Caravaggio malte Huren als Madonnen und Bettler als Apostel. Er füllte die Heiligenbilder Roms mit den Gesichtern aus den Tavernen, in denen er soff. Er erfand das Helldunkel nicht als Maltechnik, sondern als Theologie – ein Lichtstrahl aus dem Nichts, der auf eine schmutzige Wirklichkeit fällt und sie zur Offenbarung macht. Dazwischen erstach er 1606 Ranuccio Tomassoni und floh aus Rom, malte in Neapel, Malta, Sizilien weiter, immer mit dem Todesurteil im Rücken. Er starb 1610 an einem Strand in der Toskana, allein, fiebrig, 38 Jahre alt. Die Kirche, die ihn beauftragte, hat sich bis heute nicht entschieden, ob sie ihn lieben oder verleugnen soll.

Giger erfand die Biomechanik – die Logik der Verschmelzung von Knochen und Maschine, von Sexualität und Industrie, von Geburt und Apparat. Er bekam 1980 den Oscar für ein Alien, das die Hollywood-Studios bis heute nicht überwunden haben. Er lebte zurückgezogen in einem Haus in Zürich-Oerlikon, das selbst eine Skulptur war. Die Schweiz, dieses Land der diskreten Untertreibung, wusste mit einem Mann, der das Innere von Maschinen zu Pornografie machte, schlichtweg nichts anzufangen. Man duldete ihn, weil er international Erfolg hatte. Geliebt hat man ihn nie. Als er 2014 starb, gratulierte sich die offizielle Schweiz auf einmal, einen so eigenwilligen Künstler hervorgebracht zu haben.

Zwischen Caravaggios letztem Atemzug am Strand von Porto Ercole und Gigers letztem Atemzug nach einem Treppensturz in Zürich liegen 404 Jahre. Was die beiden trotz allem teilen, ist nicht der Hang zum Dunklen, sondern die Bereitschaft, das Hässliche zu zeigen, ohne es zu verkleiden. Beide haben nicht das Böse gemalt, sondern dessen Beleuchtung. Beide wurden zu Lebzeiten als Skandal behandelt und nach dem Tod zu Markenzeichen verwurstet. Was bleibt, sind zwei Werke, die ohne Erklärbär funktionieren, weil sie keine Botschaft transportieren, sondern eine Atmosphäre erzeugen, in der einem das Atmen schwerfällt. Alles andere ist Dekoration.

Caravaggio vs Giger – Zwei Meister der Schwärze. Zwei Jahrhunderte Abstand
Caravaggio vs Giger – Zwei Meister der Schwärze. Zwei Jahrhunderte Abstand

(via Yurii Yeltsov)

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