Auf einer Karibikinsel steht ein 14-stöckiger Turm im abgeholzten Hügelhang, dahinter ein Schlagbaum mit bewaffnetem Wachpersonal, davor ein Fischerdorf ohne fliessendes Wasser. Wer hinein will, unterschreibt einen Vertrag. Wer drinnen wohnt, zahlt Gebühren statt Steuern, wählt nach Grundbesitz statt nach Kopf und lässt sich für 25’000 Dollar eine Gentherapie spritzen, die keine Gesundheitsbehörde dieser Welt zugelassen hat. Das Ganze heisst Próspera, liegt auf Roatán vor der Küste von Honduras und wird von seinen Erbauern als die Zukunft der Zivilisation verkauft.

Das Zukunftsmodell der Superreichen: Sie nennen es Freiheit, gemeint sind Vertragsbedingungen

Gegründet wurde das Gebilde 2017 als sogenannte Sonderwirtschaftszone, eine ZEDE, ausgestattet mit eigener Gerichtsbarkeit, eigener Regulierung und der Befugnis, sich praktisch jedes Gesetz selbst zu schreiben. Betrieben wird es von einer Firma mit Sitz in Delaware. Finanziert wurde es von Männern, deren Namen du kennst, auch wenn du sie nie gewählt hast.

Der Staat als Abonnement mit Kündigungsfrist
Der geistige Architekt dieses Modells ist ein deutscher Unternehmer, der sein Vermögen mit Rohstoffen gemacht hat und heute in Monaco lebt. Seine Idee der freien Privatstädte ist von bestechender Schlichtheit: Ein gewinnorientiertes Unternehmen garantiert dir Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum, du bezahlst dafür eine Gebühr und wenn dir etwas nicht passt, verklagst du den Betreiber oder ziehst weg. Demokratie kommt in diesem Modell nicht vor, weil sie den Denkfehler enthält, dass Leute mitreden dürfen, die nichts eingezahlt haben.

Das ist keine Unterstellung von aussen, das ist das Verkaufsargument. Peter Thiel, Palantir-Gründer und der vielleicht einflussreichste Milliardär des Silicon Valley, hat bereits 2009 in einem Aufsatz öffentlich erklärt, er halte Freiheit und Demokratie nicht mehr für vereinbar. Wer wissen will, wohin diese Haltung führt, wenn sie Kapital und Rechenzentren im Rücken hat, findet die längere Fassung in Peter Thiels Republik. Neben ihm stehen der Risikokapitalgeber Marc Andreessen, der Coinbase-Gründer Brian Armstrong und Patri Friedman, Spross der bekanntesten Ökonomen-Dynastie des Neoliberalismus, dessen Fonds den Betreiber der Insel-Stadt finanziert.

Das Zukunftsmodell der Superreichen: Sie nennen es Freiheit, gemeint sind Vertragsbedingungen

Ein Wahlrecht nach Quadratmetern
Regiert wird Próspera von einem Rat mit neun Sitzen. Vier davon besetzt die Betreiberfirma direkt. Vier weitere wählen die Einwohner, wobei zwei dieser Sitze den Grundeigentümern zufallen und deren Stimmgewicht sich am Landbesitz bemisst. Den letzten Sitz vergibt der Rat an sich selbst. Man muss kein Staatsrechtler sein, um darin ein Dreiklassenwahlrecht aus dem 19. Jahrhundert wiederzuerkennen, bloss dieses Mal mit Solarpanels und Krypto-Wallets. Rund tausend Zuzüger leben real vor Ort, dazu kommen etwa 12’000 sogenannte E-Residents, die per Klick Bürger geworden sind, ohne je einen Fuss auf die Insel gesetzt zu haben. Der ideale Souverän zahlt, meldet sich nie zu Wort und verstopft keinen Parkplatz.

Das Labor für alles, was daheim verboten ist
Der wirtschaftliche Reiz dieser Zone liegt nicht in der Sonne, sondern im Fehlen von Aufsicht. Eine Biotechfirma betreibt dort Versuche mit einer Plasmid-Gentherapie gegen das Altern, die in den USA nicht zugelassen ist. Die zugehörige Studienregistrierung führt bei der Frage nach behördlicher Aufsicht schlicht ein Nein. Ein Stanford-Genetiker bezeichnete die dazu veröffentlichte Vorabpublikation als Betrug, was den prominentesten Kunden nicht daran hinderte, seinen Muskelzuwachs auf allen Kanälen zu feiern. Daneben lassen sich Herren mittleren Alters Chips implantieren und handeln unreguliert mit Kryptowährungen. Fortschritt, so lernen wir, ist der Zustand, in dem niemand mehr Nein sagen darf.

Die Rechnung kommt per Schiedsgericht
Dann geschah das Unerhörte: Ein Land bekam kalte Füsse. Das Oberste Gericht von Honduras erklärte die Rechtsgrundlage der Sonderzonen im September 2024 für verfassungswidrig, mit acht zu sieben Stimmen. Die Antwort der Freiheitsfreunde war kein Umzug, sondern eine Klage vor einem internationalen Schiedsgericht über bis zu 10,775 Milliarden Dollar. Das entspricht rund zwei Dritteln des Jahresbudgets eines der ärmsten Länder der Region. Honduras trat daraufhin aus dem Schiedsregime aus und im August 2026 wieder ein, das Verfahren läuft weiter. Der freie Markt regelt sich hier über Anwälte in Washington.

Das Zukunftsmodell der Superreichen: Sie nennen es Freiheit, gemeint sind Vertragsbedingungen

Die Leute, die schon da waren
Direkt neben dem Turm liegt Crawfish Rock, ein Dorf mit einigen Hundert Bewohnern, viele davon Garífuna. Sie wurden nie gefragt, ob sie neben einem privaten Stadtstaat leben möchten. Als ihre Wasserversorgung ausfiel, hängte die Zone das Dorf an ihren eigenen Tank. Als die Dorfbewohner danach ihr altes System wiederherstellen wollten, drehte sie den Hahn zu. Freiwilligkeit heisst offenbar: Du darfst jederzeit gehen, du kannst nur nirgendwo hin.

Der Freisinnige mit dem Zweitwohnsitz im Minimalstaat
Und nun der Teil, bei dem es hierzulande unangenehm wird. Zu den ersten Geldgebern dieses antidemokratischen Experiments gehört ein Schweizer Nationalrat der FDP, Konzernchef eines Medizinaltechnikunternehmens, dessen Familienvermögen auf rund fünf Milliarden Franken geschätzt wird. Rund eine Million Dollar hat er nach eigenen Angaben in Próspera gesteckt. Derselbe Mann kämpft daheim an vorderster Front für die bilateralen Verträge, warb für höhere Unternehmenssteuern zugunsten der Armee und schimpfte auf X (früher Twitter) über Herren, die sich gegen unsere Institutionen aussprechen. Auf Nachfragen zu den demokratiefeindlichen Aussagen seiner Mitinvestoren antwortete er nicht mehr. Institutionen sind eben das, was man im Inland verteidigt, damit der Laden ruhig bleibt, während man die eigene Zukunft dort einkauft, wo es keine gibt, samt der Datenschicht aus demselben Milieu.

Das Kleingedruckte deiner Zukunft
Die Reichsten der Welt haben durchgerechnet, dass Mitbestimmung teurer ist als Umzug und bauen sich deshalb Länder wie andere Leute Ferienhäuser. Sie nennen es ein staatspolitisches Experiment, meinen aber eine Firma mit Flagge, in der du Kunde bist statt Bürger und Kunden haben bekanntlich keine Rechte, sondern Vertragsbedingungen. Bislang ist noch jedes dieser Projekte gescheitert, was die Anleger nicht ärmer machte, weil die Rechnung am Schluss immer der Staat bezahlt, den sie überwinden wollten. Und während in Bern über Institutionen gepredigt wird, wird in der Karibik am Modell gebaut, das sie ersetzt und das Ganze nennt man dann «unternehmerische Freiheit»!

Das Zukunftsmodell der Superreichen: Sie nennen es Freiheit, gemeint sind Vertragsbedingungen

Transparenzhinweis: Illustrationen wurden digital erstellt und dienen der Veranschaulichung. Der Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet.

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