Es gibt einen Irrtum, der sich hartnäckig hält wie ein Kaugummi unter der Schulbank: Dummheit sei ein Mangel an Intelligenz, eine Frage des IQ, ein Betriebsunfall der Genetik, gegen den man ohnehin nichts machen kann. Wie praktisch. Wer dumm handelt, war halt einfach nicht schlau genug geboren – und damit aus dem Schneider.

Die dümmsten Menschen haben die besten Diplome

Nur stimmt das hinten und vorne nicht. Die dümmsten Dinge dieser Welt werden nicht von Menschen mit niedrigem Intelligenzquotienten getan, sondern von Leuten mit Diplomen an der Wand und einem beeindruckenden Wortschatz im Mund. Der Akademiker, der genau weiss, wie Zinseszins funktioniert und trotzdem seinen Dispo für ein Auto plündert, das er sich nicht leisten kann. Der Manager, der Studien über Burnout zitiert und sich selbst mit vierzig ins Grab optimiert. Dummheit hat einen Doktortitel und sie trägt ihn mit Würde.

Die dümmste Sorte ist die informierte
Nehmen wir das Lieblingsbeispiel des digitalen Zeitalters: Das endlose Wischen durch Kurzvideos, bis die Aufmerksamkeitsspanne die Halbwertszeit eines Wimpernschlags erreicht hat. Das eigentlich Bemerkenswerte daran ist nicht die Handlung. Es ist das Wissen, das mitwischt. Jeder Mensch mit funktionierendem Frontallappen weiss inzwischen, dass ihm dieses Wischen das Gehirn ausfranst. Es wurde erklärt, verlinkt, dokumentiert, in Talkshows durchgekaut. Und dann liegt derselbe Mensch nachts um halb zwei im Bett und wischt weiter, während irgendwo ein Algorithmus die Sektkorken knallen lässt.

Das ist keine Frage des Verstandes. Das ist eine Frage des Handelns gegen den eigenen Verstand. Genau hier fängt die interessante Definition von Dummheit an, die weit über Intelligenztests hinausreicht: Dummheit als fehlendes Bewusstsein, als abwesende Achtsamkeit, als das komplette Fehlen jeder Reflexion über das eigene Tun. Man muss nicht ins Detail gehen, um zu erkennen, wie eine ganze Generation herangezogen wird, die das Denken an Maschinen delegiert – und dabei nicht einmal merkt, dass sie es tut.

Die dümmsten Menschen haben die besten Diplome

Wohlstandsverwahrlosung mit Premiumabo
Es gibt die absichtliche Dummheit, die sich das Nichtwissen leistet wie ein Statussymbol. Es gibt die wohlstandsverwahrloste Dummheit, satt und träge, die jede Unbequemlichkeit für eine persönliche Beleidigung hält. Und es gibt die stille, schleichende Variante: Das Abstumpfen, das Dumpfsein, die Verrohung, die sich einstellt, wenn man lange genug aufgehört hat, hinzuschauen. Wer sich selbst nicht liebt, behandelt sich selbst dumm – und merkt es als Letztes. Dummheit ist selten laut. Meistens ist es ein leises Aufgeben, das man Bequemlichkeit nennt, weil das besser klingt.

Und dann kommt die grosse Trostlüge, die wir einander erzählen, um nachts schlafen zu können: «Die machen das mit Absicht. Die wissen genau, was sie tun.» Ein schöner Gedanke. Er unterstellt dem Durchschnittsmenschen eine strategische Klarheit, die er schlicht nicht besitzt. In Wahrheit entscheidet der Durchschnittsmensch erschreckend wenig selbst und hinterfragt noch weniger. Er ist ein wandelnder Kompromiss aus Zwängen, Pflichten, Ängsten und einem Rest von dem, was er für seinen eigenen Willen hält.

Der programmierte freie Wille
Wobei «eigener Wille» hier grosszügig gerechnet ist. Das, was dieser Mensch für seine ureigensten Wünsche hält, wurde ihm eingespielt, lange bevor er überhaupt auf die Idee kam, etwas zu wollen. Die Werbung, die Schule, das soziale Umfeld, der Feed – alle haben mitgeschrieben am Drehbuch, das er später für seine Autobiografie hält. Er wählt aus einem Menü, das andere zusammengestellt haben und nennt das Freiheit. Das ist nicht böse gemeint. Es ist einfach nur nicht das, was man bei bestem Willen intelligent nennen könnte.

Die dümmsten Menschen haben die besten Diplome

Das Ergebnis ist eine Dummkultur, die auf Dummheit gebaut ist und für ihren Erhalt immer noch mehr davon benötigt. Ein System, das keine denkenden Bürger produziert, sondern reibungslose Anpassungsleistung auf Zeit – und das jeden, der aus der Reihe fragt, zuverlässig aussortiert. Wer das für einen Betriebsunfall hält, hat die Betriebsanleitung nicht gelesen. Das Nicht-Denken ist kein Fehler im System. Es ist das Produkt.

Der Ausweg ist unbequem, deshalb nimmt ihn kaum jemand: Erkenne deine eigene Dummheit und ersetze sie durch etwas Schlaueres. Nicht die Dummheit der anderen – deine. Das ist der einzige Ort, an dem du überhaupt etwas ausrichten kannst. Der Mensch hat die vergangenen Jahrtausende nicht überlebt, weil er dunkel, dumpf und böse war. Er hat überlebt, weil ein paar von ihnen gegen den Strom dachten, während der Rest bequem mitschwamm.

Und die eigentliche Warnung steht ganz am Schluss, weil sie am meisten wehtut: Hüte dich vor der Dummheit der anderen. Sie fragt nicht nach deinem IQ. Sie diskutiert nicht, sie überzeugt nicht – sie steckt an, leise und geduldig, über das Vorbild, die Gewöhnung, den Feed. Dummheit ist kein Zustand, sie ist ein Verb. Sie ist ansteckend, und sie hat kein Fieberthermometer! Wer glaubt, gegen sie immun zu sein, hat sich meistens schon infiziert! Und der einzige Impfstoff, den es gibt, heisst Nachdenken – genau das, was wir uns gerade wegwischen lassen!

Die dümmsten Menschen haben die besten Diplome

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