Manchmal ist der schmerzhafteste Moment nicht der, in dem dich jemand verlässt. Es ist der Moment, in dem du begreifst, wie lange du dich selbst verlassen hast, nur damit andere bleiben. Jahr um Jahr hast du Stücke von dir abgelegt wie Opfergaben auf einem fremden Altar – deine Wahrheit, deine Stille, deinen eigenen Ton – und der Altar hat nie zurückgegeben. Er hat nur genommen.
Wir verbringen halbe Leben damit, verstanden werden zu wollen. Wir erfüllen Erwartungen wie Rituale, deren Sinn längst verdampft ist. Wir halten Menschen fest, die aufgehört haben, uns wirklich zu sehen – und nennen dieses Festhalten Liebe, Treue, Pflicht. Dabei ist es ein langsames Verschwinden. Wer sich verbiegt, um gesehen zu werden, wird genau in der Gestalt gesehen, die er nicht ist. Das ist der stille Fluch der Anpassung: Sie funktioniert. Und ihr Preis bist du.
Die Dunkelheit als Schwelle
Dann kommt die Dunkelheit. Sie kommt immer. Die Mystiker nannten sie die dunkle Nacht der Seele, die Alchemisten nannten sie Nigredo – die Schwärzung, in der alles Unechte verbrennt, bevor etwas Echtes entstehen kann. Die Dunkelheit ist kein Unfall auf deinem Weg. Sie ist der Weg. Sie ist die Schwelle, an der alles abfällt, was nie zu dir gehörte: Die Masken, die Rollen, die geliehenen Erwartungen. Und wenn der letzte Vorhang gefallen ist, bleibt genau einer übrig. Du selbst.
In der alten ägyptischen Seelenlehre war der Schatten ein eigener Teil der Seele – ein Begleiter, der den Menschen durch das Diesseits trägt. Doch auch dieser treueste aller Begleiter hat eine Bedingung: Er existiert nur, solange Licht auf dich fällt. Tritt die Finsternis ein, ist er fort. Kein Abschied, kein Verrat, kein Drama. Er ist einfach nicht mehr da. Genau darin liegt seine Lehre.
Verlass dich nicht auf andere, denn selbst dein eigener Schatten verlässt dich in der Dunkelheit.
Vielleicht ist genau das ihre Aufgabe. Die Dunkelheit nimmt dir nichts, was dir je gehört hat. Sie zeigt dir nur, was geliehen war. Der Schatten bleibt, solange Licht auf dich fällt – Menschen bleiben, solange du ihnen etwas spendest: Aufmerksamkeit, Nutzen, Glanz. Das ist kein Zynismus. Das ist das Gesetz. Und wer es einmal in der Finsternis erkannt hat, hört auf, es persönlich zu nehmen. Du musst lernen, auch ohne Licht deinen eigenen Weg zu kennen. Nicht weil die Welt schlecht wäre, sondern weil dein Weg nie in ihrem Licht lag. Er lag immer in dir. Das Schicksal führt dich nicht in die Dunkelheit, um dich zu brechen. Es führt dich dorthin, weil du nur dort hören kannst, was deine eigene Stimme ist – wenn alle anderen verstummt sind.
Am Ende bedeutet Stärke nicht, niemanden zu benötigen. Das wäre nur eine weitere Maske, kälter als die anderen. Stärke bedeutet, sich selbst nicht mehr zu verlieren, nur um jemanden anderen nicht zu verlieren. Sie bedeutet, im eigenen Innern einen Ort zu haben, der nicht verhandelbar ist. Einen Ort, den keine Verlassenheit erreicht, weil er nie von der Anwesenheit anderer abhing. Wer diesen Ort gefunden hat, kann lieben, ohne sich aufzugeben. Kann halten, ohne sich festzuklammern. Kann gehen lassen, ohne zu zerbrechen. Die Dunkelheit wird wiederkommen, das ist ihr Wesen und ihr Versprechen zugleich. Doch wer seinen Weg auch ohne Licht kennt, fürchtet sie nicht mehr. Die anderen gehen, wenn dein Licht erlischt – das haben sie immer getan und werden es immer tun. Bleib du. Denn du bist das Einzige, was die Finsternis dir nicht nehmen kann.

(inspiriert von Rudolf Wagner)






«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







