Zwölf Zeitfresser auf einem Zifferblatt, bunt koloriert, Uhr in der Mitte, Urheberrechtsvermerk am Rand, damit niemand die Weisheit «Jammern löst nichts» ohne Lizenz weiterverbreitet. Das Bild ist kein Ratgeber. Es ist ein Beichtspiegel für Angestellte, gezeichnet von einer Branche, die dir zuerst erklärt, dass du deine Zeit verschwendest – und dir anschliessend die Uhr verkauft, an der du das ablesen darfst.
Die Grafik stammt aus jener Ecke von LinkedIn, in der Erwachsene einander Kalendersprüche vorlesen und das «Content» nennen. Jeder Sektor trägt einen Vorwurf, jeder Vorwurf eine Absolution in einem Satz. Was fehlt, ist jede Frage danach, wem die Zeit eigentlich gehört, die du angeblich verschwendest. Darum hier mal die Grafik in einer Neuinterpretation für diesen Blog, um im nachfolgenden Beitrag die Sache mal komplett auseinanderzunehmen.
Zwölf Sünden, ein Zifferblatt
Man lese die Liste einmal laut. «Ohne klare Prioritäten wirkt alles wichtig.» «Inspiration wird durch Handeln kultiviert.» «Jammern löst nichts, Handeln schon.» Das ist keine Erkenntnis, das ist ein Wandtattoo mit Tortendiagramm. Jede Zeile ist so gebaut, dass man ihr nicht widersprechen kann, weil sie nichts behauptet. Perfektionismus bremst, Vergleichen lähmt, Angst vor dem Scheitern verhindert – wer hätte das gedacht? Die Grafik trägt zwölf Positionen, weil ein Zifferblatt zwölf Stunden hat, nicht, weil es zwölf Erkenntnisse gäbe. «Es allen recht machen wollen» und «sich sorgen, was die Leute sagen» sind dieselbe Sünde zweimal, «nicht dein eigenes Leben leben» ist Füllmasse für die Stunde elf. Der Rest ist Beichtstuhl-Rhetorik: Du bist Perfektionist, du delegierst nicht, du vergleichst dich – und die Uhr in der Mitte tickt dazu wie ein Metronom für das schlechte Gewissen.
Das einzige Zeitgesetz, das je ernsthaft formuliert wurde, fehlt natürlich. Cyril Northcote Parkinson schrieb es 1955 im Economist: Arbeit dehnt sich aus, bis sie die verfügbare Zeit füllt. Nur handelte sein Aufsatz nicht von deiner mangelnden Disziplin, sondern von Behörden, die wachsen, während ihre Aufgaben schrumpfen. Das passt schlecht auf ein Zifferblatt für Angestellte, denn es beschuldigt den Apparat statt den Einzelnen.
109’200 Uhrmacher und ihr Rohstoff
Wer solche Grafiken produziert, verkauft in der Regel die Lösung gleich mit. Die International Coaching Federation (ICF) zählte in ihrer jüngsten Erhebung rund 109’200 Coaches weltweit, ein Zuwachs von 54 Prozent zwischen 2019 und 2022, bei einem Jahresumsatz von 4,56 Milliarden Dollar. Gezählt hat PricewaterhouseCoopers im Auftrag des Coaching-Verbands selbst. Die Zahl beschreibt also, wie gross sich die Branche gerne sieht. Selbst mit Abschlag bleibt ein Geschäftsmodell übrig, das ohne den Zeitverschwender nicht existiert: Kein Coach lebt von Menschen, die mit ihrem Tag zufrieden sind. Die Grafik ist der Köder, der Zwölf-Wochen-Kurs ist der Haken. Als Wachstumstreiber nennt der Verband in derselben Mitteilung Burnout und hybride Arbeitswelt – also den Schaden, den der Apparat anrichtet, dessen Angestellte er anschliessend coacht. Darum steht in der Grafik auch nicht, dass Delegieren voraussetzt, dass es jemanden gibt, an den man delegieren kann. Der Angestellte, dem gerade drei Stellen in der Abteilung wegrationalisiert wurden, liest «Delegation ist keine Schwäche, sondern kluge Führung» und darf sich schuldig fühlen, weil er alles selbst macht. Wie eine ganze Industrie das Glücklichsein zur Pflicht erklärt hat, steht seit Jahren auf diesem Blog – die Zeitfresser-Grafik ist bloss der Stundenplan dazu.
Perfektionismus: Erst gezüchtet, dann bestraft
Am dreistesten ist der Sektor «Perfektionist sein». Die Psychologen Thomas Curran und Andrew Hill haben 164 Stichproben mit rund 41’640 Studenten aus den USA, Kanada und Grossbritannien zwischen 1989 und 2016 ausgewertet: Perfektionismus stieg über die Jahrzehnte linear an, in allen drei gemessenen Formen. Als Nährboden nennen die Autoren den seit den Achtzigern gepredigten Wettbewerbs-Individualismus – also exakt jene Ideologie, die der Grafik ihre Sprache leiht. «Dein Weg ist einzigartig. Ehre ihn.» Der Satz kommt aus derselben Werkstatt, die den Perfektionisten erst gebaut hat. Erst wird dem Menschen dreissig Jahre lang eingehämmert, er sei sein eigenes Unternehmen, seine eigene Marke, sein eigener Gott, dann reicht man ihm ein Zifferblatt, auf dem sein Ehrgeiz als Zeitverschwendung Nummer 1 verbucht ist. Warum Leistung abhängig macht wie eine Droge, war hier schon Thema, ebenso das Ego im Superheldenkostüm, das sich selbst zum obersten Richter ernennt und dann nicht versteht, warum es ständig verurteilt wird. Das Zifferblatt ist die Fortsetzung mit anderen Farben: Der Täter druckt die Fahndungsliste und setzt das Opfer darauf.
Die dreizehnte Zeitverschwendung
John Maynard Keynes rechnete 1930 vor, dass seine Enkel mit fünfzehn Wochenstunden auskommen würden. Der Wirtschaftshistoriker Nicholas Crafts hat die Rechnung für Grossbritannien nachgeprüft: Die Wirtschaftsleistung pro Kopf lag 2011 beim Fünffachen von 1931, die Jahresarbeitszeit der Männer sank im selben Zeitraum um gut ein Viertel – von rund 2500 auf rund 1840 Stunden, statt auf die 780, die Keynes versprach. Der Wohlstand kam, die Zeit blieb bei jemand anderem. Wohin sie verschwunden ist, steht auf keinem Zifferblatt, dazu lieber der Paradigmenwechsel zur Freizeitgesellschaft, der auf diesem Blog angekündigt wurde und in keiner Personalabteilung angekommen ist. Genau diese Frage soll die Grafik verhindern. Solange du mit deinem Perfektionismus, deinem Jammern und deinem Vergleichen beschäftigt bist, fragst du nicht, wer die Stunden einstreicht, die Maschinen und Software freigeschaufelt haben. Die Uhr in der Mitte zeigt keine Zeit, sie zeigt Schuld. Die Zeitfresser-Grafik ist kein Werkzeug gegen Zeitverschwendung, sondern ihr Geschäftsbericht: Sie macht aus einer Verteilungsfrage eine Charakterfrage und verkauft die Antwort als Kurs.
Zwölf Sektoren, zwölf Vorwürfe, null Fragen an den, dem die Uhr gehört. Wer die Fahndungsliste druckt, steht nie selbst darauf. Keynes‘ fünfzehn Stunden sind längst erarbeitet, sie liegen bloss in einer fremden Lohntüte. Und die dreizehnte Zeitverschwendung ist, dir von einem Tortendiagramm sagen zu lassen, was du mit deinem Leben verschwendest – und dies «Selbstreflexion» zu nennen!










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