Es war einmal eine Welt, in der man für Hollywood arbeiten wollte, musste man zumindest die Bereitschaft mitbringen, seinen Arsch in ein Flugzeug zu setzen. Sonnenbrand, Koks und Selbstüberschätzung inklusive. Diese Zeiten sind vorbei. Heute reicht ein Arbeitszimmer in Hamburg-Altona, eine KI-Software und ein kreativer Wille – und schon bist du mittendrin im Traumfabrik-Betrieb. Willkommen in der Zukunft des Kinos. Oder dem, was davon übrig bleibt.
Eike Swoboda, Absolvent der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, hat den Anruf bekommen. Den Anruf. Hollywood meldete sich, weil er bei einer Ausschreibung der Firma NeoCinema eine Arbeitsprobe einreichte – und man fand gut, was er gemacht hatte. Man könnte jetzt zynisch fragen, warum eine Hollywood-Produktionsfirma nicht einfach auf die Besten der Besten zurückgreift, die bekanntlich dort sitzen und auf Arbeit warten. Aber Swoboda hat diese Frage selbst gestellt – und die ehrliche Antwort lautet vermutlich: Weil die KI ohnehin den Grossteil der Arbeit übernimmt und ein kreativer Kopf aus Altona genauso gut funktioniert wie einer aus Beverly Hills. Günstiger wahrscheinlich auch.
Das Ergebnis: Blurred Horizon, eine KI-generierte Actionserie bringt mit Folge 1 «Ablauftag» 25 Minuten beste Unterhaltung. Kein Set. Keine Kamera. Keine Scheinwerfer. Kein Bühnenbau. Stattdessen: Prompts, Finetuning und jede Menge Entscheidungen darüber, wie Schlafsärge auszusehen haben und wo im Hintergrund etwas steht. Das ist, wie uns versichert wird, «ganz viel klassische Filmarbeit». Man möge den Regisseuren von einst verzeihen, dass sie das nicht wussten.
Die Hauptfigur Zara Vasquez – Mitte dreissig, dunkle Haare, selbstbewusst wirkend – wurde per KI-Prompt ins Leben gerufen. Ein Hin und Her mit der Software, bis das Bild stimmte. Immerhin: Ihre Stimme gehört einem echten Menschen. Rosa Salazar, bekannt aus «Alita: Battle Angel» und Amazons «Undone», spricht die Rolle. Weil, so Swoboda, KI-Stimmen zu kühl klingen. Da hat er recht. Es ist tatsächlich beruhigend zu wissen, dass die Maschine zumindest beim Sprechen noch Hilfe braucht. Vorerst.
Auch die Musik kommt vom Menschen – Synthesizer und Melotron, analog aufgenommen in Altona. Thirty Seconds to Mars und Jared Leto steuern ebenfalls Musik bei, was entweder ein Statement oder ein Zufall ist. Der Titelsong stammt von Photek. Das Ganze klingt nach einer Produktionsliste, die absichtlich darauf ausgelegt ist, Eindruck zu machen – ausführende Produzenten Trey Callaway (House of David), Jeff T. Thomas (Fubar), Produzent Kevin Tancharoen (Book of Boba Fett). Gut sortierte Namen für eine Serie, die im Grunde auf einem Laptop entstanden ist.
Folge zwei, Mindpods, wirft uns in eine düstere Zukunft, in der die Menschheit schlafwandelnd durch eine konzerngesteuerte Realität taumelt. Eine neue virtuelle Erfahrung namens MindPods bietet verlockende Flucht – und ihre intensivere Version, Neurorush, verspricht totale Immersion auf Kosten von psychischem Schaden, Gedächtnisverlust und dem vollständigen Verwischen der Grenze zwischen digital und real. Man fragt sich, ob das als Satire gemeint ist oder als Werbung. Dann schaut man sich an, wie die Serie entstanden ist und die Frage beantwortet sich von selbst.
Sei es wie es sei: Blurred Horizon existiert, sieht gut aus und ein Hamburger hat Hollywood davon überzeugt, dass sein Arbeitszimmer ein vollwertiges Studio ist. Das ist, bei allem Sarkasmus, nicht nichts. Die Traumfabrik hat sich neu erfunden – nur dass jetzt die Träume von Algorithmen gerendert werden…






«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








