Nie zuvor wurde so viel Empathie gepredigt und so wenig davon verteilt. Auf jedem Plakat prangt Vielfalt, in jeder Talkshow fällt das Wort Respekt, jede Verwaltung leistet sich eine Fachstelle für Achtsamkeit. Doch wehe dem, der laut anders denkt: Innert einer Stunde verwandelt sich die Gemeinde der Mitfühlenden in eine Meute mit Fackeln, Hashtags und der Telefonnummer seines Arbeitgebers. Verständnis gibt es nur noch für jene, die keines benötigen, weil sie ohnehin zustimmen.
Das ist keine Randerscheinung, sondern Geschäftsordnung. Diese Gesellschaft trägt das Herz am Revers und die Faust in der Tasche – und merkt nicht einmal, dass beides zur selben Uniform gehört.
Toleranz mit Türsteher
Laut offizieller Lesart leben wir im aufgeklärtesten, sensibelsten, inklusivsten Zeitalter, das die Menschheit je hervorgebracht hat. Laut Realität fliegt der Onkel von der Gästeliste, weil er beim Raclette die falsche Frage gestellt hat. Man beschwört den Dialog und meint den Monolog, man rezitiert Weltoffenheit und verriegelt die eigene Blase von innen. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern etikettiert und das Etikett ersetzt jedes Argument. Jeder kennt den Satz, den man am Tisch lieber verschluckt, bevor die Wärme der Runde kippt. Kein Gericht verbietet ihn, das erledigt die Angst vor der Kälte im Raum zuverlässiger als jeder Paragraf.
Am giftigsten wird die Heuchelei dort, wo sie sich am lautesten selbst lobt. Dieselben Leute, die jedem Gefühl ein Schutzrecht zubilligen, wünschen Andersdenkenden öffentlich den Stellenverlust, den sozialen Tod und gelegentlich auch den echten. Empathie ist zur Währung geworden, die nur im eigenen Lager gilt. Ausserhalb davon wird sie nicht gewechselt, sondern beschlagnahmt. Wer an der Kundgebung für Toleranz das falsche Schild hochhält, wird von den Toleranten ausgepfiffen und am Abend im Netz vorgeführt, mit Foto, Namen und dem freundlichen Hinweis an seinen Chef.
Die Gesinnungsapotheke
Die Rezepte dafür stellen die Redaktionen aus. Früher hiess die Presse Wachhund, heute bellt sie die Bürger an und wedelt vor der Regierung. Für jede Abweichung liegt das passende Präparat im Regal: Schwurbler, Leugner, Versteher, Verschwörungsideologe. Eine Prise davon in die Schlagzeile und der Mensch dahinter ist erledigt, bevor er einen ganzen Satz gesprochen hat. Gleichzeitig deuten dieselben Häuser Planspiele, in denen jeder Durchgang in der totalen Vernichtung endet, zur Beruhigungspille um. Wer warnt, ist Panikmacher, wer beschwichtigt, ist Experte. Das Publikum schluckt die Pillen brav und bedankt sich mit Abonnement, Gebührenrechnung und Applaus in den Kommentarspalten. Gezwungen wird niemand, man nimmt die Dosis freiwillig, weil der Beipackzettel verspricht, dass man damit zu den Guten gehört.
Dabei lebte jede Gesellschaft, die vorankam, von ihren Störenfrieden. Ignaz Semmelweis liess ab 1847 an der Wiener Geburtsklinik die Hände in Chlorkalklösung desinfizieren und die Sterblichkeit der Wöchnerinnen fiel von rund 18 auf rund 2 Prozent. Zum Dank verlängerte sein Vorgesetzter 1849 den Vertrag nicht, die Kollegen verlachten ihn und 1865 starb er in der Landesirrenanstalt Döbling. Heute bekäme er keinen Lehrstuhl, sondern einen Faktencheck. Eine Gesellschaft, die ihre Abweichler ausstösst, baut sich die Bremsen aus und verwechselt das Ergebnis mit Fortschritt.
Bremsen raus, Vollgas in die Wand
Die Folgen sind längst messbar. Deutschland hat sich mit einer Energiewende, die niemand mehr kritisieren durfte, die höchsten Haushaltsstrompreise der EU eingehandelt und die Industrie stimmt mit den Füssen ab. Wer vor Jahren vor genau diesem Ausgang warnte, galt als Klimaleugner. Heute gilt er als vergessen, denn Recht behalten ist in dieser Gesellschaft kein Verdienst, sondern ein weiteres Vergehen. Parallel türmen die Staaten Schulden auf Schulden, bezahlen die Gegenwart mit der Zukunft ihrer Kinder und erklären jeden, der nach der Rückzahlung fragt, zum Populisten. Die Rechnungen steigen, die Betriebe ächzen, doch in den Nachrichten läuft Zuversicht in Dauerschleife. Der Patient liegt auf der Intensivstation und das Bulletin meldet stabile Werte.
Die Schweiz spielt dieselbe Partitur, bloss mit Alphorn. Seit dem Frühjahr 2022 übernimmt sie die Sanktionen Brüssels und seit dem 7. März 2022 führt Moskau sie per Regierungsdekret auf der Liste der unfreundlichen Staaten, im selben Regal wie die USA und die gesamte EU. Am 27. September haben rund sieben von zehn Stimmenden die Neutralität in der Verfassung abgelehnt, während der Bundesrat die Verteidigung «in Kooperation» bereits zum Staatsziel erklärt hatte. Neutral ist nur, wen beide Seiten dafür halten. Wer sich bloss selbst so nennt, ist ein Vermittler ohne Mandat, eine Postkartenkulisse mit Bankleitzahl, an deren Tisch sich keine Konfliktpartei mehr setzt. Gefeiert wird trotzdem, ausgerechnet von jenen Leitartiklern, die bei jeder Gelegenheit vom Brückenbauen schwärmen und nun applaudieren, während die letzte Brücke gesprengt wird.
Kanzelreden ins Leere
Wer da noch argumentiert, verschwendet Atem an eine Gemeinde, die ihre Predigt auswendig kann und jeden Zwischenruf als Gotteslästerung verbucht. Überzeugen lässt sich diese Gesellschaft nicht mehr, belehren wird sie allein die Wirklichkeit und die stellt ihre Rechnung erfahrungsgemäss ohne Mahnung zu. Ein erheblicher Teil der Gemeinde bemerkt nicht einmal, dass das Gebälk knirscht, hält das Ächzen für Orgelmusik und summt mit. Bis dahin gehört die Zeit den Plänen für danach, nicht den Debatten mit jenen, die das Problem für die Lösung halten. Denn wenn der Lärm verstummt, werden nicht die Prediger benötigt, sondern jene, die in der Zwischenzeit etwas gebaut haben.
Eine Gesellschaft, die ihre Kritiker exkommuniziert, fährt sehenden Auges gegen die Wand und klatscht beim Aufprall. Sie predigt Verständnis und versteht nichts, sie fordert Respekt und zimmert Pranger. Semmelweis starb in der Irrenanstalt, seine Spötter in Amt und Würden, Recht behalten hat trotzdem er. Wer zu dieser Gesellschaft spricht, redet mit einem Spiegel, der sich für ein Fenster hält. Lass die Prediger predigen und schmiede die Pläne für den Tag, an dem ihre Kirche leer steht!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







