Der nüchterne, klare Kopf gilt als Idealzustand des zivilisierten Menschen – und ist in Wahrheit sterbenslangweilig. Niemand sehnt sich nach einem Leben aus reiner Besonnenheit, niemand beabsichtigt ewig vernünftig dem eigenen Puls beim Nichtstun zuzuhören. Der Mensch möchte sich spüren, will den kalten Griff im Nacken und das warme Triumphgefühl danach.
Die Psychologie hat für diese unappetitliche Wahrheit längst einen Namen – und er ist beinahe zu ehrlich: Angstlust. Der Psychoanalytiker Michael Balint hat das Phänomen schon 1959 seziert und zwei Sorten Mensch unterschieden – die einen klammern sich zähneklappernd ans Vertraute, die anderen stossen sich ab und jagen in den weiten, leeren Räumen dazwischen nach immer neuem Nervenkitzel. Sein Anschauungsmaterial fand Balint auf dem Jahrmarkt, bei jenen Leuten, die freiwillig Eintritt bezahlen, damit ihnen gründlich schlecht wird. Die heutige Variante ist nur etwas teurer: Man bezahlt mit dem Leben.
Wenn die Warntafel zur Einladung wird
In der Schweiz heisst das Spektakel neuerdings Trainsurfing – und es fordert seinen Blutzoll mit der Pünktlichkeit eines Fahrplans. Allein im Frühjahr 2026 starben innert weniger Wochen ein Vierzehnjähriger in Langenthal, ein Siebzehnjähriger in Zofingen und ein Achtzehnjähriger in Beinwil am See, ein weiterer Siebzehnjähriger überlebte in Mosen schwer verletzt. Der eigentliche Killer ist nicht der Sturz, sondern der Lichtbogen: Bei 15’000 Volt Fahrleitungsspannung springt der Strom wie ein kleiner Blitz auf den Körper über, ganz ohne Berührung, schon aus weniger als zwei Metern Abstand. Und das Beste daran, aus Sicht des Nervenkitzels: Genau die Warnung macht die Sache erst richtig scharf. «Lebensgefahr» steht auf den Schildern, in Grossbuchstaben, mit Totenkopf – und liest sich für den richtigen Adrenalinjunkie wie eine Einladung mit Ausrufezeichen. Tödlich ist hier kein Risiko, das man in Kauf nimmt, sondern die eigentliche Pointe.
Wer es nüchtern nachrechnen will: Eine Studie des Universitätsspitals Zürich mit dem hübschen Titel «Burned for the Likes» zählte zwölf behandelte Zugsurfer in zehn Jahren – im Schnitt 44 Prozent verbrannte Körperoberfläche, jeder Dritte verliert ein Glied, fast jeder Zweite stirbt, über 500’000 Franken Behandlungskosten pro Fall. Das alles für ein Video, das ein paar Stunden lang im Feed nach oben gespült wird.
Der Kick für Feiglinge mit Fernbedienung
Nicht jeder klettert auf Hochspannungsleitungen oder hangelt sich seillos an Hochhausfassaden empor, um die Angst zu bezwingen und sich dabei unsterblich zu fühlen. Die Mehrheit ist klüger – also feiger – und lagert den Schauer aus. Wir konsumieren ihn aus dem Sessel: True Crime zum Abendessen, der Serienkiller als Gutenachtgeschichte, jeder Konflikt von den Medien zum Staffelfinale aufgeblasen, die Angst als Ware, sauber verpackt und jugendfrei. Wie geschmeidig sich aus dem mulmigen Gefühl ein Geschäft und ein politisches Werkzeug formen lässt, habe ich an anderer Stelle bereits ausgeweidet. Selbst der gute alte Klatsch gehört dazu: «Hast du gehört, was ihr passiert ist?» ist im Kern reine Angstbewältigung – wenn es die Nachbarin erwischt hat, erwischt es mich nicht, aber den wohligen Schauer kassiere ich trotzdem gratis mit.
Das Milliardengeschäft mit dem mulmigen Gefühl
Wo eine kollektive Urangst sitzt, sitzt auch eine Branche, die sie melkt. Die Schweizer Versicherungswirtschaft verbuchte 2024 ein Bruttoprämienvolumen von 150 Milliarden Franken und unter dem Strich ein Ergebnis von 10,4 Milliarden – Geld, das im Grunde eine einzige Wette darauf ist, dass das Schicksal jeden Moment zuschlagen könnte. Man versichert sich gegen Einbrecher, bei denen nie eingebrochen wird, man bucht keine Reise ohne Police für alle Fälle und zahlt nicht selten jahrzehntelang brav für ein Risiko, das einen nie betrifft. Die Angst ist der weltweit zuverlässigste Verkäufer: Sie nimmt nie Ferien, sie kennt kein schlechtes Gewissen und sie unterschreibt für dich gleich selbst. Kein Wunder also, dass ausgerechnet die mulmigsten aller Emotionen die solideste Bilanz der ganzen Branche schreiben.
Die Blase, in der wir so tun, als ob
Unter all dem Nervenkitzel und allen Policen liegt die eine Angst, die keiner anschauen will. Sie erinnert uns daran, wie dünn das Eis ist, auf dem wir tanzen. Denn betrachtet man diesen Planeten von aussen, sitzen wir auf einem mikroskopischen Felsbrocken, umgeben von Milliarden Lichtjahren Öde, einer Stille zum Fürchten und einer Kälte zum Sterben – und tun trotzdem so, als wären wir der Mittelpunkt von irgendetwas. Das Memento mori, die alte Erinnerung an die eigene Sterblichkeit, haben wir aus dem Alltag verbannt wie einen unangenehmen Gast. Der Tod ist bei uns zum schlechten Gesprächsstoff geworden, etwas, das man wegmoderiert wie eine peinliche Stille. Stattdessen spielen wir einander Tag für Tag das grosse «Läuft super!» vor, eine kollektive Notlüge, die das Dasein gerade noch erträglich hält. Wer den Mut über den Komfort stellt und der eigenen Fragilität ins Auge sieht, statt sie zu betäuben, ist in dieser Inszenierung schon fast ein Störenfried.
Friss oder stirb, aber spür wenigstens etwas
Die unbequeme Wahrheit ist: Der Mensch erträgt sich selbst nur, weil er den Horror in handliche Portionen abfüllt, mal als Serienfinale, mal als Versicherungspolice, mal als Mutprobe auf dem Zugdach. Nimm ihm die kleinen, dosierten Schauer weg und er inszeniert den grossen ganz von selbst. Die Branche, die daran verdient, nennt das Risikomanagement, der Bub auf dem Waggon nennt es Freiheit und der Rest von uns nennt es gemütlichen Feierabend vor dem Bildschirm. Und während wir alle so tun, als hätten wir den Tod ausgetrickst, kassiert die Angst weiter ihre Miete – pünktlich, lebenslänglich und mit einem Lächeln!








«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







