausschuss warnte gleich noch vor den nächsten Ausbaustufen, die in Ottawa bereits diskutiert werden: Todesspritzen für «reife Minderjährige» und Tötung auf Vorrat per Patientenverfügung. Der Fahrplan liegt also längst auf dem Tisch, es fehlt nur noch der Stempel. Genau diese Rechnung, wonach Alte und Kranke schlicht zu viel kosten, wird in Kanada nicht mehr geflüstert, sondern budgetiert.
Der Mann, der partout nicht sterben will
Wie sich das System am lebenden Objekt anfühlt, führt ein Fall aus Ontario vor. Roger Foley, schwerbehindert durch eine fortschreitende Nervenkrankheit, liegt seit 2016 in einem Spital in London und will nur eines: Nach Hause, mit selbstbestimmter Pflege. Statt der Pflege bekam er Tonbänder voller Fürsorge – er zeichnete Gespräche auf, in denen ihm Spitalpersonal den begleiteten Tod nahelegte und vorrechnete, ein Verbleib koste ihn nördlich von 1500 kanadischen Dollar pro Tag. Deine Pflege sprengt das Budget, aber für deine Beseitigung ist immer Geld da. Foley verklagte Spital, Gesundheitsbehörden, Ontario und den Bundesstaat – und liegt fast ein Jahrzehnt später immer noch dort. 2025 entfernte das Spital die Speziallichtanlage, auf die der extrem lichtempfindliche Mann angewiesen ist, worauf er vor das Menschenrechtstribunal von Ontario zog. Seither beschreibt er sein Dasein am Tropf: Dehydriert, unterernährt, mit zusammengeklebten Skibrillen als selbst gebautem Lichtschutz, während unabhängige Pflegekräfte per Spendengelder finanziert werden müssen, damit er trinken kann. Ein Staat, der einem Mann das Wasser rationiert und ihm gleichzeitig die Todesspritze offeriert, betreibt keine Medizin mehr, sondern Zermürbung mit Ausgang nach unten.
Pilotmarkt mit Vorbildfunktion
Das Perfide daran: Nichts davon ist Systemversagen. Das System funktioniert exakt wie gebaut – Pflege kostet Milliarden, eine Ampulle kostet Rappen und die Warteliste löst sich von selbst auf. Kanada testet im Massstab eins zu eins, wie weit sich ein Tötungsprogramm dehnen lässt, bevor die Bevölkerung aufwacht: Erst die Sterbenden, dann die Behinderten, ab 2027 die Verzweifelten. Ein Land, das aus dem Töten längst ein Geschäftsmodell mit Anschlussverwertung entwickelt hat, liefert damit die Blaupause frei Haus – und die Parlamente von London bis Paris blättern bereits eifrig darin. Die Gnade war nie das Ziel, sie war der Türöffner. Man hat Programme dieser Art schon einmal mit Barmherzigkeit plakatiert und die Geschichtsbücher führen sie heute unter Verbrechen. Wer den Wert eines Menschen in Pflegekosten pro Tag misst, hat die Medizin abgeschafft und die Buchhaltung zum Chefarzt befördert. Erst kommt das Mitgefühl, dann das Formular, am Ende rollt das Modell um den Globus – und nennt sich «Würde»!











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