Vor Deinem ersten Atemzug ist ein Satz gesprochen worden und Du bist seine langsame Ausführung. Fatum, das lateinische Wort für Schicksal, benennt kein Ereignis. Es ist eine Wortform, das Partizip von fari, sprechen. Das Gesprochene. Der Spruch steht, bevor Du den Mund aufmachst. Dahinter wartet die Tür, an der die meisten vorbeigehen, weil ihnen der Luftzug unangenehm ist: Was, wenn es überhaupt keine Wahl gibt? Nicht als Ohnmacht gemeint, sondern als Ordnung. Wir spüren, dass wir wählen. Wir spüren auch, dass die Sonne um die Erde kreist.
Fatum: Jede Sprache verrät, dass niemand Dich gefragt hat
Die Griechen sagten Moira und meinten den zugeteilten Anteil, das Stück, das Dir zufällt wie Fleisch bei der Opferverteilung. Die Römer sagten Fatum, den Götterspruch, das Partizip von fari. Das deutsche Schicksal stammt von schicken, im Sinn von anordnen, fügen, zurechtlegen und kam im 17. Jahrhundert als niederländisches schiksel, Vorsehung, zu uns. Zuteilung. Spruch. Fügung.
Kein einziges dieser Wörter bedeutet Auswahl. Die Alten wussten, wovon sie sprachen: Drei Gestalten am Faden, Klotho spinnt ihn, Lachesis misst ihn zu, Atropos trennt ihn. Sie gelten als Töchter der Nyx, der Nacht selbst. Keine Göttin des Angebots, keine des Verhandelns. Der freie Wille ist die schönste Lüge der Menschheit, weil sie schmeichelt und weil sie jede Schuldzuweisung möglich macht, die eine Herrschaft für ihre Buchführung benötigt.
Die Zeit fliesst nicht, sie liegt
Vier Wochen vor seinem eigenen Tod schrieb Einstein am 21. März 1955 an die Familie seines verstorbenen Freundes Michele Besso, die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft habe für den gläubigen Physiker nur die Bedeutung «einer wenn auch hartnäckigen Illusion». Kein Trostpflaster für Hinterbliebene, sondern die kühle Konsequenz seiner eigenen Gleichungen. In der Raumzeit liegt alles zugleich da, Anfang und Ende, Wiege und Grab, ein Block und kein Fluss.
Was die Mystiker seit jeher den Schleier nennen, ist genau das. Du wanderst nicht durch die Zeit, Du liest sie ab, Zeile um Zeile und hältst das Wandern des Fingers für Bewegung. Der Rest der Schrift steht längst da, oben wie unten. Wer das aushält, versteht, warum die Zeit eine Illusion ist und der Moment die Wahrheit. Der Augenblick ist kein Teilstück von etwas, das vergeht. Er ist die einzige Stelle, an der das Gesprochene hörbar wird.
Der Spruch, dem Du nicht davonläufst
Der Überlieferung nach lag in Gatschina ein versiegeltes Kästchen mit der Vorhersage des Mönchs Abel über das Ende der Dynastie, hundert Jahre lang, bis Nikolaus II. es am 12. März 1901 öffnete. Paul I. war in der Nacht zum 12. März 1801 erschlagen worden. Eine perfekte Geschichte und ein ernüchternder Befund: Der Kästchen-Stoff stammt aus späteren Legenden, nicht aus Pauls Zeit. Prophezeiungen werden meistens rückwärts geschrieben. Den Seher selbst aber liess die Macht nicht aus den Fingern. Abel wanderte von Kerker zu Kerker, Schlüsselburg, Solowezki, zuletzt das Klostergefängnis von Susdal, wo er 1841 hochbetagt starb. Nicht weil seine Sprüche falsch waren, sondern weil ein ausgesprochener Satz über das Ende einer Dynastie als Verbrechen galt. Herrschaft fürchtet keine Irrtümer. Sie fürchtet Stimmen, die ihr Ablaufdatum nennen.
Das Schicksal benötigt keinen Propheten. Es benötigt nur Dich. Laios erfuhr den Orakelspruch und setzte seinen Sohn aus, um ihn zu umgehen, doch ausgerechnet dieses Aussetzen sorgte dafür, dass Ödipus den Vater nicht erkannte, den er später erschlug. Die Flucht vor dem Spruch ist der Weg zum Spruch. Wer die Zukunft kennt, ändert sie nicht, er vollstreckt sie mit gesteigerter Sorgfalt.
Die Bushaltestelle ist ein Altar
Du stehst da und überlegst, ob Du einsteigst oder läufst. Du läufst. Zweihundert Meter weiter begegnest Du genau dem Menschen, dem Du an diesem Tag begegnen musstest. Nenne es Zufall, wenn Du möchtest. Das Wort «Zufall» beschreibt nichts, es beendet nur das Nachdenken. Jede Schwelle, jede Kreuzung, jede Haltestelle ist ein kleiner Altar, an dem etwas eingelöst wird, was längst besprochen war.
Das Déjà-vu gehört in dieselbe dunkle Kammer. Dieses kalte Erkennen einer Szene, die Du nie erlebt hast und trotzdem kennst, ist ein Riss im Schleier, ein Blick zwei Zeilen weiter unten. Manche Menschen wissen Dinge, bevor sie geschehen. Ich kenne das. Es kommt unangekündigt, es lässt sich nicht bestellen und es ist nichts, worüber ich hier ausführlich reden werde, weil es für die meisten wie ein Horrorfilm klingen würde. Wer es kennt, benötigt keine Erklärung. Wer es nicht kennt, glaubt ihr ohnehin nicht.
Wenn die Programme ihre Wirkung verlieren
Die künstlichen Ordnungen, die Agenden, die Zehnjahrespläne, die ganze Maschinerie, die Dir Planbarkeit verkauft, ruhen auf einer einzigen Annahme. Zukunft wird gemacht. Sie wird nicht gemacht, sie wird abgelesen. Irgendwann greifen diese Programme ins Leere. Was danach kommt, wird sich kaum noch vorhersagen lassen. Kein Amt hat je den Tod überstimmt und der Tod prüft nur, ob Du zugehört hast.
Darin liegt keine Ohnmacht, sondern die einzige Befreiung, die niemand Dir verkaufen kann. Wenn der freie Wille eine Illusion ist, dann sind auch Deine Reue und Dein «hätte ich damals nur» blosse Gespenster ohne Faden. Du hast entschieden, wie Du entscheiden konntest. Mehr war nie im Angebot. Lass die Gespenster ziehen und werde still genug, um den Spruch zu hören, der über Dir ausgesprochen wurde.
Das Schicksal verhandelt nicht, es spricht. Es fragt nicht nach Deinen Plänen, Deinen Ämtern oder Deinen Programmen. Es kennt keine Gnade und keine Bestechung und ist deshalb der einzige Herr, der Dich nicht anlügt. Wer den Spruch hört, geht auf eigenen Füssen ins Dunkel, wer mit ihm feilscht, wird am Knöchel hinterhergezogen…










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







