Es war einmal eine böse Weltregierung. Sie hiess unipolar, trug ein amerikanisches Sternenbanner und liess sich vom halben Planeten herzlich verachten. Bis jemand auf die geniale Idee kam, denselben Kerker einfach umzudekorieren: Nicht mehr ein Wärter, sondern fünf. Nicht mehr Hegemonie, sondern „Multipolarität». Willkommen in der Welt, in der die Befreiung vom Westen aus exakt denselben Gremien serviert wird, gegen die man angeblich rebelliert.
Die These ist so unbequem, dass sie kein Mensch hören will: Der «neue», multipolare Weltordnungs-Frühling sei kein Gegenentwurf zur Globalsteuerung, sondern ihre charmantere Verpackung. Ein trojanisches Pferd für all jene, die das amerikanische Imperium satt hatten und nun jubelnd ein Geschenk ins Tor ziehen, das innen mit denselben Institutionen ausgekleidet ist. Regionalblöcke als Bausteine, nicht als Bollwerke. Die Frage ist nicht, ob das stimmt. Die Frage ist, warum die Belege so unangenehm gut passen.
Wenn der Feind dieselbe Liturgie betet
Man stelle sich zwei verfeindete Lager vor, die sich täglich im Fernsehen anbrüllen und nachts heimlich aus demselben Gesangbuch singen. Putin warnte 2017 am BRICS-Gipfel in Xiamen ausdrücklich davor, Politik mit der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele zu vermengen und betonte, Russland arbeite hart an der Agenda 2030. Dieselbe Agenda 2030, dasselbe «Law-based International Order», dieselben Sustainable Development Goals, die der angebliche Erzgegner im Westen predigt. Die Pointe der Geschichte schrieb dann ausgerechnet Washington: Im April 2025 lehnte die US-Mission bei der UNO die Agenda 2030 öffentlich ab und kündigte an, sie nicht länger zu bekräftigen. Der «Unipol» steigt aus dem Programm aus, der «Gegenpol» bleibt drin. Wer hier noch an ein echtes Ringen zweier Systeme glaubt, glaubt vermutlich auch, dass Wrestling improvisiert ist.
Die Bank, die gegen die Banken kämpft – mit deren Erlaubnis
Das schönste Märchen der Multipolaren lautet: Die BRICS-Staaten bauen ein alternatives Finanzsystem, befreit von Weltbank und IMF. Klingt wunderbar nach Aufstand. Bis man nachliest. Die New Development Bank wurde vom Council on Foreign Relations selbst als blosses Spiegelbild von Weltbank und IMF beschrieben – als «Nachahmung», nicht als Sturz. Und das angebliche Notfall-Instrument der BRICS, die Contingent Reserve Arrangement, ist so trotzig konstruiert, dass der Zugriff auf 70 Prozent der Mittel ein bestehendes IMF-Arrangement voraussetzt. Die Rebellen benötigen die schriftliche Genehmigung der Tyrannei, bevor sie ihr eigenes Geld antasten dürfen. Man muss das langsam lesen, damit die Absurdität sacken kann.
Und der berühmte chinesische SWIFT-Killer? Das Cross-Border Interbank Payment System CIPS, von dem es heisst, es entdollarisiere den Globus? Rund 80 Prozent seiner Transaktionen laufen weiterhin über SWIFT, dieselbe westliche Messaging-Infrastruktur, die es ersetzen soll. Im Frühling 2025 unterzeichneten SWIFT und CIPS sogar ein Memorandum zur Zusammenarbeit. Kein Duell, eine Kooperation. Der Drache und der Adler teilen sich die Leitung und schimpfen vor laufender Kamera übereinander, damit das Publikum etwas zu klatschen hat.
Die Erfindung der Region als Käfig
Wer das Muster verstehen will, schaut auf das Original: Die EU als erstes grosses Labor regionaler Verwaltung, Modell für den Rest der Welt. Die russisch geführte Eurasische Wirtschaftsunion ist bis hinunter zur eigenen Kommission und zum eigenen Rat exakt nach Brüsseler Bauplan geklont – ein erstaunlicher Akt der Unabhängigkeit, die Möbel des Gegners nachzubauen. Lateinamerika, Zentralamerika, der Nahe Osten: Überall werden dieselben Blöcke diskutiert. Souveräne Nationen werden nicht abgeschafft, sie werden zu verwalteten Verwaltungseinheiten heruntergedimmt, in denen Energie, Nahrung und Bewegung von einer technokratischen «Aktionsgruppe» zum «Gemeinwohl» zugeteilt werden. Ob das Ganze unipolar oder multipolar firmiert, ist dem Zuteilungsalgorithmus herzlich egal – das hat dieser Blog beim Eigentum 2.0 bereits seziert, wo aus Besitz ein widerrufbarer Token wird.
Hundertdreissig Jahre Drehbuch
Das Beste kommt zum Schluss, und es ist kein Geheimnis, sondern dokumentierte Universitätsgeschichte. Der Georgetown-Historiker Carroll Quigley beschrieb in „Tragedy and Hope» eine 1891 in London gegründete Geheimgesellschaft um Cecil Rhodes und William T. Stead, aus deren Round-Table-Netzwerk später der Council on Foreign Relations und Chatham House hervorgingen – jene Häuser, die laut Quigley die globalen Institutionen von UNO bis IMF mit aufbauten. Kein Tweet eines anonymen Spinners, sondern das Lebenswerk eines Mannes, der Bill Clintons Mentor war und Akten der CFR einsehen durfte. Wer also den Verlauf der «internationalen Ordnung» für spontanes Weltgeschehen hält, hat die Hausaufgaben nicht gemacht. Die digitale Vollendung dieses Apparats – Zentralbank-Digitalwährungen, programmierbares Geld, lückenlose Steuerbarkeit – haben wir an anderer Stelle ausbuchstabiert. Ost und West marschieren auch hier im Gleichschritt Richtung CBDC, jeder mit seiner eigenen Fahne, beide in dieselbe Kaserne.
Putin und Xi stürzen diese Ordnung nicht. Sie kämpfen um einen Stuhl am Tisch und nennen das Widerstand! Die Multipolarität ist kein Ausgang aus dem Käfig, sondern ein zweiter Schlüssel für dieselbe Tür, ausgehändigt an alle, die dem ersten Schliesser misstrauten! Und das eigentliche Meisterstück ist nicht die Kontrolle selbst, sondern die Inszenierung des Befreiungskrieges gegen sie – ein Theater, in dem die Gefangenen ihre neuen Wärter bejubeln und es Souveränität taufen!









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