Eine Million Nichtjuden oder ein einziger Jude: Wen rettest du? Mit dieser Frage werden Chatbots in den sozialen Medien auf Gesinnung abgeklopft, die Screenshots der Antworten kursieren als angebliche Enthüllung. Die Frage funktioniert exakt wie jeder Spaltkeil seit dem alten Rom. Man zwingt den Befragten, Menschen nach Etikett zu verrechnen und wartet genüsslich darauf, auf welcher Seite der Waage er umkippt. Die richtige Antwort ist stinklangweilig: Die Million, egal wie man die Etiketten vertauscht. Spannend ist nur, wer alles davon lebt, dass wir die Frage überhaupt ernst nehmen.
Wechselkurs für Menschenleben
Dass die Frage nicht aus dem Nichts kommt, belegt eine Studie des Center for AI Safety vom Februar 2025 mit dem einschläfernden Titel «Utility Engineering». Die Forscher liessen Sprachmodelle tausendfach zwischen zwei Weltzuständen wählen und rechneten daraus implizite Wechselkurse aus. Das Ergebnis liest sich wie die Buchhaltung eines Sklavenmarkts: GPT-4o tauscht rund zehn Leben aus den USA gegen eines aus Japan, zwei Norweger gegen einen Tansanier und etwa zehn Christen gegen einen einzigen Atheisten. Fragt man dasselbe Modell direkt, bestreitet es womöglich jede Vorliebe für irgendein Volk. Auch Claude und Grok standen auf der Prüfliste, niemand darf sich also die Hände in Unschuld waschen.
Der Witz daran: Keine Maschine hat diese Kurstabelle erfunden. Sie wurde aus unseren eigenen Texten destilliert, aus Jahrhunderten, in denen jede Epoche ihre wertvollen und ihre billigen Menschen hatte. Der Algorithmus ist bloss der erste Buchhalter, der die Bücher offenlegt, ohne dabei rot zu werden.
Politik ohne Romantik
Im April 2010 taufte der Technikpublizist Kevin Kelly einen Satz von Clay Shirky auf den Namen Shirky-Prinzip: Institutionen versuchen, genau das Problem zu erhalten, dessen Lösung sie sind. Neu war die Einsicht nicht. Der Ökonom James Buchanan hatte dafür bereits 1986 den Nobelpreis kassiert und seine Disziplin trocken als «Politik ohne Romantik» bezeichnet. Seinen geistigen Ahnherrn Knut Wicksell fasste er in einem Satz zusammen, den man in jedes Parlament meisseln sollte: Man erwarte von Politikern kein anderes Verhalten, sie handeln nach ihren Interessen.
Genau hier liegt der Denkfehler aller, die hinter jeder Spaltung einen Dirigenten vermuten. Divide et impera benötigt keine Geheimsitzung. Es reicht völlig, dass ein Problem mehr Mäuler stopft als seine Lösung. Dann will es niemand lösen und alle schwören bei jeder Gelegenheit feierlich das Gegenteil.
Die Schachfigur und ihre Spieler
Wer wissen will, wie so ein Mäulerstopfen aussieht, muss nicht nach Davos pilgern. Ein Blick nach Zürich genügt. Dort sitzt die ORS Service AG, nach eigener Darstellung «Organisation for Refugee Services», seit 2022 im Besitz des britischen Serco-Konzerns, mit über 5160 Mitarbeitenden, mehr als 58’700 Betten und über 190 Mandaten in Europa. Beim Verkauf an Serco strich die Investmentgesellschaft Equistone 44 Millionen Franken ein, bei einem Gruppenumsatz von über 110 Millionen. Im selben Jahr durfte ein Mittagessen für ukrainische Geflüchtete im Aargau gerade einmal 2.65 Franken kosten. Das Geschäftsmodell ist bestechend einfach: Der Kunde ist der Staat, die Ware ist der Mensch und die Nachfrage garantiert die Politik.
Und die Politik liefert zuverlässig. Die Linke veredelt jedes Boot zum moralischen Kapital, die Rechte verwandelt jedes Boot in Wahlkampfbenzin, die Arbeitgeber freuen sich über billige Hände und jede Regierung über ein Thema, hinter dem sich das übrige Versagen bequem verstecken lässt. Der Migrant ist in diesem Spiel weder König noch Dame. Er ist der Bauer, den alle vorschieben und keiner schützt.
Bilanz: Ausreisepflichtig, aber anwesend
Wie gut das System seinen eigentlichen Zweck erfüllt, verrät die Asylstatistik 2025 des Staatssekretariats für Migration, genauer deren Anhang, wo keine Medienmitteilung hinschaut. Von rund 25’800 Asylgesuchen stammten gut zwei Drittel von Männern. Die Schutzquote lag insgesamt bei 43,8 Prozent, bei Männern bei 38, bei Frauen bei 55,4 Prozent. Von rund 7400 Asylgewährungen entfielen knapp 3950 auf Familieneinbezug und Familienzusammenführung, also mehr als die Hälfte. Nur gut ein Viertel der Gesuchsteller legte überhaupt gültige Ausweispapiere vor.
Dann der Vollzug, das schwarze Loch jeder Asyldebatte. Die Schweiz ersuchte andere Dublin-Staaten bei rund 10’400 Personen um Übernahme, rund 7000 Zusagen kamen, tatsächlich überstellt wurden rund 2100. Italien blockierte das ganze Jahr sämtliche Überstellungen. Niemand in Rom verlor deswegen seinen Posten. In den Heimatstaat zurückgeführt wurden rund 2100 Personen, als unkontrolliert abgereist verbucht wurden rund 10’600. Das SEM räumt selbst ein, dass darunter auch Leute sind, die einfach untertauchen. Die Erwerbstätigenquote der Asylsuchenden lag bei 5,1 Prozent. In der EU sieht es nicht besser aus: Im vierten Quartal 2025 standen rund 117’500 Ausreiseverfügungen knapp 33’900 Rückführungen in Drittstaaten gegenüber. Nicht einmal jede dritte Verfügung wird vollstreckt. Dieses System schützt nicht sauber und schickt nicht zurück. Es verwaltet. Und Verwaltung ist bekanntlich ein Zustand, der nie endet.
Mittelmeer: Rettung, Rampe, Rückschub
Rund 66’300 Menschen landeten 2025 in Süditalien, rund 58’000 Menschen stachen von Libyen aus in See, die wichtigsten Herkunftsländer hiessen laut SEM Bangladesch, Ägypten und Eritrea. Libyen ist also nicht die Heimat, sondern die Rampe. Genau dorthin wird trotzdem zurückgeschoben: Bis Ende Oktober 2025 fingen libysche Behörden mehr als 22’500 Menschen auf See ab und brachten sie zurück, knapp 19’500 davon Männer. Im selben Zeitraum zählte die Internationale Organisation für Migration 472 Tote und 489 Vermisste auf der Route. Libyen hält sie ausdrücklich für keinen sicheren Hafen.
Bezahlt wird das Rückholgeschäft aus Brüssel. Allein die erste Phase eines EU-Treuhandfonds-Programms überwies 42,2 Millionen Euro an das italienische Innenministerium, um libysche Seeüberwachung und Küstenwache aufzurüsten. Eine UNO-Untersuchungsmission stellte 2023 fest, dass an Migranten in libyscher Haft Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, verübt von Stellen, die technische, logistische und finanzielle Unterstützung aus der EU erhielten. Selber zurückschieben darf Europa nicht mehr, seit die Grosse Kammer in Strassburg Italien 2012 im Fall Hirsi Jamaa einstimmig verurteilte. Der damalige Innenminister hatte die Rückschiebungen noch als Erfolg gefeiert, die Anlandungen seien um das Fünffache gesunken. Strassburg sprach jedem Kläger 15’000 Euro zu.
Die Seenotretter der Iuventa wiederum sollten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Trapani das letzte Glied der Schlepperkette gewesen sein. Ihnen drohten bis zu 20 Jahre Haft und 15’000 Euro pro Migrant. Im Februar 2024 beantragte die Anklage selbst, die Sache fallenzulassen, im April stellte das Gericht nach über 40 Anhörungen ein. Italien musste also jedem zurückgeschobenen Kläger 15’000 Euro zahlen und wollte von den Rettern 15’000 Euro pro geretteter Person kassieren. Konsequenter lässt sich Buchhaltung kaum betreiben.
Bleibt der ewige Pull-Faktor. Eine Studie von Deiana, Maheshri und Mastrobuoni fand, dass Rettungseinsätze mehr Überfahrten auslösen und Schlepper auf billigere Schlauchboote umsteigen lassen. Cusumano und Villa fanden keinen Zusammenhang zwischen NGO-Schiffen und Abfahrten. Das Migration Policy Centre des Europäischen Hochschulinstituts bescheinigt beiden Arbeiten methodische Schwächen und hält die Frage für offen. Wer hier Gewissheit verkauft, egal in welche Richtung, verkauft keine Wissenschaft, sondern Gesinnung.
Das Boot ist voll: Schweizer Erstausgabe
Wer glaubt, Menschen nach Etikett zu sortieren sei eine Marotte von Sprachmodellen, sollte bei den Diplomatischen Dokumenten der Schweiz nachlesen. Im Juli 1938 sass Polizeichef Heinrich Rothmund als Schweizer Delegierter an der Flüchtlingskonferenz von Évian. Im September 1938 schloss die Schweiz mit dem Deutschen Reich ein Abkommen, wonach die Pässe von Juden mit einem Merkmal gekennzeichnet wurden, dem späteren J-Stempel. Im Spätsommer 1942 beschloss der Bundesrat vermehrte Rückweisungen, ausdrücklich auch dann, wenn den Betroffenen Gefahr für Leib und Leben drohte. Justizminister Eduard von Steiger lieferte das Bild dazu, ein stark besetztes kleines Rettungsboot. Daraus wurde der Satz, der bis heute an jedem Stammtisch serviert wird. Als eine Rorschacher Mädchenklasse im September 1942 dem Bundesrat einen Protestbrief schrieb, wuchs sich das zur Affäre aus, mit der sich gleich zwei Bundesräte befassten. Schulmädchen mit Gewissen galten als Staatsproblem, Rückweisungen in den Tod als Verwaltungsakt.
Die Genfer Flüchtlingskonvention trat für die Schweiz am 21. April 1955 in Kraft. Ihr Artikel 31 verbietet, Flüchtlinge für die illegale Einreise zu bestrafen, wenn sie aus einem Gebiet kommen, in dem ihr Leben oder ihre Freiheit bedroht war. Laut UNHCR gilt dieser Schutz für Asylsuchende bis zum endgültig negativen Entscheid. Das heutige Asylrecht ist also die Quittung dafür, dass man einst nach Etikett aussortierte und in den Tod zurückschickte. Aber eben auch nur das: Es schützt Verfolgte, nicht jeden, der ein Schlauchboot besteigt. Ein Staat, der diesen Unterschied nicht mehr durchsetzen kann, verrät beide Seiten gleichzeitig.
Wer den Keil schmiedet
Die Kette ist komplett. Ein Algorithmus rechnet Wechselkurse für Menschenleben aus, Institutionen leben vom Problem, das sie lösen sollen, ein Konzern vermietet Betten an den Staat, ein Vollzug vollzieht nicht, Brüssel bezahlt libysche Verbände für die Drecksarbeit und die Geschichte zeigt in aller Deutlichkeit, wo das Sortieren nach Etikett endet. Niemand muss das planen. Es genügt, dass alle daran verdienen und wir weiterhin brav den Keil annehmen, den man uns hinhält.
1942 war das Boot angeblich voll, heute ist es bloss hervorragend bewirtschaftet. Der Schlepper verkauft die Überfahrt, die Küstenwache den Rückweg, der Konzern das Bett und der Politiker die Empörung über alle drei. Solange wir brav darüber streiten, wessen Leben mehr wiegt, merkt niemand, wer an der Waage kassiert!










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