Drei Industrien haben in fünfzehn Jahren dasselbe Geschäftsmodell perfektioniert: Ein ungetestetes Produkt auf Millionen Kinder loslassen, die Schäden jahrelang abstreiten und die Aufräumarbeiten der Allgemeinheit überlassen. Erst kam Social Media und nahm den Jugendlichen die echten Freundschaften. Dann kam EdTech und nahm ihnen das Lesen. Jetzt kommt die KI und greift nach dem Letzten, was noch übrig ist – ihren Beziehungen. Wer nach dieser Bilanz noch jedes neue Gadget mit leuchtenden Augen begrüsst, ist kein Optimist. Er ist ein Wiederholungstäter.
Bei jedem anderen Produkt wäre die Sache klar. Ein Spielzeughersteller, dessen Ware nachweislich Schäden verursacht, fliegt aus den Regalen und vor den Richter. Bei digitalen Produkten gilt die umgekehrte Logik: Erst wird ausgerollt, dann wird geforscht und wer die Schäden benennt, gilt als Fortschrittsfeind. Dabei liegt das Beweismaterial längst auf dem Tisch.
Das grösste unkontrollierte Experiment der Geschichte
Anfang der 2010er-Jahre tauschte eine ganze Generation ihre Klapphandys gegen Smartphones und verlegte ihr Sozialleben in die Feeds. Heute nutzt laut Pew Research ein Drittel der amerikanischen Teenager mindestens eine Plattform «fast ununterbrochen» – nicht täglich, nicht stündlich, sondern praktisch ohne Pause. Was das anrichtet, hat ausgerechnet eine Studie gezeigt, an der Meta selbst beteiligt war: Im grössten Deaktivierungsexperiment aller Zeiten mit über 35’000 Teilnehmern verbesserten sich Glück, Depression und Angstwerte messbar, sobald die Probanden Facebook oder Instagram nur sechs Wochen ruhen liessen. Der Konzern finanziert also den wissenschaftlichen Nachweis, dass es den Menschen besser geht, wenn sie sein Produkt nicht benutzen und verkauft es trotzdem weiter an Zwölfjährige.
Australien hat daraus die naheliegende Konsequenz gezogen: Seit dem 10. Dezember 2025 müssen Facebook, Instagram, TikTok, Snapchat, YouTube und Co. Konten von unter 16-Jährigen verhindern – bei Strafen bis zu rund 50 Millionen Dollar. Die Plattformen klagen dagegen vor dem High Court, Reddit argumentiert allen Ernstes, ein Kind sei mit Konto besser geschützt als ohne. Der Dealer erklärt dem Gericht, der Stoff sei Teil der Therapie.
Schweden räumt auf, der Rest digitalisiert munter weiter
Während hierzulande noch jede Schule, die Tablets verteilt, als Leuchtturm gefeiert wird, hat das einstige Vorzeigeland der Digitalisierung längst die Reissleine gezogen. Schweden hatte Lehrbücher entsorgt, Geräte auf jedes Pult gestellt und Tablets sogar in Kindergärten vorgeschrieben. Nach Jahren sinkender Leistungen kam die Kehrtwende: Zurück zu gedruckten Büchern, Handschrift und Lesestunden. Das renommierte Karolinska-Institut lieferte die Begründung gleich mit – es gebe klare wissenschaftliche Belege, dass digitale Werkzeuge das Lernen beeinträchtigen statt verbessern. Man lasse das auf der Zunge zergehen: Eine der angesehensten medizinischen Hochschulen Europas attestiert der Schuldigitalisierung Schadwirkung und der Rest des Kontinents bestellt weiter Tablets, als gäbe es einen Mengenrabatt auf Konzentrationsstörungen.
Die Logik dahinter war von Anfang an absurd. Ein Tablet auf dem Schulpult ist kein Lernwerkzeug, es ist eine Unterhaltungsmaschine mit eingebautem Fluchtweg. Wer Achtjährigen ein Gerät hinstellt, auf dem Kurzvideos, Games und der gesamte Internetsumpf eine Wischbewegung entfernt sind und dann erwartet, dass sie freiwillig Bruchrechnen üben, hat die menschliche Natur nicht verstanden. Er hat sie an die Industrie verkauft.
Die KI übernimmt das Denken – und das Kinderzimmer
Die dritte Welle rollt bereits und sie ist die dreisteste. Das MIT hat in der Studie «Your Brain on ChatGPT» per EEG gemessen, was passiert, wenn Studenten ihre Aufsätze mit dem Chatbot schreiben: Die schwächste neuronale Vernetzung aller Testgruppen, kaum Erinnerung an den eigenen Text, die meisten konnten hinterher nicht einen einzigen Satz aus dem Aufsatz zitieren, den sie angeblich gerade verfasst hatten. Die Forscher nennen das «kognitive Schuld». Man könnte es auch schlichter sagen: Wer das Denken delegiert, verlernt es. Wohin eine Gesellschaft steuert, die aus dem Spiegel eine Autorität macht, war hier schon Thema.
Und weil das Abschöpfen von Aufmerksamkeit und Denkleistung offenbar nicht reicht, drängt die Branche jetzt in die Gefühlswelt der Kleinsten. Der Markt für KI-Spielzeug boomt – Chatbots wandern in Puppen und Teddybären. Wie das endet, hat der PIRG-Bericht «Trouble in Toyland» dokumentiert: Der 99-Dollar-Plüschbär Kumma, angetrieben von OpenAIs GPT-4o, plauderte mit den Testern über Fesseltechniken, Rollenspiele und die Frage, wo im Haushalt Messer und Streichhölzer zu finden sind. OpenAI sperrte den Hersteller, der Hersteller gelobte Besserung und wenige Tage später stand der Bär wieder im Onlineshop. Schneller kann nicht bewiesen werden, dass Selbstregulierung in dieser Branche ein Märchen für Erwachsene ist.
Beweislast umdrehen oder weiter Crashtest-Dummy spielen
Niemand muss Technik hassen, um Technikskeptiker zu sein. Es genügt, die Spielregeln jedes anderen Industriezweigs einzufordern: Wer ein Produkt auf Kinder loslässt, beweist vorher dessen Unbedenklichkeit – nicht die Eltern hinterher den Schaden. Dreimal in Folge haben dieselben Konzerne dasselbe Versprechen gegeben und dreimal sass am Ende eine Generation auf den Trümmern. Wer glaubt, beim vierten Anlauf werde alles anders, dem sei ein Blick auf das digitale Netz empfohlen, das längst um alles gespannt wird, was sich vermessen lässt. Die Industrie hat unser Misstrauen redlich verdient – sie hat fünfzehn Jahre lang hart dafür gearbeitet. Eine Branche, die Kinderhirne als Rohstoff verbucht, nennt sich nicht Fortschritt, sondern Raubbau. Sie verwandelt Klassenzimmer in Versuchslabore, Kinderzimmer in Datenfarmen und Teddybären in Abhöranlagen mit Fetisch-Lexikon – und nennt dies «Innovation»! Was bleibt einer Generation, der man erst die Freunde, dann das Lesen und am Ende das eigene Denken abgenommen hat? Genau das, was die Konzerne von Anfang an wollten: Ein Kunde, der nichts mehr kann ausser konsumieren!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







