In Kalifornien existiert ein Gesetz. Selbstverständlich verfügt Kalifornien über gesetzliche Regelungen. In Kalifornien gab es stets Regeln. Dieses Exemplar stellt eine wahrlich prächtige Manifestation jener Gattung staatlicher Übergriffigkeit, ja behördlicher Bevormundung dar, die sich gerne als Wohltäter inszeniert, sich selbst für Fürsorge hält und dabei das Gesicht von jemandem trägt, der gerade verkündet hat, er handle einzig zum Wohle der Sprösslinge. Doch in Wahrheit schert er sich keinen Deut um Kinder!
Assembly Bill 1043, unterzeichnet von Gouverneur Gavin Newsom im Oktober 2025, in Kraft ab dem 1. Januar 2027, verpflichtet jeden Betriebssystem-Anbieter dazu, beim Account-Setup ein Altersverifikations-Interface einzubauen – und diese Altersdaten in Echtzeit per API an jeden App-Entwickler weiterzuleiten, der danach fragt. Jeder. Entwickler. Der. Danach. Fragt.
Man muss das kurz sacken lassen. Dein Betriebssystem – das Fundament, auf dem dein Computer läuft, das Werkzeug, das dir gehört, das du selbst installiert hast – soll künftig wissen, wie alt du bist. Und es soll dieses Wissen weitergeben. An Dritte. In Echtzeit. Weil: Kinder.
76 zu 0. Einstimmig. Kein Dissens.
Das Gesetz passierte beide Kammern des kalifornischen Parlaments einstimmig – 76 zu 0 in der Assembly, 38 zu 0 im Senat. Nicht eine einzige Gegenstimme. Nicht ein einziger Abgeordneter, der aufgestanden wäre und gefragt hätte: Warte mal – wir verpflichten jetzt also Betriebssysteme zur Alterskontrolle? Freiwillige Communityprojekte ohne Rechtsabteilung, ohne Budget, ohne Firmenstruktur? Haben wir das zu Ende gedacht?
Niemand hat gefragt. Die OSI, die FSF, die Software Freedom Conservancy und die Linux Foundation – sie alle schwiegen während des Gesetzgebungsverfahrens. Keine Stellungnahme, keine öffentliche Analyse, kein formeller Widerspruch. Die Open-Source-Welt schaute zu, während ein Gesetz verabschiedet wurde, das ihre gesamte Infrastruktur in potenzielle Strafbarkeit katapultierte. Bravo, kollektive Zivilgesellschaft.
Für Verstösse drohen Bussen von bis zu 7500 Dollar pro betroffenem Kind bei vorsätzlichen Verstössen – ohne jede Ausnahme für Projekte, die gar nicht die Mittel haben, eine Compliance-Infrastruktur aufzubauen. Ein Debian-Maintainer in seiner Freizeit, finanziert durch Spenden und Enthusiasmus, soll jetzt die gleichen Anforderungen erfüllen wie Microsoft. Hervorragend durchdacht.
Der Witz mit der Selbstauskunft
Und jetzt kommt der schönste Teil. Das Gesetz basiert nicht auf Gesichtserkennung oder staatlicher ID-Kontrolle – sondern auf Selbstauskunft. Nutzer geben einfach ihr Geburtsdatum an. Ein Kind, das «erwachsen» sein will, tippt eine andere Zahl. Fertig. Problem gelöst. Kinder geschützt.
Man hat also eine flächendeckende Überwachungsinfrastruktur gebaut, die das eigentliche Problem – Kinder, die lügen – mit Bravour ignoriert, aber sehr gründlich das Nebenprodukt sicherstellt, dass Altersdaten aller Nutzer in Echtzeit durch ein API-System fliessen, das theoretisch von jedem App-Entwickler abgefragt werden kann, der danach fragt.
Das ist kein Kinderschutzgesetz. Das ist ein Datenerhebungsgesetz mit Kinderschutz-Branding.
Ageless Linux: Das Nein in Debian-Verkleidung
Und hier betritt Ageless Linux die Bühne. Kein Startup. Kein Venture-Capital-Projekt. Kein PR-Stunt. Eine neue Linux-Distribution, basierend auf Debian, motiviert von politischem Kommentar und zivilem Ungehorsam – und mit dem erklärten Ziel, jede Form von Altersverifikation konsequent zu vermeiden.
Das Projekt schreibt auf seiner Website ohne Umschweife: Es verstösst wissentlich und vorsätzlich gegen die Altersverifikationsvorschriften des kalifornischen Zivilgesetzbuches. Es registriert sich dabei ausdrücklich als Betriebssystem gemäss den gesetzlichen Definitionen – und stellt sich damit absichtlich ins Visier der Strafverfolger. Das ist kein Versehen. Das ist Strategie.
Die Ageless-Entwickler betonen: «Wir sind nicht gegen Kinderschutz. Wir sprechen uns dagegen aus, Überwachungsinfrastruktur aufzubauen und dies als Kinderschutz zu bezeichnen.» Der Unterschied ist fundamental und er wird in der politischen Debatte mit atemberaubender Konsequenz ignoriert.
Was würden sie stattdessen unterstützen? Gesetze, die Plattformen für algorithmische Weiterleitung schädlicher Inhalte an Minderjährige zur Rechenschaft ziehen. Gesetze, die digitale Kompetenz an Schulen fördern. Gesetze, die Apps mit echtem Risikoprofil zu transparenten Sicherheitshinweisen verpflichten. Also Massnahmen, die tatsächlich etwas mit dem Problem zu tun haben.
Die Klage, die sich jeder leisten kann – und niemand überlebt
Das Gesetz wirkt, weil die Kosten für die Verteidigung gegen eine unbegründete Klage der Generalstaatsanwaltschaft das gesamte Jahresbudget der meisten Open-Source-Projekte übersteigen. Man muss nicht mit Gewalt vorgehen. Man muss es nur öffentlich sichtbar machen.
Das ist der eleganteste Teil des staatlichen Übergriffs: Man braucht gar nicht zu klagen. Die Androhung reicht. Die Möglichkeit reicht. Das Risiko reicht. Wer kein Geld für Anwälte hat, kapituliert prophylaktisch. Compliance durch Angst. Rechtsstaatlichkeit als Druckmittel.
Ageless Linux existiert, weil das jemand aufhalten muss. Und das Versprechen ist klar: Solange es Linux-Distributionen gibt, die staatliche Altersverifikationsinfrastruktur implementieren, wird Ageless Linux Werkzeuge bereitstellen, um diese Infrastruktur zu entfernen, zu ersetzen oder zu umgehen. Es wird immer eine Distribution geben, die ihre Nutzer als Personen unbestimmten Alters behandelt.
In einer Welt, in der die EU parallel ihre eigene Altersverifikation-App entwickelt – natürlich «datenschutzfreundlich», natürlich kompatibel mit der EUDI-Wallet, die ab 2027 obligatorisch werden soll – ist Ageless Linux nicht Paranoia. Es ist Vorsorge.
Henry David Thoreau verweigerte 1849 die Steuer, weil er sich nicht zum Arm des Unrechts machen lassen wollte. Ageless Linux verweigert 2026 die API. Die Logik ist dieselbe. Die Reaktion des Staates wird wahrscheinlich auch dieselbe sein.




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