Nicht-ionisierend, also harmlos: Auf dieser einen Beruhigungssilbe ruht der gesamte Mobilfunk. Was den Körper nicht spürbar aufheizt, kann ihm nichts anhaben, lautet das Glaubensbekenntnis, an dem sich seit Jahrzehnten jeder Grenzwert orientiert. Gekocht wirst Du nicht, also schweig.

Nur hat die Zelle dieses Bekenntnis nie unterschrieben. Zwischen der Mikrowelle im Gewebe und dem Tumor im Versuchstier liegt eine Kette aus vier Gliedern, die in keiner Grenzwert-Tabelle vorkommt: Funkstrahlung treibt den oxidativen Stress, oxidativer Stress zerlegt das Erbgut, zerlegtes Erbgut endet in Krebs und Missbildung. Jedes einzelne Glied ist in begutachteten Fachjournalen dokumentiert. Behandelt wird die Kette trotzdem wie das Hirngespinst eines Aluhut-Trägers.

Der Stress, den kein Thermometer findet
Beginnen wir dort, wo die offizielle Physik aufhört hinzuschauen. Funkfelder erwärmen Gewebe kaum messbar, aber sie kippen die Zellchemie: Sie öffnen Ionenkanäle, lassen Kalzium einströmen und setzen damit eine Reaktionskette in Gang, an deren Ende freie Radikale und reaktive Sauerstoffspezies stehen. Diese aggressiven Moleküle zerlegen wahllos, was ihnen unterkommt: Fettmembranen, Proteine, das Erbgut. Eine Übersicht ukrainischer und internationaler Forscher wertete hundert begutachtete Studien aus und fand in dreiundneunzig davon genau diesen oxidativen Effekt – bei Intensitäten weit unterhalb dessen, was angeblich nur die Heizplatte schafft. Oxidativer Stress ist kein esoterisches Modewort, sondern ein anerkannter Mitspieler bei Alterung, Entzündung und Tumorbildung. Wie tief das reicht und wie lange es schon wissenschaftlich kleingeredet wird, ist hier ausführlich dokumentiert.

Wenn das Erbgut Kometenschweife zieht
Ein gestörter Zellhaushalt bleibt selten folgenlos. Im sogenannten Comet-Assay zieht geschädigte DNA unter dem Mikroskop einen Schweif wie ein Komet, je länger der Schweif, desto kaputter das Erbgut. Eine EU-finanzierte Untersuchung mit zwölf Forschergruppen aus sieben Ländern fand Einzel- und Doppelstrangbrüche in der DNA bereits unterhalb des geltenden Grenzwerts und die Strahlung der dritten Mobilfunk-Generation erwies sich dabei als rund zehnmal erbgutschädigender als die zweite. Der Dank der Branche fiel herzlich aus: Die Studienleiter wurden öffentlich der Fälschung bezichtigt, ausgerechnet von einem Mitglied der Strahlenschutzkommission. Erst ein Gericht stellte später fest, dass nichts gefälscht war. Da hatte das Etikett «widerlegt» seine Arbeit längst getan. Das US-Toxikologieprogramm protokollierte dieselben Strangbrüche Jahre später auch im Hirn bestrahlter Nager.

Schwannome, die partout kein Zufall sein wollen
Vom Reagenzglas ins lebende Tier. Das millionenschwere US-Toxikologieprogramm bestrahlte Ratten zwei Jahre lang mit Mobilfunkstrahlung und fand bösartige Schwannome am Herzen und Gliome im Hirn der männlichen Tiere, also jene seltenen Tumoren, die in der Kontrollgruppe schlicht nicht auftraten. Ein Ausreisser? Das italienische Ramazzini-Institut wiederholte den Befund an über zweitausend Ratten, diesmal bei Feldstärken, wie sie eine ganz normale Antenne am Strassenrand abgibt und stiess auf dieselben Herz-Schwannome, in linearer Abhängigkeit von der Dosis. Schon vor den Tierversuchen hatten Fall-Kontroll-Studien mehr Hirntumoren ausgerechnet auf jener Kopfseite gefunden, an der die Vieltelefonierer ihr Gerät hielten. Die Krebsagentur der WHO stuft Funkstrahlung seit 2011 immerhin als möglicherweise krebserregend ein. In dieselbe Schublade fällt eingelegtes Gemüse, was die zuständigen Stellen genüsslich erwähnen, sobald sie das Ganze kleinreden wollen.

Die Kanarienvögel zwitschern nicht mehr
Das eleganteste Argument liefern jene, die kein Handy ans Ohr halten. Tiere zahlen keine Vertragsgebühr, sie stehen einfach im Feld. Eine systematische Übersicht von hundertfünfundachtzig Studien fand bei der überwältigenden Mehrheit schädliche Effekte auf Insekten: gestörte Fortpflanzung, lädierte DNA, Bestäuber, die bei gesetzlich erlaubten Strahlungswerten eingehen. Spatzenbestände dünnen rund um Sendemasten aus, Störche brüten schlechter, ganze Insektenpopulationen brechen weg. Wer Missbildung und Niedergang im Tierreich für reinen Zufall hält, sollte erklären, warum die Schäden ausgerechnet dort am dichtesten auftreten, wo am dichtesten gesendet wird. Und es bleibt nicht bei den Ausgewachsenen: Dieselben grossen Krebsstudien notierten nebenbei leichtere Neugeborene in den bestrahlten Würfen. Im Embryo greift der oxidative Schaden das Erbgut an, bevor das Tier überhaupt zur Welt kommt. Genau dort kippt die Sache vom persönlichen Risiko zur Vererbung, denn was die DNA zerlegt, reicht sie an die nächste Generation weiter.

Der Grenzwert, der nur das Kochen kennt
Jetzt die Gegenseite, denn die gibt es. Eine von der WHO beauftragte Übersicht von dreiundsechzig Beobachtungsstudien fand keinen Zusammenhang zwischen Handynutzung und Hirntumoren und die Hirnkrebsrate ist trotz explodierender Handynutzung nicht gestiegen. Die deutsche Strahlenschutzbehörde räumt den Herz-Schwannom-Befund der Ratten zwar ein, hält ihn aber für nicht überzeugend. Das ist die offizielle Beruhigung und sie ist nicht einmal unredlich. Nur hat sie ein Loch von der Grösse eines Sendemasts: Die geltenden Grenzwerte schützen ausschliesslich vor Erwärmung. Den oxidativen, erbgutschädigenden Pfad, der unterhalb jeder Heizschwelle abläuft, decken sie konstruktionsbedingt überhaupt nicht ab. Man misst die Temperatur und nennt das Sicherheit. Das Vorsorgeprinzip, das genau für solche Graubereiche erfunden wurde, verstaubt derweil im Aktenschrank, während über jedem Kinderzimmer im Sekundentakt die nächste Ausbaustufe ausgerollt und der Einspruch dagegen per Gesetzesrevision gleich mit weggekürzt wird. So spart der Betreiber an der Baubewilligung, der Bürger an seinen Rechten und am Ende vielleicht jeder an einem Stück Erbgut.

Vielleicht ist am Ende alles harmlos und die Ratten hatten einfach Pech in Serie. Vielleicht zerreisst die DNA im Labor nur zum Spass und flickt sich draussen von selbst wieder zusammen. Vielleicht sterben Bienen, Spatzen und Störche aus reiner Laune und nicht, weil über ihren Nestern rund um die Uhr gesendet wird. Oder der grösste Feldversuch der Menschheitsgeschichte läuft seit dreissig Jahren ohne Kontrollgruppe, jeder Schädel eine Versuchskammer, jedes Neugeborene ein Datenpunkt – und das Ergebnis nennt man dann Fortschritt!

Mobilfunk: Gefährdet er unsere Kinder? | Prof. Dr. Klaus Buchner
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