Niemand erklärt einem Milliardär die Mehrwertsteuer, wenn er beim Dinner sitzt. Man reicht ihm den Wein und einen Nobelpreisträger zum Anfassen. Dieser Tauschhandel hielt einen verurteilten Sexualstraftäter ein Jahrzehnt lang im Zentrum der schlauesten Köpfe des Planeten und niemand fand das seltsam, solange die Spesen stimmten.
Der Mann verkaufte Zugang zur Intelligenz, ohne selbst welche nachweisen zu müssen. Er kaufte sich Dinner mit Physikern, finanzierte ihre Lieblingsprojekte und sass am Kopfende, während die hellsten Hirne um seine Aufmerksamkeit buhlten. Sein Eintrittsticket war ein Scheckbuch.
Der Salon, den ein Sittenstrolch bezahlte
Die Bühne hiess Edge Foundation, betrieben vom Literaturagenten John Brockman als digitaler Salon der grossen Denker. Was die Gästeliste lange verschwieg: Nach Prüfung der Steuerunterlagen durch BuzzFeed News war Jeffrey Epstein über Jahre mit Abstand der grösste Geldgeber dieses Salons (BuzzFeed News). Eine Analyse der Bilanzen zwischen 2001 und 2015 ergab rund 638’000 Dollar aus Epsteins Stiftungsgeflecht und in mehreren Jahren war er der einzige Spender überhaupt (The New Republic). Sein letztes verbuchtes Geld floss 2015. Im selben Jahr endete das legendäre Milliardärs-Dinner. Wer das für Zufall hält, glaubt vermutlich auch, dass Stiftungen aus Nächstenliebe existieren.
Was Epstein dafür bekam, war ein Schlüssel. Er sass neben Nobelpreisträgern und nutzte Brockmans Adressbuch als Türöffner in eine Welt, in die ein vorbestrafter Sexualstraftäter sonst nicht spaziert wäre (Scientific American). Selbst nach seiner Verurteilung von 2008 blieb er eingeladen. Bei einem Edge-Abendessen 2011 in Long Beach stand er offen auf der Gästeliste, höflich betitelt als Money Manager und Science Philanthropist (Byline Times). Die anwesenden Tech-Titanen wurden vorab informiert, wer da mitass. Empörung gab es keine, es gab Kaviar.
Der Deal, den jeder kennt und niemand erklärt
Zurück zu jener Verurteilung, die bis heute nach Fäulnis riecht. Statt einer 53-seitigen Bundesanklage unterschrieb Epstein 2008 ein Nichtverfolgungsabkommen, kassierte 13 Monate Bezirksgefängnis mit Freigang zum Arbeiten und die Vereinbarung schützte sämtliche Mitverschwörer gleich mit (The Daily Beast). Die Opfer wurden bewusst aussen vor gelassen, weshalb ein Bundesrichter später feststellte, der Deal habe ihre gesetzlich verbrieften Rechte verletzt. Justiz nach Mass, zugeschnitten auf einen einzigen Kunden.
Dann gibt es jenes Zitat, an dem sich die ganze Geheimdienst-Erzählung entzündet: Der zuständige Staatsanwalt Acosta soll erklärt haben, ihm sei gesagt worden, Epstein gehöre den Geheimdiensten, Finger weg. Ehrlich bleibt nur, wer die Quellenlage nennt: Die Aussage stammt aus einer einzigen Reporterin-Schilderung mit anonymer Quelle, Acosta bestritt sie unter Eid und der Bericht des Justizministeriums von 2020 fand keinen Beleg für eine Geheimdienst-Anbindung (Skeptic). Heisst das, der Deal war sauber? Selbstverständlich nicht. Es heisst nur, dass die spektakulärste Erklärung die am schwächsten belegte ist, während die langweilige Wahrheit, dass mächtige Freunde mächtige Türen öffnen, vollkommen ausreicht.
Die kalte Fusion und die heisse Legende
Im Umlauf ist auch die Behauptung, Epstein habe persönlich die Forschung zur kalten Fusion abgewürgt. Eine hübsche Geschichte, nur falsch herum erzählt. Die Experimente von Martin Fleischmann und Stanley Pons kollabierten 1989 ganz ohne finsteren Financier, schlicht weil Labore weltweit ihre Ergebnisse nicht reproduzieren konnten und die Physiker-Zunft das Ganze als pathologische Wissenschaft abräumte (Cold Fusion, Wikipedia). Selbst Google verbrannte drei Jahrzehnte später rund 10 Millionen Dollar und fand keinerlei Beleg dafür (ITER). Man benötigt keinen Epstein, um eine Idee zu beerdigen, die sich im Reagenzglas selbst erledigt. Die Legende zeigt das Muster: Wo eine echte Verschwörung zu fad scheint, wird eine grössere erfunden und am Ende glaubt man dem Drehbuch lieber als dem Laborprotokoll.
Vom Salon zum Serverraum
Das Netzwerk löste sich nicht auf, es wechselte nur den Ort. Am 18. September 2023 sass Elon Musk in der Tesla-Fabrik in Fremont mit Benjamin Netanyahu, dem Physiker Max Tegmark und Greg Brockman von OpenAI vor laufender Kamera und besprach die segensreiche KI-Revolution (JTA). Dass ausgerechnet ein Brockman in der Runde sass, ist purer Nachname-Zufall, denn der OpenAI-Mann ist mit dem Edge-Agenten nicht verwandt. Die Pointe braucht die Verwandtschaft auch gar nicht: Dieselbe Sorte Salon, nur der Wein wurde durch Rechenzentren ersetzt und die Botschaft lautet, das alles sei zu unserem Besten.
Und dann ist da Peter Thiel, den manche zur Marionette erklären wollen, was ihm zu viel Ehre antut. Belegbar ist Handfesteres: Die Justizakten zeigen eine jahrelange Korrespondenz zwischen Thiel und Epstein von 2014 bis 2019, Epstein nannte ihn in Mails seinen grossen Freund und steckte rund 40 Millionen Dollar in einen von Thiel mitgegründeten Wagniskapital-Fonds (The Stanford Daily). Kriminelles wirft ihm keine dieser Quellen vor und einen Besuch auf Epsteins Insel bestreitet er (Hoodline). Das macht die Sache nicht harmloser, nur präziser: Nähe ist keine Schuld, aber auch kein Versehen, wenn sie Jahre nach der Verurteilung gepflegt wird.
Was vom Dinner übrig bleibt
Wer eine Gruselgeschichte über einen einzelnen Schurken sucht, hat das Prinzip nicht verstanden, denn der wahre Skandal ist nicht Epstein, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sich Wissenschaft, Tech und Politik kaufen liessen. Wie tief der Filz reicht, ist auf diesem Blog mehrfach seziert worden, von Rockefeller über Epstein bis Gates bis zur Frage, wie ein Sexualstraftäter zum stillen Architekten des grössten Impfstoffgeschäfts der Geschichte werden konnte (der stille Architekt).
Diese Netzwerke sind keine Folklore von gestern, sie tagen weiter, nur mit besserer Beleuchtung. Sie verkaufen uns die Zukunft im selben Tonfall, in dem sie uns einst die Gesundheit verkauften.
Man kann eine ganze Wissenschaftselite mit Dinnereinladungen und Lieblingsprojekten kaufen und nennt es dann Förderung. Man kann einen Sexualstraftäter ein Jahrzehnt an den Kopf der Tafel setzen und nennt es dann intellektueller Austausch. Man kann jede unbequeme Frage zur Verschwörungstheorie erklären und jede bequeme Lüge zur Wissenschaft – und nennt dies «die Dritte Kultur»!










«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







