Ab dem 1. Juli beobachtet dich dein eigenes Auto beim Fahren – lückenlos, unbestechlich und selbstverständlich nur zu deinem Besten. Eine Infrarotkamera an der Lenksäule zählt jeden Wimpernschlag, vermisst, wohin dein Blick wandert und ruft dich per Warnton zur Ordnung, sobald du es wagst, für zu lange aus dem Seitenfenster in die Landschaft zu schauen.

Die EU lässt dein neues Auto jetzt auf dich aufpassen – ob du willst oder nicht

Willkommen in der Ära, in der das Fahrzeug nicht mehr dir gehört, sondern dich erzieht. Das Ganze trägt den handzahmen Namen Advanced Driver Distraction Warning, kurz ADDW. Seit Anfang Juli ist es in jedem neu zugelassenen Wagen der EUdSSR verpflichtend an Bord, nicht als Option, nicht gegen Aufpreis abschaltbar, sondern als Grundausstattung, die sich laut EU-Verordnung 2019/2144 nach zwei bis drei Klicks brav von selbst wieder einschaltet, sobald ihre Sensoren erneut Gefahr wittern.

Die Salami liegt längst auf dem Tisch
Wer jetzt empört aufschreit, hat die vergangenen Jahre verschlafen. Die sogenannte General Safety Regulation der zweiten Generation schreibt Neuwagen gleich neun Assistenzsysteme vor und man hat sie uns nicht auf einen Schlag serviert, sondern in hauchdünnen Scheiben. Erst der Notbremsassistent, der eigenmächtig ins Pedal steigt. Dann der Tempowächter, der jedes Schild besser kennt als du. 2024 kam der Müdigkeitswarner, der brav das Zwinkern der Augenlider zählte. Und wer damals achselzuckend abwinkte, weil ein müder Blick ja tatsächlich gefährlich sei, hat genau die Scheibe geschluckt, die den nächsten Schnitt vorbereitet hat. Denn ADDW ist nichts anderes als dieser Müdigkeitswarner nach dem Aufstieg zur Vollüberwachung: Gleiche Kamera, gleicher Vorwand, ungleich tieferer Griff ins Cockpit.

Das ist das Muster, nach dem hier gearbeitet wird. Kein Parlament stimmt je über den Überwachungsstaat als Ganzes ab, weil das niemand durchwinken würde. Man zerlegt ihn in lauter vernünftige Einzelmassnahmen, von denen jede für sich betrachtet fast plausibel klingt. Der Alkoholtoten wegen. Der Handytoten wegen. Der Kinder wegen. Wer will schon als Herzloser dastehen, der sich gegen die Rettung von Menschenleben stellt, bloss weil ihm eine Kamera ins Gesicht glotzt? Und am Ende sitzt du in einem rollenden Verhörzimmer und fragst dich, an welcher Stelle du eigentlich zugestimmt hast.

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Nur eine Schnittstelle, ganz bestimmt
Parallel zur Blickkamera muss ab Juli jeder Neuwagen eine genormte Schnittstelle für ein Alkolock-Gerät mitbringen, jene Wegfahrsperre, die den Motor erst freigibt, wenn du ins Röhrchen geblasen hast. Noch heisst es beruhigend, es werde ja nichts eingebaut, es sei bloss alles vorbereitet. Das kennen wir zur Genüge. Zwischen «technisch vorbereitet» und «flächendeckend Pflicht» liegt erfahrungsgemäss genau eine Legislaturperiode und ein passender Empörungsanlass. Wer glaubt, eine Schnittstelle werde nur installiert, um für immer leer zu bleiben, glaubt vermutlich auch, dass die eingebaute Blackbox deine Fahrdaten aus reiner Sammelleidenschaft speichert und niemals jemand danach fragen wird.

Dass die Technik dabei nicht einmal funktioniert, ist fast schon Nebensache. Ein Praxistest an einem chinesischen Elektromobil ergab, dass das System bei jedem Seitenblick, jedem Griff zum Bildschirm und jeder Kontrolle der Kinder auf der Rückbank Alarm schlug. Ein Warnton also, der immer dann losgeht, wenn du dich wie ein verantwortungsvoller Mensch verhältst. Aber Funktionieren war noch nie die Voraussetzung dafür, dass etwas Pflicht wird.

Das Versprechen mit dem Verfallsdatum
Jetzt kommt der Teil, an dem dir die Beamten die Hand auf die Schulter legen: Keine Sorge, das System arbeite ganz ohne biometrische Daten und ohne Gesichtserkennung, alles bleibe im geschlossenen Kreislauf des Fahrzeugs, nichts gelange nach draussen. Ein rührendes Versprechen. Es hat nur den Schönheitsfehler, dass technische Fähigkeiten, die einmal verbaut sind, nicht danach fragen, was heute erlaubt ist. Die Kamera, die deinen Blick liest, kann prinzipiell auch dein Gesicht lesen. Die Elektronik, die deine Unaufmerksamkeit protokolliert, kann prinzipiell auch protokollieren, wer wann wie lange gefahren ist. Zwischen «kann nicht» und «darf nicht» liegt bloss ein Gesetzestext und Gesetzestexte werden in Brüssel geändert, während du schläfst. Was heute als Datenschutz-Garantie verkauft wird, ist morgen die Schnittstelle, die nur noch freigeschaltet werden muss. Diese Mechanik ist keine Spekulation, sie ist Methode, wie sich beim digitalen Ausweis in Echtzeit bestaunen lässt: Erst das Instrument, die Absicherung später, wenn überhaupt.

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Vision Zero heisst null Kontrolle, nicht null Tote
Über allem thront das Ziel mit dem hübschen Namen: Vision Zero, die Halbierung der Verkehrstoten bis 2030 und ihre Absenkung gegen null bis 2050. Und ja, rund 19’400 Menschen, die 2025 auf Europas Strassen starben, sind eine erschütternde Zahl. Nur folgt daraus eben nicht zwingend, dass die richtige Antwort eine Kamera ist, die jedem der übrigen paar hundert Millionen Fahrer beim Blinzeln zusieht. Dass der Neuwagen mit jeder Pflichtkamera, jeder Firewall und jeder Blackbox teurer wird, verkauft man dir als kleinen Preis der Sicherheit, während der Traum vom günstigen Erstauto still im Rückspiegel verschwindet. Ein Ziel, das buchstäblich «null» heisst, kennt ohnehin keine natürliche Grenze nach oben. Jede weitere Überwachungsstufe lässt sich mit dem einen Toten rechtfertigen, den man vielleicht noch verhindert. Und weil niemand öffentlich gegen weniger Verkehrstote sein kann, ist der perfekte Vorwand gefunden, um wirklich alles durchzusetzen, was in einer nüchternen Abstimmung nie durchginge.

So wird der Bürger Scheibe um Scheibe entmündigt und jede Scheibe kommt mit einem Beipackzettel voller guter Absichten. Man baut dir das Verhörzimmer ins Armaturenbrett, tauft es «Assistenzsystem» und schickt dir die Rechnung gleich mit. Der Neuwagen wird teurer, unfreier und geschwätziger und du sollst dich dafür auch noch bedanken, weil es ja um deine Sicherheit geht. Am Ende ist der gläserne Fahrer bloss die letzte Ausbaustufe des gläsernen Menschen – und die einzige Freiheit, die dir dieses Auto noch lässt, ist die Freiheit, brav geradeaus zu schauen!

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«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.

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Es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue, DravensTales wurde im Laufe der Jahre Kulturblog, Musikblog, Schockblog, Techblog, Horrorblog, Funblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Trashblog, Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schrottblog und Wundertütenblog genannt. Was alles etwas stimmt… – und doch nicht. Der Schwerpunkt des Blogs ist zeitgenössische Kunst, im weitesten Sinne des Wortes.

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